Antworten von Kardinal Christoph Schönborn in der Tageszeitung HEUTE am 24.12. 2025
„Alle Jahre wieder kommt das Christuskind“, heißt es in einem bekannten Weihnachtslied. Alle Jahre wieder kommt der Weihnachtsstress! Geschenke besorgen, Christbaum aufstellen, sich ums Essen Gedanken machen, rechtzeitig mit den Vorbereitungen fertig werden. Warum tun wir uns das an? Könnten wir nicht einfach auf den Einkaufswahnsinn verzichten? Und auf die meist stressigen Familienfeiern! Und die Weihnachtslieder in Dauerschleife! Stattdessen einfach eine stille Zeit? Die beginnt für viele erst nach Weihnachten, wenn alles vorbei ist. Und doch ist Weihnachten fest in unserer Geschichte und Kultur verwurzelt. Es gehört zu uns, mit all dem Lichterglanz, den Weihnachtsmärkten, dem Feiern in der Familie. Wieso ist das so?
Alle Jahre wieder wird am Heiligen Abend die Weihnachtsgeschichte gelesen: von der Geburt Jesu in einem armen Stall in Betlehem, von der Not der Eltern, die das Kind in Windeln gewickelt in eine Futterkrippe legen. Von Ochs und Esel, den Hirten, denen ein Engel erscheint: Heute ist euch der Retter geboren, Christus, der Herr! Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen!
Hat Jesus den Frieden gebracht? Hat er die Welt gerettet? Alle Jahre wieder hören wir seine Friedensbotschaft. Ist sie jemals angekommen? Wieder einmal dreht sich die Spirale der Gewalt. Der unsägliche Krieg in der Ukraine, die Spannungen im Nahen Osten, grausame Kriege in Ländern Afrikas, die vielen Gefallenen, Verwundeten, Traumatisierten, Flüchtlingsströme, Hungersnöte, wachsende Armut neben manchen immer Reicheren. Überall wird wieder aufgerüstet. „Greatness“, Stärke und Abschreckung sind angesagt.
Manche lassen sich als „Friedensbringer“ feiern. Wie anders klingt das alles im Vergleich zum Weihnachtsevangelium! Ein kleines, wehrloses, und hilfsbedürftiges Kind, in Windeln gewickelt – was kann es schon ausrichten gegen die Machthaber dieser Welt? Ein Engelschor, der den Frieden auf Erde verkündet – kommt er an gegen das Donnern der Kanonen und Granaten?
Und doch liegt gerade in der Schutzbedürftigkeit des Jesuskindes eine Macht und Stärke, die die Welt verändern kann! Wie viel Liebe weckt ein neugeborenes Kind in seinen Eltern! Es ist völlig angewiesen auf die Fürsorge und Liebe anderer Menschen. Alle Jahre wieder berührt uns die Geburt des Kindes im Stall von Betlehem. Sie ist die frohe Botschaft, dass Gott uns den Weg zum Frieden zeigt: Er selber ist nicht in seiner Allmacht zu uns gekommen, sondern als kleines Kind. Hören wir auf mit unseren Machtspielen! Begegnen wir einander ehrlich und einfach. Wünschen wir einander von Herzen ein echtes Weihnachtsfest! Das wünsche ich auch Ihnen und Ihren Familien!