
Das Blutwunder des heiligen Januarius gehört zu den traditionsreichsten religiösen Ereignissen Neapels. Dreimal im Jahr – am 19. September, am ersten Maiwochenende und am 16. Dezember – versammeln sich Gläubige im Dom, um mitzuerleben, ob sich das Blut des Stadtpatrons verflüssigt. Nach volkstümlicher Vorstellung gilt das Eintreten des Wunders als gutes Zeichen für die Stadt. Historische Berichte verknüpfen ein Ausbleiben mit schwierigen Zeiten, etwa mit der Pest im 16. Jahrhundert, dem Choleraausbruch 1973 oder dem Erdbeben von 1980.
San Gennaro, im Deutschen Heiliger Januarius, war Bischof von Benevent und wurde 305 während der Christenverfolgungen enthauptet. Sein Blut soll unmittelbar nach seinem Tod in einer Ampulle aufgefangen worden sein. Seit dem 17. Jahrhundert wird die Reliquie in der Schatzkapelle des Doms aufbewahrt, begleitet von einer langen Tradition der Verehrung. Für die Neapolitanerinnen und Neapolitaner ist San Gennaro nicht nur Schutzpatron, sondern eine Art himmlischer Anwalt, dem man Erwartungen und Sorgen direkt vorträgt.
Der Ablauf der Feier folgt einem festen Ritual: Die silberne Büste des Heiligen wird am Altar aufgestellt, der Abt zeigt die Ampulle und bewegt sie leicht, während die parenti di San Gennaro – eine Gruppe gläubiger Frauen – ihre intensiven Gebete anstimmen. Verflüssigt sich das Blut, ertönen die Glocken und die Gemeinde jubelt.
Die Kirche erkennt das Phänomen offiziell nicht als Wunder an, toleriert aber den tiefen Volksglauben. Rund um das Fest am 19. September herrscht in Neapel Volksfeststimmung; Prozessionen, Statuen und Straßengerichte prägen das Stadtbild. Selbst in New York wird San Gennaro bis heute gefeiert.