Der katholischen Kirche ist es wichtig, dass kein Toter ohne eine Verabschiedungsfeier begraben wird. Warum?
Pfarrer Anton Seeberger: Einem Menschen das letzte Geleit zu geben ist ein Zeichen der Würdigung, unabhängig davon was dieser Mensch in seinem Leben gewesen ist und was er geleistet hat. Wir glauben als Christen, dass die Gemeinschaft der Schwestern und Brüder auch über den Tod hinaus gilt und wesentlich ist. Die Präsenz einer Gemeinde – und sei sie noch so klein – ist Ausdruck davon. Die Verheißung des Lebens durch Gott braucht gerade beim Tod glaubwürdige Zeugen!
Wie hat sich die Bestattungskultur in den letzten Jahren verändert?
Pfarrer Anton Seeberger: Die auffälligste Veränderung ist, dass es heute deutlich mehr Feuer- als Erdbestattungen gibt. Das ist eine ganz einschneidende Entwicklung. Die Kirche empfiehlt als Regelfall die Erdbestattung, erhebt aber gegen die Feuerbestattung keine verbindlichen Einwände mehr. Ich denke, dass wir als Kirche diese Entwicklung nicht aufhalten können, sondern alles daran setzen müssen, sie zu kultivieren. Ich kann mir durchaus Kolumbarien, also Räume zur Aufbewahrung von Urnen in Kirchen vorstellen – ich kann mir auch Modifikationen im Begräbnisritus in Hinblick auf eine Feuerbestattung vorstellen.
Was ich als Pfarrer außerdem als starke Veränderung wahrnehme: Die Selbstverständlichkeit eines kirchlichen Ritus ist in den vergangenen Jahren verloren gegangen. Der Großteil der Trauergemeinden ist kirchlich distanziert, hat aber ein starkes Bedürfnis, ein vernünftiges, tröstliches, vielleicht auch spirituelles Wort zu hören. Ich glaube, dass unsere katholische Bestattungsform ein unglaublich starkes Ritual ist. Die Voraussetzung hierfür aber ist, dass die Feier auch nach ästhetischen liturgischen Kriterien dem entspricht, was ein Todesfall für die Angehörigen bedeutet.
Was meinen Sie mit ästhetisch liturgischen Kriterien?
Pfarrer Anton Seeberger: Menschen sind empfindlich: Wie tritt der Pfarrer auf? Kennt er den Namen des Verstorbenen? Ist es möglich, ein persönliches Wort zu sagen. Ist das, was der Pfarrer tut, authentisch, oder spult er nur ein Programm ab?
Für die Trauerrede sind zwei Dinge unabdingbar: den Verstorbenen zu würdigen und die christliche Botschaft der Auferstehung zu verkündigen. Das A und O ist, den Ritus gut zu machen und eine persönliche Beziehung zu dem Verstorbenen aufzubauen.
Also müssen sich die Pfarrer ändern?
Pfarrer Anton Seeberger: Ja, denn es gibt mittlerweile viele Anbieter auf dem Markt. Ich glaube, dass sich viele Bestatter oft mehr Mühe geben bei einer Bestattung als wir Kirchenleute.
Wir Kirchenleute hatten bisher traditionell kaum Konkurrenz. Und manche haben nicht gemerkt, dass wir das ändern müssen. Ein solcher persönlicher Kontakt ist auch eine große Chance. Denn wir haben Menschen vor uns, denen wir Hoffnung und auch die Schönheit unseres Glaubens weitergeben wollen.
Wie zeigt sich das in der katholischen Begräbnisliturgie?
Pfarrer Anton Seeberger: Wir haben eine Verheißung, die über den Tod hinausreicht. Wir haben als Glaubensgemeinschaft eine Sprache, die auch das Unfassliche und Unsagbare benennen kann, ohne es zu zerreden. Wir können das ganz und gar Unbegreifliche einem Anderen anheimstellen. Und wir haben einen starken Ritus. Nach einer Verabschiedungsfeier, die ich in meiner Kirche gehalten habe, sagte eine Tochter des Verstorbenen: „Heute hätte ich einen Grund, wieder in die Kirche einzutreten!“
Welche Worte und Zeichen der Hoffnung gibt die Kirche Toten und Angehörigen mit, die nichtreligiöse Beerdigungsriten nicht geben können?
Pfarrer Anton Seeberger: Unser Ritus weist zurück in das gelebte Leben der Menschen und er weist voraus in das verheißene ewige Leben. Alle Worte, Gesänge und Zeichen, also Wasser, Weihrauch, Erde und Kreuz, sind ganz diesseitig irdische Zeichen und doch trägt jedes einen Mehrwert der Verheißung Gottes in sich. Offensichtlich können auch heutige Menschen diesen Überstieg in das Geheimnis Gottes hinein durch starke Symbole leicht mitvollziehen.
Die Deutsche Bischofskonferenz veröffentlichte 2011 eine Handreichung, mit der sie angesichts der Veränderungen in der Bestattungskultur Orientierungshilfe geben will. Dort wird auch über die Begräbnisliturgie „als missionarische Verkündigung von Menschen, die nicht oder nicht mehr zur Kirche gehören”, was für ein kirchenfernes Publikum nur schwer zu verstehen ist.
Das ist recht missverständlich ausgedrückt, ja. Aber ich als Pfarrer weiß doch, dass wenn 50 Trauernde vor mir am Grab stehen, 40 davon mit der Kirche nicht viel am Hut haben. Wenn ich meinen Job gut mache, dann gehen viele Leute vom Grab weg und sagen, es war doch gut, dass ein Kirchenvertreter da war und zu uns gesprochen hat. Denn es ist doch so: Ich habe am Grab ein Publikum, das ich in der Kirche nicht mehr habe. Und da ist es meine Verantwortung und auch ein bisschen mein Ehrgeiz, die Menschen spüren zu lassen, dass das, was wir verkünden, auch sie angeht.
Welchen Platz haben Themen wie Trauer und Tod bei Ihnen im Gemeindealltag?
Pfarrer Anton Seeberger: Wichtig ist, dass der Name eines Verstorbenen in einer Gemeinde lebendig bleibt. Es gibt in manchen Gegenden die schöne Tradition der Jahrtagsstiftungen. Auf diese Weise wird zum Jahrestag das Totengedenken im Gemeindegottesdienst gehalten. So bleibt der Name erhalten, auch wenn kein Angehöriger mehr da ist.
Außerdem habe ich immer wieder angeordnete Bestattungen, sogenannte Bestattungen von Amts wegen, wo es keine Angehörigen mehr gibt. Diese Bestattungen finden immer gegen halb neun, vor den offiziellen Bestattungen statt. Dann frage ich immer am Sonntag davor, ob jemand zu dieser Zeit kommen kann, und so habe ich eigentlich bei Begräbnissen immer eine Gemeinde.
Auf Friedhöfen gibt es immer mehr anonyme Gräber. Warum spricht sich die Kirche dagegen aus?
Pfarrer Anton Seeberger: In der Katholischen Kirche steht der Name für die Person. Und der Name muss erhalten bleiben – auch über den Tod hinaus. Die Toten gehören auch zur Gemeinde. Dass sich die Kirche gegen anonyme Bestattungen ausspricht, hat aber auch einen sozialpsychologischen Hintergrund. Es kommt ganz häufig vor, dass nach ein paar Monaten die Angehörigen kommen und sagen: „Kann man das nicht rückgängig machen und die Urne in einem individuellen Grab bestatten?“ Das geht aber nicht mehr.
Es gibt auch Kolumbarien, also Kirchenräume, in denen Urnen Verstorbener aufgestellt sind. Ist das eine positive Entwicklung?
Pfarrer Anton Seeberger: Ein klares Ja! Ich würde gerne hier in Stuttgart ein Kolumbarium haben und zwar aus mehreren Gründen: Natürlich ist die Umwidmung von Kirchen manchmal einfach notwendig. Aber ich würde auch probieren, eine Kirche, die zum Teil auch Kirche bleibt, als Ort, an dem sich die Gemeinde versammeln kann, zu bewahren. Vorne stehen die Eltern mit dem Täufling, und im rückwärtigen Teil ist der Großvater begraben. Das ist für uns vielleicht ungewohnt, aber so werden die Toten noch einmal ganz nahe in die Gemeinde zurückgeholt.
Es gibt Tendenzen, den Friedhofszwang aufzulösen. Was halten Sie davon?
Pfarrer Anton Seeberger: Ich halte nichts davon. Es ist aber so: Die Bestattungspflicht ist motiviert aus dem Seuchengesetz, das besagt, dass von einer Leiche eine gesundheitliche Gefahr ausgeht. Von einer Urne natürlich nicht. Deshalb wird, wenn es irgendwann zu einem höchstrichterlichen Urteil kommt, die Bestattungspflicht für Urnen aufgehoben werden.
Ich spreche mich nachhaltig für einen Friedhof aus, weil Friedhöfe ein kulturelles und geschichtliches Zeugnis sind, das erhalten werden muss. Ein Friedhof ist immer auch Ort des öffentlichen Gedenkens. Der Tod ist nicht privat.