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25.04.2016

"Gemeinwohl-Ökonom": Papst klingt wie Marx oder Piketty

Christian Felber im Interview zum Jubiläum von Sozialenzyklika Leos XIII. "Rerum novarum": Appell, mit Überfluss Armut zu lindern, "ebenso zeitlos wie wegweisend"

Wenn Papst Leo XIII. in seiner vor 125 Jahre erschienenen Sozialenzyklika "Rerum novarum" auf die große Kapitalanhäufung in den Händen weniger bei gleichzeitiger Verarmung vieler hinweist, könnte diese Analyse von Karl Marx, Thomas Piketty oder Papst Franziskus stammen. Darauf hat "Gemeinwohl-Ökonom" Christian Felber in einem "Kathpress"-Interview anlässlich des Jubiläums von "Rerum novarum" (15. Mai 1891) und von "Centesimus annus" (Johannes Paul II., 1. Mai 1991) hingewiesen. Papst Leos Zitierung des Evangeliums "Was ihr an Überfluss habt, das gebt den Armen" sei "ebenso zeitlos wie wegweisend" - auch wenn sich diese Aufforderung zum Teilen auf Spenden und nicht auf ein gerechtes Steuersystem beziehe, so Felber.

 

"Eigentum verpflichtet"

Der Autor eines viel beachteten Buches über "Die Gemeinwohl-Ökonomie", der sich zuletzt ("Die innere Stimme. Wie Spiritualität, Freiheit und Gemeinwohl zusammenhängen") auch spirituellen Fragen widmete, bevorzugt nach eigener Aussage die Sozialenzyklika "Populorum progressio" (Paul VI., 1967). Der Appell des Konzilspapstes "Das Privateigentum ist also für niemand ein unbedingtes und unumschränktes Recht" könnte laut Felber ein "Kernsatz der Gemeinwohl-Ökonomie" sein. Er lese die Papstenzykliken, die immer wieder auf den Grundsatz "Eigentum verpflichtet" pochen, "als Fortsetzungsgeschichte". Die Lehrschreiben würden sich sowohl mit dem Zeitgeist entwickeln als auch auf ewige Quellen referenzieren - "was ihnen hohe Autorität und Legitimationskraft verleiht".

Felber befürworte auch den schon von Leo XIII. bewusst gewählten Mittelweg zwischen Kapitalismus und Sozialismus in seiner Gemeinwohl-Ökonomie. Freilich: Die letzte Legitimationsquelle für eine Enzyklika sei Gott, für seinen eigenen Ansatz aber der politische Wille des demokratischen Souveräns. "Das heißt keineswegs, dass das Ergebnis nicht dasselbe sein kann, ganz im Gegenteil", wie Felber betonte: "Meine Erfahrung zeigt, dass das, was an inhaltlicher Essenz von einem christlichen Gott kommt und das, was - wirklich - demokratische und freie Gesellschaften entscheiden, konvergent ist."

Befragt nach der mancherorts als "unchristlich" kritisierten Politik christdemokratischer Parteien ließ Felber mit der Antwort aufhorchen: "So wie ich 'christliche Politik' verstehe, ist sie nie passé, und ich hoffe sogar, dass ihre Zeit erst kommen wird!" Denn für ihn bedeute dies nichts anderes als, dass Menschenwürde und Gemeinwohl die höchsten Werte sind.


"Was wirklich zählt im Leben"

Auch bei notwendigen Korrekturen der Weltwirtschaft angesichts von ökologischen, politischen und sozialen Krisenerscheidungen sollte sich der Blick auf die Welt und die ökonomische Erfolgsmessung direkt auf das richten, "was wirklich zählt im Leben", empfahl der 43-jährige Ökonom, der Gründungsmitglied von "Attac Österreich" war. "Zuerst sollten wir aufhören, auf das Bruttoinlandsprodukt zu starren und sein Wachstum mit 'Erfolg' zu verwechseln." Die Lebensqualität, das Wohlbefinden, die ökologische Stabilität und die Sicherheitslage könnten sich laut Felber nämlich auch verschlechtern, wenn das BIP steigt.

Wissenschaftlich sei erwiesen, dass es Menschen besser geht, wenn sie nach Erreichen einer materiellen Basisversorgung auf Erfahrungs-und Erlebnisreichtum setzen statt auf materiellen Reichtum, "der Ängste erzeugt ist". Soll heißen: "Gutes Leben" statt "ökonomischer Wachstumszwang". Zuwächse an Lebensqualität würden dann aus stabilen Beziehungen, entspringen, aus emotionaler Kompetenz, Körpersensibilisierung, erfüllender Sexualität, funktionierender Demokratie, intakter Umwelt und globaler Sicherheit. "Nichts von dem lässt sich mit Finanzrenditen, Finanzgewinnen oder dem BIP messen", betonte Felber.