
Als der ukrainische Außenminister Pawlo Klimkin vor wenigen Tagen Kardinal Schönborn besuchte, traten ihm die Tränen in die Augen. Der Kardinal hatte ihm ein Fotoalbum von welthistorischer Bedeutung gezeigt. Es befindet sich seit 1933 im Erzbischöflichen Archiv. Der österreichische Chemiker Alexander Weinberger hatte es damals Kardinal Innitzer übergeben.
Weinberger hatte in der Sowjetunion Fabriken geleitet und mit seiner Leica eine der schrecklichsten Hungersnöte der europäischen Geschichte dokumentiert, den sogenannten Holodomor (= Hungermord).
Allein in der Ukraine sind 1932 und 1933 zwischen 3,5 und 7 Millionen Menschen am Hunger gestorben. Bis heute streiten die Historiker, ob nur die kommunistische Misswirtschaft und die Entrechtung der Bauern Schuld war, oder ob der sowjetische Diktator Josef Stalin damit gezielt auch das Unabhängigkeitsstreben der Ukrainer unterdrücken wollte.
Jedenfalls leugnete die Sowjetunion 50 Jahre lang, dass es überhaupt eine Hungersnot gegeben habe. Berichte darüber waren verboten, und es gibt nur rund 100 Fotos, von denen sich rund ein Viertel im Fotoalbum Weinbergers finden.
Es gab international nur eine Person von hohem Rang im öffentlichen Leben, die im Jahr 1933 lautstark und vor der ganzen Welt die Hungerkatastrophe öffentlich gemacht und eine internationale Hilfsaktion eingeleitet hatte: Kardinal Theodor Innitzer in Wien.
Von Innitzer, der von 1932 bis zu seinem Tod 1955 Erzbischof von Wien war, kennt man weithin nur seine Rolle nach dem Anschluss Österreichs an Nazideutschland 1938. Wenige wissen von seinem Engagement für die Opfer des Holodomor.
Am 20. August 1933 erschien in der katholischen Tageszeitung „Reichspost“ ein Artikel mit einem Appell Innitzers an die Weltöffentlichkeit: „In einer Stunde, die mit ihrem tiefen Ernst das Verantwortungsbewusstsein der gesitteten Menschheit wachruft, erwächst die Pflicht, die Weltöffentlichkeit zu einem Hilfswerk aufzurufen.
Keine Ableugnungsversuche können die Tatsache widerlegen, dass hunderttausende, ja Millionen von Menschen in den letzten Monaten in Sowjetrussland am Hunger zugrunde gegangen sind.“
Der Artikel findet weltweite Verbreitung, wird etwa auch in der New York Times abgedruckt, die aber postwendend ihren Moskau-Korrespondenten das Ganze dementieren lässt: Es gibt keine Hungersnot.
Der russische Botschafter verspottet den Kardinal. Auch die westliche Politik will sich wenig mit der Katastrophe befassen: Hitler ist gerade in Deutschland an die Macht gekommen, und Stalin als Gegenpol hoch im Kurs.
Doch Innitzer lässt sich nicht beirren. Er gründet im Oktober 1933 ein interreligiöses und internationales Hilfskomittee. Auch prominente Vertreter der Wiener jüdischen Gemeinde holt er an Bord.
Innitzer sah hier eine „Mission Wiens, wo Angehörige aller Konfessionen und Nationalitäten zusammenleben, entsprechend seiner uralten Funktion als Mittler zwischen West und Ost“.
Dabei ging es dem Kardinal nicht um Munition gegen den Sowjetkommunismus. Er betonte, dass „es eine rein humanitäre Frage sei, die in keiner Weise mit irgendwelchen politischen Momenten in Verbindung gebracht werden darf“.
Aber es gehe nicht an, dass die Welt einfach zuschaut ohne zu helfen, „während in verschiedenen Teilen der Welt die Bevölkerung am Getreideüberschuss geradezu erstickt“.
Im Dezember 1933 holt er das Hilfskomittee zu einem Kongress nach Wien. Noch einmal tritt Innitzer vor die Weltöffentlichkeit, und man geht daran, die individuellen Hilfen zu bündeln.
Wie sehr dadurch Not gelindert werden konnte, ist heute unbekannt. Die Ernten hatten sich gebessert, und Stalin begann, die Aushungerungspolitik zu beenden.
Die Hungersnot ging zu Ende. Kardinal Innitzer hat als einer von ganz wenigen den Opfern eine weltweit gehörte Stimme gegeben.