In einer immer säkulareren Gesellschaft verlieren religiöse Begriffe und Institutionen an Relevanz, doch genau das eröffnet auch neue Chancen.Der Pastoraltheologe Jan Loffeld sieht eine überraschende Sehnsucht nach authentischem Christentum.
Wer glaubt, dass sinkende Kirchenmitgliederzahlen und religiöse Gleichgültigkeit das Ende der Geschichte sind, unterschätzt eine merkwürdige Gegenbewegung: Manche Menschen suchen heute gezielt die Kirche auf, nicht aus Tradition oder sozialem Druck, sondern weil sie etwas Verlässliches suchen. Etwas Echtes. Ein „Christentum mit Copyright", wie es der niederländische Pastoraltheologe Prof. Jan Loffeld nennt. Loffeld sprach am Montag in Wien im Rahmen der 14. Deutsch-Österreichischen Kirchenrechtstagung, die noch bis 25. Februar unter dem Leitwort „Zukunft der Kirche in der säkularen Gesellschaft" an der Universität Wien stattfindet.
Die Ausgangslage ist ernüchternd. Studien wie der World Happiness Report oder religionssoziologische Erhebungen zeigen laut Loffeld, dass Fragen nach Schuld, Erlösung, einem Leben nach dem Tod oder der Hoffnung in der Gesellschaft „keinerlei Rolle mehr spielen". Klassische theologische Begriffe wie Gnade, Offenbarung oder Gott werden zunehmend bedeutungslos – nicht weil man sie ablehnt, sondern weil man schlicht nicht mehr weiß, was man mit ihnen anfangen soll. Diese „religiöse Indifferenz" ist der Kern von Loffelds 2024 im Herder-Verlag erschienenen Buch „Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt. Das Christentum vor der religiösen Indifferenz" – eines der meistdiskutierten theologischen Werke im deutschsprachigen Raum derzeit.
Daraus ergibt sich laut Loffeld ein echtes Dilemma. Einerseits erheben die christlichen Kirchen dem eigenen Selbstverständnis nach den Anspruch, die Welt weiterhin anzusprechen. Andererseits stehe es ihnen „nicht gut zu Gesicht, den Zeigefinger zu erheben und eine Welt ohne Gott als zugleich und immer inhuman zu bezeichnen". Moralisieren schreckt ab, Schweigen hilft aber auch nicht.
Und dennoch: Gerade in den Niederlanden – einem der säkularisiertesten Länder Europas – beobachtet Loffeld eine bemerkenswerte Gegenbewegung. Menschen, die keine religiöse Biografie mitbringen, suchen Gemeinden auf, weil sie Verlässlichkeit und Sicherheit suchen. Sie wollen kein verwässertes, angepasstes Christentum, sondern eines, das wirklich zu sich steht – eben eines „mit Copyright". Ähnliches zeigt sich in der medialen Öffentlichkeit. Journalisten wie Tobias Haberl oder Daniel Haas haben zuletzt öffentlich von einer Art spiritueller Berührung berichtet. Haas schilderte in der Zeit eine Begegnung in einer christlichen Gemeinde, die ihn schlicht ergriffen hat – ohne dass er es recht erklären konnte. Was Kirche jetzt leisten muss Für Loffeld ist die Konsequenz klar: Die Kirchen müssen mutiger werden – und zugleich ehrlicher. Sie sollen ihre Kernbotschaften von Gott, Erlösung und Gnade wieder deutlicher artikulieren, ohne dabei in eine „identitäre oder funktionalistische Verkürzung" zu verfallen, also ohne die Botschaft auf Abgrenzung oder bloßen gesellschaftlichen Nutzen zu reduzieren. Sowohl Theologie als auch Kirchenrecht seien gefordert, „Kriterien für die Authentizität des christlichen Glaubens zu garantieren" und Fehlentwicklungen klar zu benennen. Sein Fazit: „Eine Erneuerung des Christentums findet über sein Zentrum statt – die Erfahrung eines rettenden und heilenden Gottes und den Glauben daran." Genau das zu ermöglichen sei die eigentliche Aufgabe von Kirche und Theologie heute.
Die Tagung in Wien wird am Dienstagabend mit einer Podiumsdiskussion abgeschlossen, an der neben Loffeld auch die Religionssoziologin Kristina Stoeckl, der Generalsekretär der Österreichischen Bischofskonferenz Peter Schipka, die Kanzlerin der Diözese Innsbruck Magdalena Bernhard sowie der Münchner Kirchenrechtler Martin Rehak teilnehmen.