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08.06.2017

Wer ist der Mann auf dem Tuch?

Spurensuche rund um das Turiner Grabtuch.

 

Keine künstlerische Darstellung der Passion übte und übt eine Faszination aus, die mit jener des Grabtuchs zu vergleichen wäre“, umschrieb P. Raniero Cantalamessa OFMCap, offizieller Prediger des päpstlichen Hauses, einmal die fesselnde Wirkung der Sindone, des Grabtuchs von Turin.

 

Das Original wird nur in heiligen Jahren und zu Jubiläen in der Kathedrale von Turin in einem Panzerglas-Schrank ausgestellt. Dann ziehen meist Millionen von Gläubigen aus aller Welt daran vorbei oder verharren in den Kirchenbänken in stillem Gebet und meditativer Betrachtung.

 

Warum zieht dieses Tuch, dessen Entstehung bis heute Rätsel aufgibt, so viele in seinen Bann?

 

Malerei oder Körperabdruck?

Das Turiner Grabtuch ist 4,36 x 1,10 Meter groß und zeigt den Doppel-Abdruck (Vorder- und Rückseite) eines kräftig gebauten, 1,81 Meter großen Mannes mit langen Haaren und Bart.

 

In den Haaren und im Gesicht sind Blutspuren sichtbar, die Gesichtszüge lassen auf zahlreiche Verletzungen wie Schwellungen unter dem Auge und am Unterkiefer schließen. Auf der rechten Seite des Oberkörpers sieht man eine Schnittwunde, die einen großen Blutfleck hinterließ. Weiters weist der Körper zahlreiche Verletzungen auf, die von Geißelungen her rühren.

 

Während viele Forscher von einem Kunstwerk eines mittelalterlichen Malers ausgehen, erkennen andere eindeutig den Körperabdruck eines Gefolterten.

 

Das Grabtuch von Turin gilt heute als das wissenschaftlich meistuntersuchte Einzelobjekt der Welt. Den Anstoß zur modernen Grabtuchwissenschaft gab 1898 der italienische Arzt und Fotograf Secondo Pia, der das Grabtuch erstmals fotografierte. Dabei stellte er fest, dass das Foto-Negativ des Bildnisses auf dem Tuch noch viel detaillierter die Gesichtszüge des Gekreuzigten wiedergab als das Original.

 

Seit damals versuchen Wissenschaftler aus aller Welt das Geheimnis hinter dem Grabtuch (Sindone) zu enträtseln. Die Forscher kommen dabei zu unterschiedlichen Ergebnissen. Es lässt sich weder die Echtheit noch die „Unechtheit“ des Tuches sicher beweisen.


Die katholische Kirche stuft das Grabtuch von Turin nicht als „Reliquie“, sondern als „Ikone ein. Es kann demnach, verbunden mit gläubiger und frommer Verehrung, als existenzielle Verbindung zwischen dem Betrachter und Gott verstanden werden. Die Frage der „Echtheit“ ist für die Kirche zudem sekundär.

 

Das Grabtuch ist nicht Grundlage oder Beweis für den christlichen Glauben, kann diesen aber fördern. Papst Franziskus erklärt sich die große Anziehungskraft der Ikone damit, dass „der Mann des Grabtuchs uns einlädt, Jesus von Nazareth zu betrachten“. Anregungen zu dieser Betrachtung bietet die aktuelle Ausstellung  im Erzbischöflichen Palais in Wien (siehe Info ).