„In mancher Hinsicht sind wir wieder am Anfang des Christentums“: In einem Beitrag für die 60. Ausgabe des Magazins „Das Jüdische Echo“ hat Kardinal Christoph Schönborn ohne Beschönigung und voll Zuversicht die Situation des in Europa „weitgehend marginalisiert“ erscheinenden Christentums beschrieben.
Schönborn wies auf das heute weitgehend „heidnische“ Umfeld hin, in dem christliche Grundhaltungen verlernt worden seien und „Astrologie und Abtreibung, Aberglaube und Ängste vorherrschen“. Dennoch seien die Kirchen in Europa keineswegs „Auslaufmodell“ – im Gegenteil: „Europa braucht den prophetischen Einspruch des Christentums als heilsame Unruhestiftung“. Andererseits brauche das Christentum die kritische Rückfrage des säkularen Europa. Diese wecke es auf, fordere es heraus.
Der Wiener Erzbischof nennt in seinem Artikel drei geistige „Früchte“ des Christentums, die Europa tief geprägt hätten und „nicht verloren gehen sollen“:
Auch wenn es in der Geschichte der Kirche immer wieder Verstöße gegen die eigene Freiheitslehre gegeben habe, bleibe diese doch „die Grundlage für die Freiheitsrechte, die Europa groß gemacht haben“.
Das biblische Diktum, wonach Gott mehr zu gehorchen sei als dem Menschen, „brachte ein Element der persönlichen Freiheit gegenüber gesellschaftlichen Zwängen“. Der Christ sei frei dem Staat gegenüber, „weil er nie nur Staatsbürger ist“, betonte Schönborn. Dieses „Ferment der Freiheit“ habe das Christentum auch im heutigen Europa einzubringen.
Die stärkste Ressource habe das Christentum in der Zusage Jesu: „Seht, ich bin bei euch alle Tage, bis ans Ende der Zeit.“ Diese Zusage ist nach der Überzeugung Kardinal Schönborns der tiefere Grund hinter der raschen Ausbreitung der Kirche im Altertum wie auch der „unerschöpflichen Regenerationskraft“ des Christentums.
„Im Tiefsten“, so Schönborn im Blick auf die skeptische, immer wieder Glaubwürdigkeit einfordernde Gesellschaft, „sehnt sich Europa nach einem authentischen Christentum“.