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03.05.2017

Oikocredit will verstärkt in erneuerbare Energie investieren

Internationale Entwicklungsgenossenschaft hat 2016 erstmals mehr als eine Milliarde Euro in Projekte investiert.

Die internationale Entwicklungsgenossenschaft Oikocredit will künftig ihr Engagement im Bereich der erneuerbaren Energie stark ausbauen. So sollen Solarenergie, aber auch Wind- und Wasserkraftprojekte in Entwicklungsländern besonders gefördert werden, wie Friedhelm Boschert, Vorstandsvorsitzender von Oikocredit Austria, am Mittwoch, 3. Mai 2017 bei einer Pressekonferenz in Wien betonte. Bereits im vergangenen Geschäftsjahr 2016 sei das Portfolio für erneuerbare Energie um 150 Prozent gestiegen und betrage derzeit knapp 40 Millionen Euro.

 

Boschert wies darauf hin, dass weltweit immer noch 1,2 Milliarden Menschen ohne Strom leben müssten, die Hälfte davon allein in Indien. Dort finanziert Oikocredit beispielsweise solarbetriebene Straßenbeleuchtungen in entlegenen Dörfern. In Kenia wurden Solarstrom-Systeme für private Haushalte finanziert, von denen bereits 275.000 Menschen profitieren würden. Bereits wenige Stunden Solarlicht pro Tag könnten die Lebenssituation der Bewohner nachhaltig verbessern. Die Menschen könnten so zum einen etwa länger arbeiten, Kinder auch länger lernen, und die von den Petroleumlampen ausgehenden Gesundheitsgefährdungen gehörten damit auch der Vergangenheit an.

 

Mit Blick auf das vergangenen Geschäftsjahr 2016 berichtete Boschert von einem "Meilenstein": So habe man erstmals mehr als eine Milliarde Euro in Projekte investiert. Oikocredit international sei damit der "weltweit größte soziale Investor", so Boschert. Geldanlagen in Mikrokredit-Genossenschaften würden Menschen in den Armutsregionen der Welt eine Starthilfe für ein besseres Leben geben und würden daher auch indirekt die Migrationsbewegungen abschwächen, so der Vorstandsvorsitzende.

 

Schaffen von Lebensperspektiven

Rainald Tippow, Vorstandsmitglied von Oikocredit Austria und in den vergangenen Jahren auch Flüchtlingskoordinator der Erzdiözese Wien, wies darauf hin, dass 90 Prozent der Flüchtlinge eigentlich in ihrer Heimat bleiben wollten, dort aber keine Lebensperspektiven mehr sehen würden. Das sei der Keim für Flucht und Migration.

 

Mit Mikrokrediten allein stoppe man zwar nicht die Flüchtlingsströme. "Wir leisten aber einen wichtigen Beitrag, dass Menschen vor Ort eine wirtschaftliche und damit auch soziale Perspektive bekommen", so Tippow. Oikocredit und die Menschen vor Ort seien "Partner auf Augenhöhe".

 

Frauen größte Gruppe der Kreditnehmer

Von den Oikocredit-Aktivitäten profitieren laut eigenen Schätzungen weltweit rund 30 Millionen Menschen - viele von ihnen indirekt, weil sich mit den entstehenden Betrieben nicht nur die wirtschaftliche und soziale Lage der eigentlichen Kreditnehmer, sondern auch ihres Umfelds verbessert. Frauen seien mit 80 Prozent die größte Gruppe der Kreditnehmer, schilderte Tippow: "Davon profitieren besonders auch die Familien." Denn der Gewinn der Frauen werde etwa in Bildung oder Gesundheit investiert.

 

In Österreich, wo die Entwicklungsgenossenschaft seit mehr als 25 Jahren aktiv ist, gibt es mit Ende April ca. 5.600 Mitglieder, die rund 103 Millionen Euro nachhaltig in die Idee von Oikocredit investieren. Das sei ein deutlicher Zuwachs an Mitgliedern und Kapital, zeigte sich Boschert zufrieden. Relativ gesehen sei Österreich damit das stärkste Land innerhalb der internationalen Genossenschaft.

 

Insgesamt hat die auf Initiative des Weltkirchenrats Mitte der 1970er-Jahre gegründete Entwicklungsgenossenschaft aktuell weltweit rund 54.000 Anleger. Deren Investitionen werden im Sinne einer Anschubfinanzierung für Kleinstkredite und Kapitalbeteiligungen für derzeit mehr als 800 Partnerorganisationen in ca. 70 Ländern verwendet.

 

Die Hauptgeschäftsstelle der internationalen Genossenschaft Oikocredit, die nicht auf Gewinn ausgerichtet ist, liegt im niederländischen Amersfoort. Wie in Österreich gibt es in vielen Ländern Förderkreise, über die Genossenschaftsanteile erworben werden können. Geldanlager erhielten in den vergangenen Jahren jährlich eine Dividende von zwei Prozent. Die könnte aufgrund der internationalen Entwicklung im Finanz- und Wirtschaftsbereich in den nächsten Jahren aber auch leicht sinken, räumte Boschert ein. Nachsatz: "Wir bemühen uns vor allem um Anleger mit hoher sozialer Verantwortung und nicht um jene, die nur nach hohen Dividenden Ausschau halten."