Eine Gruppe der im 12. Jahrhundert entstandenen Armutsbewegungen waren die Waldenser. Valdes zählte zu den vornehmen Kaufleuten der Stadt Lyon, ihm gehörten u. a. zwei Backstuben. Um 1175 entschloss er sich zu einem Leben als Jünger Jesu. Anlass dafür war ein Lied über das Leben des heiligen Alexios, das ein fahrender Sänger auf dem Markt vortrug:
Ein reicher junger Mann gibt seine Karriere auf, wird Bettler und vollbringt Wunder. Valdes sorgte für den Unterhalt seiner Frau und seiner Töchter, bevor er sie verließ.
Er verkaufte seinen Besitz, gab das Geld den Armen und wurde Wanderprediger. In Lyon und Umgebung fand er bald begeisterte Zuhörerinnen und Zuhörer.
Valdes und diejenigen, die sich ihm anschlossen, wurden auch „Arme von Lyon“ genannt. Beim Dritten Laterankonzil 1179 wurde ihre Lebensform bestätigt, im Unterschied zur Verdammung der Katharer am selben Konzil.
Die Waldenser bekamen die Zusage, in Armut leben und zudem predigen zu dürfen, wenn es die jeweils lokalen Kirchenmänner erlaubten.
Als der Bischof von Lyon die von seinem Vorgänger gegebene Zusage zurückzog, widersetzte sich Valdes mit dem biblischen Wort: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg 5,29).
Der Bischof verstand das als Ungehorsam, er verbot Valdes und seiner Gruppe Predigt und Sakramente und wies sie aus Lyon aus. Am Konzil von Verona 1184 wurde dann gegen die Waldenser verfügt, dass sie mit dem Kirchenbann belegt würden, wenn sie ohne Erlaubnis predigten.
Die Waldenser gewannen im Lauf der nächsten Jahrzehnte viele Anhänger und Anhängerinnen in Südfrankreich, Oberitalien und den deutschsprachigen Gebieten, so auch im Donauraum. Die Zahl der österreichischen Waldenser um 1315 wird auf 80.000 geschätzt.
Gegen die Waldenser wurde zunächst mit Predigt und Polemik, später mit Inquisition und Verfolgung vorgegangen. In Hartberg in der Oststeiermark gab es im Februar 1401 einen Inquisitionsprozess, bei dem drei Waldenserinnen der weltlichen Obrigkeit zur Verbrennung übergeben wurden: „die Wendel, die Els Persteyner und die Peters.“
Als einzige der verurteilten Ketzerbewegungen überstanden die Waldenser das Mittelalter, in entlegenen Gegenden und unteren Gesellschaftsschichten. 1532 schlossen sie sich der schweizerischen Reformation an. Die größten waldensischen Gemeinden gibt es heute in Italien, Argentinien und Uruguay.
Mitbürger und Freunde. Ich habe nicht, wie ihr glauben möget, den Verstand verloren, sondern ich räche mich an meinen Feinden, die mich so zu ihrem Sklaven gemacht haben, dass ich mehr an den Gelderwerb als an Gott gedacht habe …
Ich weiß, dass mich viele verurteilen, da ich all das in der Öffentlichkeit gemacht habe. Aber ich habe das sowohl meinetwegen als auch euretwegen getan; meinetwegen, um denen, die mich reich sahen, zu zeigen, dass mir an Geld nichts mehr gelegen ist, euretwegen, damit ihr lernt, euch auf Gott zu verlassen und nicht auf Reichtum zu hoffen.
Valdes (um 1140 – nach 1206) zugeschrieben
Die verborgenen Geheimnisse des Glaubens sollen nicht allen Menschen an allen Orten erklärt werden. Denn solchermaßen ist die Tiefe der göttlichen Schrift, dass nicht nur der Verstand der Einfachen und Ungebildeten, sondern sogar derjenige der Klugen und Gelehrten bei dem Versuch, sie zu verstehen, keineswegs völlig ausreicht.
Papst Innozenz III. (Pontifikat 1198–1216)
Auf Veranlassung Gottes, der niemals resigniert angesichts der Sünden des Menschen, öffnen sich neue Wege, um unsere Geschwisterlichkeit zu leben; dem können wir uns nicht entziehen.
Ich bitte euch von Seiten der katholischen Kirche um Vergebung für all jene unchristlichen, ja unmenschlichen Handlungen und Einstellungen, die wir in der Geschichte, (vermeintlich) im Namen Christi, gegen euch gerichtet haben. Im Namen Christi, vergebt uns!.
Papst Franziskus bei seinem Besuch in der Waldenserkirche in Turin im Juni 2015

von em. Univ.-Prof. Dr. Josef Weismayer lehrte Dogmatische Theologie an der Uni Wien
Macht und Reichtum der Kirche haben das Hochmittelalter geprägt. Das provozierte anderseits die Besinnung auf das biblische Ideal der „armen Kirche“.
Der für diese Bewegung inspirierende Bibeltext war die Aussendungsrede Jesu für die Apostel bei Mt 10. Armut und Verkündigung waren die Schwerpunkte dieser „vita apostolica“.
Man kann für das 12. und 13. Jahrhundert von einer großen Armutsbewegung in der Kirche sprechen. In den sogenannten Bettelorden (Franziskaner, Dominikaner, Karmeliten, Serviten) hat sich diese Strömung auch in institutioneller Form manifestiert.
Valdes, ein reicher Kaufmann aus Lyon, verspürte die Berufung zu einem Leben in Armut und als Verkündiger. Die Lebensform dieser „Armen von Lyon“ wurde vom 3. Laterankonzil 1179 anerkannt, auch die Predigt wurde ihnen erlaubt, aber die „Glaubenspredigt“ im engeren Sinn war an die Erlaubnis des zuständigen Bischofs gebunden. Daraus entstanden Konflikte, weil sich die Anhänger nicht an diese Bedingung gebunden fühlten.
Man hat in diesen Auseinandersetzungen oft die Waldenser und die Katharer in einen Topf geworfen, aber die Waldenser bekannten sich zum Glauben der Kirche. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts hat sich die Gemeinschaft aber der Genfer Reformation angeschlossen.
Die Waldenser konnten sich trotz Verfolgung vor allem im nordwestlichen Italien, in Savoyen und im Piemont halten. Im Zug der politischen Einigung Italiens zu Ende des 19. Jahrhunderts konnten sie sich als christliche Kirche auch in größerem Rahmen entfalten.