Dr. Klaus Radunsky, Abteilungsleiter, Umweltbundesamt GmbH.
Was nehmen Sie vom 17. UNO-Klimagipfel in Durban mit? Was wurde erreicht?
Radunsky: Es konnten wichtige Durchführungsbestimmungen zu den vor einem Jahr in Cancun gefassten Beschlüssen vereinbart werden. Dies betrifft insbesondere die Anpassung an den Klimawandel. So wird 2012 das Anpassungs-Komitee seine Arbeit aufnehmen können, die Voraussetzungen zur Finanzierung und Gestaltung von Nationalen Anpassungsplänen in Entwicklungsländern wurden geschaffen, sowie Beschlüsse zum Aufbau von Kapazitäten in Entwicklungsländern wurden erzielt. Aber auch bezüglich der zentralen Frage der Klimaschutzpolitik konnten Fortschritte erzielt werden – die Verpflichtungen aus dem Kyoto-Protokoll werden nicht sang- und klanglos auslaufen wie noch in Cancun, sondern es wird weiterhin ein rechtsverbindliches Regelwerk geben, welches die Vergleichbarkeit der Daten sicherstellt, welches eine gegenseitige Überprüfung der Daten ermöglicht, und vielleicht am wichtigsten: ein Mechanismus zur Überprüfung der Angemessenheit der Ziele, die sich die Staaten gesetzt haben, wurde beschlossen.
Zwar wird dieses Regelwerk zunächst nicht für alle Staaten mit wesentlichen Emissionen gelten, auch sind die jetzt bestehenden Emissionsverpflichtungen unzureichend, doch wurde die Voraussetzung zum Beschluss von ehrgeizigeren Zielen nach der ersten Überprüfung geschaffen, welche 2013 bis 2015 stattfinden wird. Die Vereinbarung sieht u.a. einen Zeitplan für die Schaffung eines rechtsverbindlichen Regelwerkes für alle Staaten mit wesentlichen Emissionen, also unter Einschluss der USA, von China und Indien, Brasilien und Südafrika, vor.
Waren die Verhandlungen über konkrete Reduktionsziele ambitioniert genug?
Radunsky: Wie bereits ausgeführt, wird die Diskussion über die Angemessenheit der Ziele erst 2015 in die „heiße“ Phase treten – bis dahin wird man sich wohl mit weiter wachsenden globalen Treibhausgasemissionen abfinden müssen. Der weitere Anstieg wird nicht durch eine internationale Vereinbarung zum Klimaschutz begrenzt.
Die Wissenschaft geht davon aus, dass ein Anstieg der Erdtemperatur von zwei Grad gerade noch hinnehmbar wäre. Vier Grad plus können zu nicht mehr kontrollierbaren Katastrophen führen. Mit welchem Szenario müssen wir in den nächsten Jahren rechnen?
Radunsky: Die weitverbreitete Meinung, dass das Zwei-Grad-Ziel von der Wissenschaft bzw. dem Weltklima-Rat vorgegeben wurde, ist so nicht richtig. Richtig ist vielmehr, dass der Weltklimarat zuletzt in dem 2007 erschienen Vierten Zustandsbericht auf die bereits jetzt bekannten Auswirkungen der globalen Klimaerwärmung hingewiesen hat. Gegenstand der Untersuchungen war der Temperaturbereich von praktisch Null bis etwa 5 Grad.
Es war eine politische Entscheidung der großen Mehrheit der Staaten, sich auf zwei Grad festzulegen; dagegen betrachten manche Staaten eine Obergrenze von lediglich 1,5 Grad Celsius oder gar 1 Grad als gerade noch vertretbar. Faktum ist, dass bereits die gegenwärtig erreichte Erwärmung für gewisse natürliche und menschliche Systeme zum Zusammenbruch führt – ein Beispiel wäre die Kultur der Inuit in den arktischen Breiten. In den kommenden Jahrzehnten wird sich die globale Erwärmung weiter fortsetzen; um 2050 könnte sie bereits 2 Grad gegenüber dem vorindustriellen Wert erreichen. Dies ist, bedingt durch die Trägheit des Klimasystems, nahezu unabhängig von den jetzt gesetzten Maßnahmen zur Emissionsminderung, weshalb Maßnahmen zur Anpassung immer bedeutender werden.
Diese emissionsmindernden Maßnahmen sind aber ausschlaggebend für die weitere Erwärmung in der 2. Hälfte dieses Jahrhunderts: Es können nochmals 2 Grad hinzukommen oder die Temperaturzunahme kann sich stark abflachen und wir können sie bei 2,5 Grad oder noch darunter stabilisieren.
Sie sind Obmann des Vereins der Freunde der PILGRIM-Schule. PILGRIM steht für
Spiritualität und Nachhaltigkeit im schulischen Umfeld. Warum werden die Stimmen der Kirchen im Hinblick auf die Bewahrung der Schöpfung politisch so wenig gehört?
Radunsky: Die Vertreter von Religionen verfolgen seit langem den Klimaprozess mit großem Interesse. Der direkte Einfluss der religiösen Vertreter auf den Klimaprozess ist naturgemäß gering. Religionen, Kirchen verstehen sich auch nicht (mehr) als politische Parteien. Die Stimme der Kirchen richtet sich in der Regel an ihre Mitglieder, an jene, welche sich zu ihnen bekennen. Und es sind nicht zuletzt diese zahlreichen Gläubigen der verschiedensten religiösen Bekenntnisse, welche zu den Erfolgen im Klimaprozess beitragen, angefangen vom Erkenntnisgewinn durch Forschung bis zum Ausverhandeln von politischen Lösungen. Die feste Verankerung im Glauben war für die Einleitung des durch die Klimapolitik ausgelösten Transformationsprozesses unseres Lebens sicher eine wichtige Stütze. Wir stehen mitten im Umbruch bzw. Aufbruch in ein neues Zeitalter, welches jenes ablöst, welches durch die Nutzung fossiler Energieträger geprägt war. Das neue Zeitalter wird durch größere Nachhaltigkeit und Achtung vor der Schöpfung geprägt sein.
Interview: Stefan Kronthaler