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Gemälde Julius Schnorr von Carolsfeld: Glaube, Liebe, Hoffnung
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29.01.2026
Kirchenlexikon

Was sind die sieben Tugenden?

Die sieben Tugenden kombinieren die vier Kardinaltugenden (Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Maßhaltung) mit den drei theologischen Tugenden (Glaube, Hoffnung, Liebe) und dienen als moralische Orientierung für ein gutes Leben.

Spricht man heute von Tugend, huscht oft ein Lächeln über die Gesichter. Der Begriff klingt verstaubt, nach bürgerlicher Enge und erhobenem Zeigefinger. Doch wer genauer hinsieht, entdeckt etwas anderes: keine Fessel, sondern ein Gerüst der Freiheit – getragen von der Weisheit der Alten und dem Zeugnis jener, die für ihren Glauben alles riskierten.

 

Es geht um die Frage, wie Leben vor Gott und den Menschen gelingen kann.

 

Die Tradition unterscheidet das „Viergespann“ der Kardinaltugenden vom „Dreiklang“ der göttlichen Tugenden. Darin zeigt sich die Natur des Menschen: Er ordnet seine Welt mit Vernunft – und bleibt zugleich auf das Unverfügbare verwiesen.

 

Das Fundament: Die Kardinaltugenden als Ordnung der Liebe

Kardinaltugenden haben ihren Namen von Cardo, der Türangel. An diesem Gerüst hängt ein gelingendes und fruchtbares Leben.

 

Klugheit (Prudentia)

An der Spitze steht die Klugheit (Prudentia). Sie ist mehr als Berechnung oder taktisches Kalkül. Thomas von Aquin nennt sie die „genitrix virtutum“, die Mutter aller Tugenden. Klugheit bedeutet, die Wirklichkeit nüchtern und ehrlich wahrzunehmen – ohne Wunschdenken, ohne Selbsttäuschung. Sie fragt nicht zuerst: „Was bringt mir Vorteil?“, sondern: „Was dient dem Guten?“ In einer Welt voller Informationsflut und moralischer Grauzonen ist Klugheit die Fähigkeit, das Wesentliche vom Nebensächlichen zu unterscheiden. Sie ist das Auge, das sieht, bevor die Hand handelt. Ohne Klugheit wird das Gute blind – und die besten Absichten laufen ins Leere.


Gerechtigkeit (Justitia)

Darauf folgt die Gerechtigkeit (Justitia) – der Wille, jedem das Seine zu geben. Augustinus weitet den Blick:„Gerechtigkeit ist die Liebe, die nur dem Geliebten dient und deshalb alles andere recht ordnet.“ Für ihn ist Tugend der „Ordo Amoris“, die Ordnung der Liebe. Gerechtigkeit heißt: Gott den Platz geben, der ihm gebührt – damit auch das Verhältnis zum Nächsten heil wird.

 

Tapferkeit (Fortitudo)

Die Tapferkeit (Fortitudo) zeigt sich, wenn das Festhalten am Erkannten schwer wird. Dietrich Bonhoeffer, der große protestantische Theologe und Märyrer des NS-Regimes buchstabierte sie neu. Für ihn war sie kein heroischer Stolz, sondern Standhaftigkeit aus der Bindung an Gott: „Es gibt eine Tapferkeit, die Gott allein sieht und die gerade darin besteht, dass man das Unvermeidliche auf sich nimmt, ohne sich zu beugen.“


Maßhaltung (Temperantia)

Die Maßhaltung (Temperantia) ordnet das Innere. Benedikt von Nursia setzte ihr in seiner Regel ein Denkmal. Die Discretio, das rechte Maß, bewahrt vor Übermaß und bitterer Strenge. Maßhaltung ist mehr als Askese – sie ist die Kunst, das Leben in Balance zu halten. Sie schützt vor der Tyrannei der Extreme: vor dem Zuviel, das uns zerstreut, und vor dem Zuwenig, das uns verhärtet. Wer Maß hält, schafft Raum für Freiheit – und für jene innere Ruhe, in der Gott gehört werden kann.

 

Der Einbruch des Unendlichen: Glaube, Hoffnung, Liebe

 

Die Kardinaltugenden tragen das Haus des Lebens. Doch ohne die göttlichen Tugenden bliebe es im Immanenten gefangen. Erst sie öffnen die Fenster zum Transzendenten. Sie sind nicht menschliche Leistung, sondern Gabe der Gnade. Wir empfangen sie keimhaft bei unserer Taufe und siw wachsen mit unserer Glaubenspraxis.

 

Glaube (Fides)

Der Glaube (Fides) ist mehr als Überzeugung – er ist Vertrauen. Augustinus fasst es so: „Glaube, um zu verstehen.“ Glaube schaltet die Vernunft nicht aus, sondern macht sie sehend für die Tiefe der Wirklichkeit. Er ist das Licht, das die Welt nicht kleiner, sondern weiter macht.

 

Hoffnung (Spes)

Die Hoffnung (Spes) bewahrt vor Verzweiflung und falschem Optimismus. Sie ist die Kraft des Wanderers, der weiß: Der Weg ist lang, aber nicht sinnlos. Hoffnung ist kein billiger Trost, sondern eine Haltung, die durch Dunkelheiten hindurchträgt. Thomas von Aquin nennt sie das Streben nach dem „schwer erreichbaren Gut“. Sie richtet den Blick nach vorn – nicht auf ein vages Vielleicht, sondern auf eine Zusage, die größer ist als wir selbst. Hoffnung ist die leise, aber unbeirrbare Stimme, die sagt: „Es lohnt sich, weiterzugehen.“


Liebe (Caritas)

Die Krönung ist die Liebe (Caritas). Sie ist das Band der Vollkommenheit, wie Paulus sagt. Ohne sie bleibt alles Stückwerk. Augustinus bringt es auf den Punkt: „Liebe, und dann tu, was du willst.“ Liebe ist mehr als Gefühl – sie ist Entscheidung und Tat. Sie sucht nicht den eigenen Vorteil, sondern das Wohl des Anderen. Sie ist das Feuer, das die Architektur der Tugenden zum Leuchten bringt. Wer liebt, wird nichts wollen, was dem Geliebten oder der Gerechtigkeit widerspricht. In ihr erfüllt sich, was alle Tugenden vorbereiten: die Freiheit, die sich verschenkt. Durch die Liebe werden wir letztendlich Gott ähnlich. Genau das ist zugleich das Ziel des christlichen Lebens.

 

Das Zusammenspiel: Gnade vollendet die Natur

Die großen Theologen haben das Verhältnis von Natur und Gnade neu austariert. Die göttlichen Tugenden heben die menschlichen nicht auf, sie vollenden sie. „Die Gnade hebt die Natur nicht auf, sondern vervollkommnet sie“, sagt Thomas von Aquin. Wer heute tugendhaft leben will, braucht beides: die Klarheit der Klugheit und die Offenheit des Glaubens. Tugenden sind kein Katalog von Verboten, sondern eine Einladung zur Formung des Charakters. Sie machen den Menschen nicht brav, sondern heil. In einer Welt der Beliebigkeit bietet dieses Siebengestirn Orientierung. Es ist der Weg zu einer Existenz, die im Alltag verwurzelt ist und nach dem Unendlichen greift.

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