
Ein überzogenes Selbstwertgefühl, missglückte Beziehungen und fehlende Selbsttranszendenz sind typische Kennzeichen. „Männliche Narzissten sind Menschen, die mit ihrem Selbstbewusstsein und Charme beeindrucken, doch ihr Charisma wärmt nicht.
Ihre Geltungssucht ist ein Gefängnis, aus dem sie nicht ausbrechen können“, schildert der Wiener Psychiater Raphael Bonelli in seinem jüngsten Buch „Männlicher Narzissmus. Das Drama der Liebe, die um sich selbst kreist“.
Laut mehrerer Studien sind narzisstische Störungen in den vergangenen Jahrzehnten massiv angestiegen. Soziale Medien wie Facebook bieten dafür die perfekte Bühne, das Smart-Phone eine hocheffiziente Maschine zur Umsetzung von Selbstdarstellung und Selbstbespiegelung ...
Herr Dozent Bonelli, leben wir tatsächlich in einer narzisstischen Gesellschaft?
Raphael Bonelli: In der Tat ist es so, dass der Narzissmus im Steigen begriffen ist. Wir wissen aus Umfragen unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen seit den 80-er Jahren, dass Narzissmus immer weiter um sich greift, so dass die Diagnose von manchen Kollegen, dass wir uns in einer narzisstischen Gesellschaft befinden, jedes Jahr mehr stimmt.
Was kann man sich unter Narzissmus vorstellen?
Narzissmus weist drei Symptomkomplexe auf.
Wie kann man den Anstieg des Narzissmus in der Gesellschaft messen?
Wie alles in der Psychiatrie durch Fragebögen. So wird Kindern z.B. die Frage gestellt, ob sie dem Satz zustimmen „Ich bin das wichtigste Kind in der Klasse. Alles dreht sich um mich“ usw. Da kommt relativ rasch heraus, ob ein Kind – oder durch entsprechende Fragebögen ein Erwachsener – eine narzisstische Neigung hat.
Welche Probleme ergeben sich für die Gesellschaft, wenn Narzissmus so stark verbreitet ist?
Der Narzisst ist rücksichtlos, nicht solidarisch. Er denkt zuerst an sich und in weiterer Folge an den anderen oder gar nicht an den anderen.
Der Narzisst ist manipulativ und ausnützerisch. Er benutzt andere Menschen zu seinem Vorteil. Er kann auch Systeme zu seinem Vorteil ausnützen. Durch das Ansteigen des Narzissmus kommt es immer mehr zu einem Mangel an Selbstlosigkeit.
Unsere Gesellschaft ist darauf aufgebaut, dass wir selbstlose Menschen haben, die anderen Menschen dienen, wie z.B. Eltern, die aufopfernd für ihre Kinder sorgen, Erwachsene, die aufopfernd für ihre Alten und Kranken sorgen.
Diese solidarische Gesellschaft zerfällt und zerbröckelt, wenn Menschen mehr und mehr narzisstisch werden und sagen „Die Kinder, die Alten und die Kranken sind ein Klotz am Bein. Ich kümmere mich um meine Karriere“. Auch Beziehungen zerfallen, wenn es keine Solidarität gibt.
Eine Gesellschaft, die nicht solidarisch ist, zerfällt und zerbröckelt, und das können wir schon beobachten.
Wie kann man gegensteuern bzw. was sind die Ursachen von Narzissmus?
Es gibt heute Studien, die zeigen, dass Kinder, die von den Eltern überschätzt und exzessiv gelobt werden, irgendwann die Einschätzung ihrer Eltern übernehmen. Die Eltern glauben: „Mein Kind ist das Schönste und das Beste und das Erfolgreichste in der Klasse“. Wenn sie das lang genug glauben und dem Kind auch glaubhaft machen, glaubt es das Kind auch selber.
Zwischen zwölf und 14 entwickelt sich diese narzisstische Persönlichkeitsstörung. Die Kinder kippen, wenn die Eltern den Kindern das lang genug einreden. In unserer Gesellschafts-Konstellation haben wir relativ wenig Kinder und viele Erwachsene, die bewundernd auf die wenigen Kinder blicken. Das ist ein Nährboden für Narzissmus.
Wie kann man Kinder positiv stärken, so dass sie nicht in eine Selbstüberschätzung hineingeraten?
Der Schlüsselpunkt einer gelungenen Persönlichkeitsentwicklung ist, dass man sich so einschätzt, wie es der Wirklichkeit entspricht.
Dieses Zitat des deutschen Philosophen Josef Pieper ist für mich immer mehr zum Leitfaden meines psychotherapeutischen Handelns geworden. Wenn Menschen lernen, sich so einzuschätzen, wie es der Wirklichkeit entspricht, dann gelingt ihr Leben, weil sie sich weder überschätzen noch unterschätzen. Sie entwickeln einen Realitätssinn.
Sie wissen: Was ist wirklich mit mir? Ich kann z.B. gut singen und schlecht malen. Das macht nichts, weil das Leben nicht nur aus Leistung besteht. Das ist die Definition von Demut. Demut bedeutet, sich selbst so einzuschätzen, wie es der Wirklichkeit entspricht.
Demut ist der natürliche Widerpart zum Hochmut und Hochmut ist Narzissmus.
Wobei wir bei der Frage nach den Auswegen aus dem Narzissmus wären...
Das heißt, die beste Narzissmus-Therapie ist Realitätssinn – sich nicht überhöhen, sondern sich als Teil der Gemeinschaft verstehen.
Ein weiteres Schlüsselwort in der Narzissmus-Therapie ist „Dienst“. Es ist beeindruckend, wie sehr das Wort „Dienst“ in unserer Gesellschaft zu einem Unding geworden ist. Niemand möchte mehr dienen und das Wort darf man fast nicht mehr verwenden.
Es gibt keine Diener- und keine dienenden Berufe mehr. Das ist sehr schade, denn ich Wirklichkeit besteht ein glückliches Leben immer im Dienst. Die Selbsttranszendenz besteht darin, dass ich etwas oder jemanden über mir anerkenne und dieser guten Sache eben diene.
Es heißt ja im Evangelium „Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein“. (Mk 10, 43)
Das Evangelium steht damit total im Einklang. Weil der Mensch nicht glücklich werden kann, wenn er um sich selbst kreist, sondern, wenn er aus sich heraus geht in einer dienenden Funktion.
Weil das dem Menschen gemäß ist, verkündet das auch die Religion. Aber es ist nicht etwas genuin Religiöses. Der weltbekannte Psychiater Viktor Frankl hat beispielsweise über den Dienst an einer guten Sache gesprochen.
Kinder werden heute zu schnell in den Himmel gehoben, ihnen wird eine Lehrtätigkeit und Wichtigkeit hingeschoben, die eine Überforderung der Kinder ist.
Wie kann man von Narzissmus frei kommen?
Es gibt drei Möglichkeiten, die Fesseln zu sprengen.
Wenn ein Mensch diesen Satz in der Therapie sagt, dann weiß ich, jetzt haben wir den therapeutischen Durchbruch erreicht. Dieser Akt der Demütigung ist ein gesunder Schritt.
Wenn aber ein Narzisst erkennt: „Diese Frau liebt mich wirklich. Vor ihr kann ich auch zu meinen Fehlern stehen und mich von ihr kritisieren lassen. Ich lass mich von ihr zum besseren Menschen machen“. Dann ist das gesund und ein Königsweg raus aus dem Narzissmus.
Im Dienst an etwas Höheren, an Gott oder an der Kirche kommt man von seinem Narzissmus frei. Wer wirklich Christ ist, der wird oft Widerstand und Ablehnung erfahren. Diese Watschen auszuhalten, ist für den Narzissten sehr heilsam.