Freude in der Pfarre zum Hl. Geist in Wien - Ottakring: Erzbischof Christoph Schönborn eröffnet die frisch renovierte Pfarrkirche. Ein Brand am 9. Jänner 2021 hatte sie wegen starke Rußverschmutzung nur mehr teilweise nutzbar gemacht.
Nach abgeschlossener Innenrenovierung erstrahlt sie nun in neuem Glanz. Für die Pfarre ist das ein besonders freudiges Ereignis erzählt P. Wladyslaw T. Mach SCJ. Die Menschen rund um die Hl. Geist - Kirche haben zu ihrer Pfarrkirche eine strake, emotionale Bindung. Auch an der Renovierung habe sich daher zahlreiche Pfarrmitglieder ehrenamtlich beteiligt.
Ihre Entstehung verdanken Kirche und Pfarre der Initiative des weitgereisten und aufgeschlossenem Neu - Ottakringer Kaplans Franz Unterhofer, der sich Anfang des 20. Jahrhunderts der seelsorglich vernachlässigten Gegend auf der Wiener Schmelz annimmt. Er gründet unter der Patronanz von Erzherzog Franz Ferdinand und dessen Gemahlin, Sophie von Hohenberg, einen Kirchenbauverein. Der aufgeschlossene Seelsorger hat explizit die Idee einer „modernen, praktischen Kirche“ nach Vorbildern in den USA. Mit Josef Plečnik findet er einen der begabtesten Architekten des frühen 20. Jahrhunderts, der es wie kaum ein anderer versteht, Moderne und Tradition zu verbinden. Er ist einerseits Schüler und Freund Otto Wagners, gleichzeitig aber auch in Austausch mit der Kunstschule der Benediktinerabtei Beuron und lässt sich auf Italienreisen inspirieren. Plečnik ist in der künstlerischen Avantgarde der Wiener Secession zuhause, aber auch tief religiös geprägt.
Plečniks Aufgeschlossenheit gegenüber der Moderne zeigt sich zunächst in der Wahl des Baumaterials. Die Hl. Geist-Kirche ist die erste Kirche Mitteleuropas, die vollständig aus Stahlbeton erbaut ist. Auch in der Gestaltung des Kirchenraumes geht der Architekt neue Wege. Um möglichst allen Gottesdienstteilnehmern den Blick zum hell gestalteten Altarraum freizugeben, vermeidet er Säulen und setzt Stahlkonstruktionen ein, die bis dahin nur für Brückenbauten verwendet wurden. Seitenaltäre verlegte er in die Krypta. Insgesamt nimmt er mit seiner Konzeption des Kirchenraums zentrale Anliegen sowohl der späteren liturgischen Bewegung als auch der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils vorweg.
Finanzierungsprobleme sowie Meinungsverschiedenheiten mit dem Kirchenbauverein erzwingen immer wieder Kompromisse. So wird der vorgesehene „venezianische Kirchturm“ von einem einfachen Glockengiebel ersetzt. Auch die penibel gewählte Farbgebung der Kirche und zahlreiche andere von Plečnik detailliert geplante Gestaltungselemente scheiterten am Unverständnis der Auftraggeber. Die Kirche wurde nach vier Jahren Bauzeit am 3. Juni 1915 geweiht.
Für Elena Holzhausen, Leiterin des Referats für Kunst und Denkmalpflege der Erzdiözese Wien, wird daher weniger im Kirchenraum als vielmehr in der in der Krypta das Grundanliegen spirituelle und künstlerische Anliegen Plečniks am deutlichsten erfahrbar. In ihr befinden sich Nischen, die an der Geburts- und Grabeskirche des Hl. Landes inspiriert sind. Plečniks Intention ist es einen Raum für Gebet und Gotteserfahrung zu schaffen. Glaube gründet für ihn im persönlichen Gebet, in der Betrachtung des Lebens Jesu und in der Eucharistie. Für diese Erfahrung will der spirituelle Avantgardist einen Raum schaffen.
Er wird in Wien weder von Künstlerkollegen, noch von Auftraggebern verstanden. Auch Erzherzog Franz Ferdinand macht aus seinem Missfallen an dem Kirchenprojekt kein Geheimnis. So bleibt die Heilig-Geist-Kirche Plečniks einziger Sakralbau in der Hauptstadt. Geschätzt wurden seine Kirchenbauten dagegen in Tschechien. Wieder entdeckt wird er zunehmend in jüngerer Zeit. Zahlreiche Architekten pilgern daher regelmäßig zur "Plečnik-Kirche" in Ottakring, viele von ihnen auch aus dem benachbarten Ausland.