
Manchmal liegt das Bedeutende im Kleinen. Zwischen Steinritzungen und Goldrändern, über Kirchenportalen und in alten Handschriften taucht ein verschlungenes Zeichen auf: Χ und Ρ. Zwei griechische Buchstaben – Chi und Rho – die ersten von Χριστός (Christus). Zusammen bilden sie das Christus‑Monogramm, kurz Chi‑Rho. Wer es sieht, liest in zwei Linien ein Glaubensbekenntnis: Christus steht im Zentrum. Das Zeichen wirkt schlicht, aber es spricht eine dichte Sprache. In der Frühkirche kennzeichnete es Orte und Dinge, die „von Christus her“ verstanden werden: Grabsteine, Siegel, Kelche, Feldzeichen. Es ist kompakt, erkennbar, tragfähig. Ein Blick genügt – und das Unsichtbare wird erinnert: Christus ist gegenwärtig.
Oft begegnet das Chi‑Rho in Geschichten um Kaiser Konstantin. Damit es keine Missverständnisse gibt, lohnt der klare Satz: Die Vision wird als Kreuz beschrieben, das Feldzeichen trägt das Chi‑Rho. Der Kirchenhistoriker Eusebius erzählt, Konstantin habe ein Kreuz aus Licht am Himmel gesehen, begleitet von den Worten: „In diesem Zeichen siege.“ In der Nacht folgte die Deutung. Der Schriftsteller Laktanz berichtet dann vom „himmlischen Zeichen“ auf den Schilden der Soldaten – gemeint ist das Christus‑Monogramm. Aus dieser Verbindung entsteht das Labarum, Konstantins Feldzeichen: sichtbar geprägt vom ΧΡ. So stehen in der Erinnerung Vision (Kreuz) und Ausführung (Chi‑Rho) nebeneinander – und prägen bis heute Kunst und Liturgie.
Warum berührt dieses kleine Monogramm noch? Weil es die Mitte ohne Umschweife markiert. Es verzichtet auf große Worte und fasst Glauben zusammen: Christus – Anfang, Mitte und Ziel. Darum findet man das Zeichen an Übergängen: über Türen, am Beginn von Texten, auf Dingen, die den Gottesdienst tragen. Es ist wie ein stiller Hinweis: Hier beginnt etwas, das aus Christus gelesen werden will.
In einer Welt voller Schlagworte bleibt das Chi‑Rho erstaunlich aktuell. Es erinnert daran, dass das Herz des Christentums nicht in Parolen schlägt, sondern in einer Person. Zwei Buchstaben – und doch eine ganze Geschichte: Christus ist da.