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20.04.2017

„Hermann: Ich brauch’ dich noch auf der Welt“

Aussteigen und das Pilgern helfen Hermann Muigg-Spörr aus der Krise. 

 

Ich war als Kind eher rundlich“, so der sportliche 55-jährige Hermann Muigg-Spörr heute. Er ist der dritte und jüngste Bub von Hermann und Josefine. Hermann verlebt am Bauernhof in Steinach am Brenner eine unbeschwerte Kindheit. Mit den Nachbarsbuben geht es im Sommer auf Baumhütten, im Winter zum Skifahren und Rodeln. Auch Aufenthalte bei den Taufpaten in der Schweiz prägen.

 

Nach der Handelsschule beginnt Hermann bei einem Steuerberater, interessanter ist es aber dann bei seinem Bruder Raimund in Ischgl als Sportartikelverkäufer. „Oft ist es schon um halb sechs in der Früh losgegangen, bis halb zwölf am Abend.“


Hadern mit Gott

Elf Jahre macht er das, mit negativen gesundheitlichen Begleiterscheinungen. „Mein Körper hat mich nicht mehr schlafen lassen, einerseits toller Verdienst, andererseits viel Verantwortung.“ Die Akkus leeren sich. „Es ist so weit
gekommen, dass ich zum Parkplatz bei der Europabrücke gefahren bin und hinunterspringen wollte.“ Er tut es nicht, sondern fährt in seine Wohnung: „Ich habe mich eingesperrt und mit Gott gehadert, aber plötzlich habe ich
gespürt, ich bin nicht allein, es gibt eine Kraft, dafür verwende ich das Wort ‚Gott‘.“

 

Es braucht Veränderung. Die bringen Exerzitien bei den Franziskanern in Hall. Danach beginnt er in einer Bank. Er setzt im Urlaub den Ratschlag der Franziskaner, nach Assisi zu fahren, um, will zur Ruhe kommen.

 

Hermann lernt dort Bruder Fritz aus Oberösterreich kennen, der schildert ihm, dass er kurz davor den Jakobsweg gegangen ist. Hermanns erste Reaktion: „Hast du einen Vogel, warum gehst du solange und soweit?“ Als er nach Hause kommt, sieht er im Fernsehen eine Reportage über den Jakobsweg. „Der klopft so vehement an mein Leben, das ist ein Zeichen.“ Am nächsten Tag bittet er in der Bank um unbezahlten Urlaub, um den Jakobsweg zu gehen. Das wird abgelehnt, er kündigt.

 

Erkenntnis am Jakobsweg

Vorerfahrung hat Hermann durch den Portiunkulamarsch nach Assisi. „Der Jakobsweg war fordernd, ich hatte dann auch eine Beinhautentzündung.“ Beim Pilgern kommt er zum Nachdenken. „Auf der Hochebene zwischen Burgos und Leon wurde mir klar, ich möchte mit jungen Menschen arbeiten.“

 

Nach der Rückkehr bewirbt er sich bei einigen Organisationen, aber es mangelt an pädagogischer Erfahrung. Das AMS vermittelt ihn zu einem Lehrgang, der Jugendliche unterstützt, die große Defizite haben und keinen Lehrplatz bekommen. „Ich war da ein eierlegendes Wollmilchferkel, Chef, Ausbildner, Lebensberater, Nachhilfelehrer.“ Das macht er neun Jahre, dann ist es Zeit für Neues.

 

Hermann wechselt auf einen Bauernhof, wo er ebenfalls Jugendliche begleitet, „Kühe gehörten gemolken, Erdäpfel gesetzt, Holz gehackt.“ Hermann lernt eine Frau kennen und geht mit ihr nach Bischofshofen. Er findet Arbeit bei der Landwirtschaftskammer, hält Vorträge, Seminare und Workshops, im Sommer hat er Zeit fürs Pilgern und macht eine Begleitausbildung für Pilger.

 

Private Ups and Downs

In Folge des Salzburger Finanzskandals kommt es zum großen Stellenabbau, darunter jene von Hermann. Auch die private Beziehung endet. Hermann verliebt sich aber neu beim Pilgern. Seine Freundin wird schwanger. Das Paar zieht in die Franziskusgemeinschaft nach Pinkafeld. Man lebt, betet und arbeitet gemeinsam. Dann kriselt die Beziehung.

 

Hermann fällt in eine schwere Depression. Er geht bergsteigen am Salzburger Hochkönig, „mit dem Gedanken, ich werde meinem Leben ein Ende bereiten.“ Immer wieder steigt er auf eine Felskante vor. „Dann war da eine Stimme, die sagt: ‚Hermann, ich brauch’ dich noch auf der Welt.“ Er steigt ab, nimmt professionelle Hilfe in Anspruch, es wird besser. „Ich habe gemerkt, ich werde langsam wieder der Alte.“ Die Beziehung scheitert, Hermann kümmert sich aber um Sohn Philipp.

 

Neue Türen öffnen sich

Durch die Pilgererfahrungen erkennt Hermann Muigg-Spörr eine neue berufliche Chance. Er beginnt Pilgerwanderungen zu organisieren. „Ich versuche, den Menschen dabei auch etwas für die Seele mitzugeben.“ Er sieht sich als „Menschen-Begleiter“. „Ich bin Christ, vielleicht nicht immer ein perfekter Katholik, aber es tut gut, an Plätze zu gehen, wo Menschen seit Jahrhunderten gebetet haben und unterwegs waren auf ihrem Weg zu Gott.“