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Verschwiegenes Risiko

(27.11.2011) „Die Eizellspende – schafft sie mehr Probleme, als sie löst?"

Nicht nur das Wohl der Paare, die sich ein Kind erhoffen, oder der vermeintliche Nutzen für die Stammzellenforschung  darf bei der Diskussion um die Eizellspende berücksichtigt werden.  Vielmehr ist es an der Zeit, das Wohl der Spenderinnen und der auf diesem Weg gezeugten Kinder ins öffentliche Bewusstsein zu rücken und miteinzubeziehen. Darüber waren sich die Expertinnen, die am 17. November auf Einladung der aktion leben österreich zum Thema Eizellspende zu Wort kamen, einig.


„Eine offene, ehrliche Diskussion, die über gesundheitliche Risiken, die meist nur geringen Erfolgsraten, ethische Bedenken und Langzeitfolgen für alle Betroffenen informiert, gibt es weder in Österreich und Deutschland, in denen die Eizellspende verboten ist, noch in Ländern wie Spanien, Großbritannien, Rumänien oder Polen, in denen sie bereits erlaubt ist,“ kritisierte die Journalistin und Sozialwissenschaftlerin Eva Schindele.


Schon die offizielle Bezeichnung „Eizellspenderin“ sei irreführend, so die Wiener Moraltheologin Sigrid Müller „Man spricht von ,Spende‘, also von etwas, das ich ohne Gefahren weggebe, ohne persönliche Einschränkungen und Beeinträchtigungen. Dabei ist gerade bei der Eizellspende die ,Spende‘ nichts Altruistisches – dahinter steht ein Markt, eine ganze Industrie. Das muss gesagt werden dürfen.“


Die Eizellspende ist ein Risiko für Frauen, die selbst keinen Nutzen davon haben”, betonte auch die Medizinsoziologin Giselind Berg.

Mehr als acht

Eine einzige Eizelle reift in einem Zyklus im Körper einer Frau heran. Um eine Eizellspende machen zu können, braucht es aber mehr als acht Eizellen. Um diese hohe Zahl zu erreichen werden die Spenderinnen hormonell stimuliert – die Prozedur ist aufwendig, unangenehm und gesundheitlich riskant. „Im schlimmsten Fall kann diese Stimulation zu einem Überstimulationssyndrom führen, und das kann lebensbedrohlich sein“, so Medizinsoziologin Berg. Dazu kämen die Langzeitfolgen, die eine Überstimulation mit sich bringen können.

 

So sei etwa die Frage nach der Entstehung von hormonabhängigen Karzinomen nach einer Stimulation nicht geklärt. „Dazu gibt es widersprüchliche Aussagen“, sagte Berg, „Aber in die Öffentlichkeit wird ja schon kaum transportiert, dass es gesundheitliche Schwierigkeiten geben könnte, geschweige denn, dass über derartig massive gesundheitliche Folgen gesprochen wird.“

Aus Solidarität

Marktführer auf dem Gebiet der Eizellspende ist Spanien. „Jede Klinik ‚rekrutiert‘ eigene Spenderinnen, oft an Universitäten. Werbeslogans wie ,Du bist jung, du hast Tausende davon – werde Eizellspenderin‘ halten das Image aufrecht, dass Frauen aus Solidarität spenden sollten“, weiß Journalistin Schindele.


Vor allem in den Ländern des ehemaligen Ostblocks sei die Eizellspende für viele junge Frauen immer noch eine Möglichkeit, sich Geld zu verdienen. Bei ihren Recherchen ist Schindele vor einigen Jahren auf die 20-jährige Alina gestoßen, die sich mit der Eizellspende etwas für ihre Hochzeit dazuverdienen wollte und an den Folgen des Eingriffs fast gestorben wäre.


Offiziell dürfen Eizellspenderinnen übrigens nicht bezahlt werden – um einer Ausbeutung der Frauen entgegenzuwirken, heißt es. Was aber erlaubt ist, ist eine „Aufwandsentschädigung“. Diese liegt etwa in Spanien bei 800 bis 1000 Euro in der Ukraine bei 100 bis 200 Euro.

Alles benennen

Nicht nur das Wohl  der Eizellspenderinnen käme in der öffentlichen Diskussion zu kurz, waren sich die Expertinnen einig. Auch das Wohl der auf diesem Weg gezeugten Kinder hat in der öffentlichen Diskussion keinen Platz. „Das Wohl der Kinder muss hier auch Thema sein“, betonte Katharina Kruppa, Ärztin und Leiterin der Baby-Care-Ambulanz am Preyer’schen Kinderspital bei der aktion leben-Tagung. Kruppa ist überzeugt, dass es einen Unterschied in der Entwicklung von Kindern nach Samen- und Eizellspenden gibt, verglichen mit auf natürlichem Weg gezeugten Kindern.

 

Sie bezieht sich dabei auf neueste Forschungen in der Epigenetik und Neurobiologie, die einen starken Einfluss des Erlebens während der Schwangerschaft bis hin zur Zeugung auf die neurobiologische Entwicklung des Kindes nachweisen.

 

Die Schwangerschaft mit einem Kind nach In-Vitro-Fertilisation werde oft als sehr angstvoll erlebt. Diese Angst wirke sich auf das Kind aus. „Es geht bei dieser Diskussion nicht darum, Urteile zu fällen“, betonte Kruppa, „Jedes Kind, das auf die Welt gekommen ist, ist mehr als willkommen, aber es muss erlaubt sein, alle Probleme, die mit diesem Thema zusammenhängen, zu benennen und zu diskutieren.“

Grenzziehung
Die Rechtsanwältin und Juristin Ulrike Riedel betonte, dass den Staaten, die momentan immer wieder über eine Abschaffung oder Lockerung des Eizellspendenverbotes  diskutieren, bewusst sein müsse, was eine etwaige Erlaubnis der Eizellspende nach sich ziehe, dass es an ihnen liege „eine Grenzziehung in einer Technik vorzunehmen, in der fast nichts mehr unmöglich ist“. Es spiele eine große Rolle, wie die Eizellspende geregelt ist. Hier liege eine große Wertentscheidung bei den Staaten.
Riedel sprach sich in diesem Zusammenhang vehement gegen eine anonyme Eizellspende aus: „Da sind wir wieder bei dem Thema ,Wohl des Kindes‘“, so Riedel. „Aus der Adoptionsforschung wissen wir , dass die Zurückhaltung wichtiger Informationen nachteilige Auswirkungen auf die Entwicklung des Kindes hat. Das muss auch in Zusammenhang mit der Eizellspende bedacht werden.“
Ulrike Riedel regte auch an, langfristig zu denken: „Wird die Eizellspende zugelassen, steht in wenigen Jahren die Diskussion zur Leihmutterschaft ins Haus. Die Grenzen zwischen Eizellspende und Leihmutterschaft sind fließend. Der Druck auf den Gesetzgeber wird steigen.“

Andrea Harringer

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