Montag 2. März 2026
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Facebook-Charisma

(11.12.2011)  Über die Chancen der Kirche im Social Web - Interview mit Andrea Mayer-Edoloeyi



Wo und wie kann sich die Kirche in den Social Media (Facebook. Twitter ...) einbringen?

Andrea Mayer-Edoloeyi: Es ist besser von Personen zu sprechen, die sich einbringen, weil es in den Social Media immer Personen sind, die das tun. In der Kirche können das Menschen sein, die hier ihr Charisma finden, besonders solche, die mit Jugendlichen zu tun haben, aber auch in allen anderen Altersgruppen. Als einzelne kirchliche Einrichtungen und Pfarren kommt es darauf an, sich strategische Ziele zu setzen. Es gibt hier keine Pauschalantworten, sondern es braucht das Engagement einzelner Personen. Social Media folgen einer Bottom-up-Bewegung, sie können nicht von oben nach unten gesteuert werden. Die Kirche als Institution kann diese Entwicklung aber wahrnehmen und unterstützen.

Welche Chancen sollte die Kirche hier nützen?

Andrea Mayer-Edoloeyi: Für die Kirche bietet sich die Chance, neue Kommunikationsgruppen in postmodernen Lebenswelten zu erschließen. Es lohnt sich, hier zu investieren und sich auf diese Kommunikation einzulassen. Es gibt bereits viele kirchliche Mitarbeiter/innen, die auf Facebook aktiv sind – das ist ein persönliches Netzwerk. Möglichkeiten bieten auch Projekte in Richtung Blogs, YouTube usw.

 

Sehen Sie auch Risiken und Gefahren?

Andrea Mayer-Edoloeyi: Im Blick auf Facebook haben wir es mit einem kommerziellen Unternehmen zu tun, das unsere Daten sammelt. Ich würde mir wünschen, dass die Kirche die Benützerinnen im kompetenten Umgang mit den Social Media stärkt und sich, was Netz-Politik betrifft, verstärkt zu Wort meldet.

Inwiefern kann Facebook mit dem II. Vatikanum in Verbindung gebracht werden?

Andrea Mayer-Edoloeyi: Kirche in den Social Media beginnt – ganz im Sinne des II. Vatikanischen Konzils – bei der Ermächtigung der einzelnen Christ/inn/en, beim „Priestertum aller Gläubigen“: Alle Christ/inn/en sind aufgefordert, das, was sie glauben, in Kommunikation zu bringen. Christ/- inn/en bezeugen und bekennen ihren Glauben in ihren Lebenswelten, dort wo sie gerade sind – eben auch im Social Web.

Wird das Social Web zur Konkurrenz zu Pfarrblatt, Kirchenzeitung & Co.?

Andrea Mayer-Edoloeyi: Ich sehe das nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung. Jesus hat den Glauben durch das persönliche Gespräch verkündet, Paulus hat Briefe geschrieben, der Buchdruck brachte eine weitere Revolution in der Kommunikation. Wir müssen die Kommunikationsmittel auf der Höhe der Zeit sehen. Im kirchlichen Bereich braucht es ein Cross-Media-Publishing, d. h. Inhalte für unterschiedliche Medien aufzuarbeiten, sei es in einem Artikel, einem Video usw.

Stehen die Kommunikationsstrukturen der Kirche vor einem Umbruch?

Andrea Mayer-Edoloeyi: Die Kommunikationsstrukturen sind gesamtgesellschaftlich im Umbruch. „Gatekeeper“ („der, der die Nachrichten auswählt“, Anm. d. Red.) wie klassische Medien oder Nachrichtenagenturen werden unwichtiger, die Kommunikation direkter. Das Internet ist das neue Leitmedium. Der Trend geht zur personalen Kommunikation. Das ist auch im Sinne unserer Religion, denn wir glauben ja an einen persönlichen Gott.

Was ist mit denen, die Social Media verweigern?

Andrea Mayer-Edoloeyi: Es gibt Menschen, die ihr Charisma in anderen Formen der Kommunikation haben – in der Krankenhausseelsorge z. B. wird es nie ohne das persönliche Gespräch gehen. Niemand kann genötigt werden, im Social Web aktiv zu werden! Sinnvoll ist es vor allem in der Jugendarbeit.

 

Was sind Social Media Guidelines? Gibt es solche bereits für die Kirche in Österreich?

Andrea Mayer-Edoloeyi: Social Media Guidelines sind Richtlinien für die Nutzung von Social Media. Sie sollen Menschen ermutigen und Fragen klären, wie z. B.: Wo bin ich Person? Wo bin ich Institution? Wo beginnt die Privatsphäre usw. Gute Lösungen hat hier in Österreich z. B. das Rote Kreuz gefunden. Wichtig für die Kirche ist es, sich auf diesen Entwicklungsprozess einzulassen – die Deutsche Bischofskonferenz ist hier schon aktiv, wobei der Prozess breit angelegt ist.

 

Social Media Guidelines müssen unter Beteiligung jener entwickelt werden, die sie betreffen. Sie verstehen sich nicht als Verordnung, sondern als Arbeitshilfe. Hier sind auch alle kirchlichen Einrichtungen wie z. B. Pfarren, Bildungshäuser oder Jugendgruppen selbst gefragt, sich etwas zu überlegen. Ich möchte noch betonen: Die Menschen, die heute unter 30 sind, sind in 10-15 Jahren die Entscheidungsträger/innen in der Gesellschaft, das Social Web ist für sie selbstverständlich. Wir befinden uns in einem großen Umbruch. Die Kirche tut gut daran, sich besser heute als morgen mit dem Thema zu beschäftigen und ihre eigenen Mitarbeiter/innen im Bereich der Social Media fit zu machen und bestehende Initiative zu unterstützen.    

Agathe Gansterer



 

„Bei weit über zwei Millionen Österreichern in Facebook bin ich mir ziemlich sicher, dass der hl. Paulus das heute als einen Marktplatz ansehen würde, auf dem zu predigen sich lohnt. Wir tun das auch – auch wenn predigen hier ganz anders aussehen muss. Verkündigung ist heute zuerst: sich dem Gespräch stellen. Genau dafür ist Facebook gut.“ 

 

Michael Prüller, Pressesprecher der ED-Wien

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