Papst Franziskus war in vieler Hinsicht prophetisch." - Das hat Kardinal Christoph Schönborn im Interview mit der katholischen Nachrichtenagentur kathpress anlässlich des ersten Jahrestages (21. April) des Todes des ersten Papstes aus der Südhalbkugel betont. Der emeritierte Wiener Erzbischof verwies auf die Impulse des früheren Kirchenoberhauptes hinsichtlich der Option für die Armen, den interreligiösen Dialog, die Themen Frieden, Migration und Schöpfungsverantwortung sowie den synodalen Prozess in der Katholischen Kirche und den Umgang mit geschiedenen Wiederverheirateten.
Papst Franziskus habe vom ersten Moment an überrascht, als er auf der Loggia des Petersdoms nach seiner Wahl die Menschen mit "Buona sera" begrüßte und nicht mit dem erwarteten bzw. üblichen "Gelobt sei Jesus Christus". Überraschend war auch, dass er nicht die Mozetta (Anm. päpstlicher roter Schulterkragen über dem Chorhemd) trug wie seine Vorgänger und auch sein Nachfolger Leo. Schönborn: "Das sind alles Äußerlichkeiten, die natürlich etwas signalisieren."
Der Papst habe selbst später erzählt, dass ihm im Konklave, als klar war, dass die Wahl auf ihn falle, der brasilianische Kardinal Claudio Hummes zugeflüstert habe: "Vergiss die Armen nicht". Da sei ihm klar geworden, dass er den Namen Franziskus wählen werde - zum ersten Mal in der langen Geschichte der Päpste. Schönborn: "Er hat ganz bewusst diesen Namen gewählt. Er wollte dem heiligen Franziskus nacheifern, sozusagen das Papsttum mit dem Geist des Franziskus erfüllen."
Schönborn erinnerte im Interview an die erste Reise des Papstes auf die Flüchtlingsinsel Lampedusa. Dass sein Nachfolger Papst Leo XIV. ausgerechnet am Tag des 250-Jahr-Jubiläums der Gründung der Vereinigten Staaten nicht nach Washington, sondern ebenfalls nach Lampedusa reisen wird, sei im Übrigen ebenfalls ein außerordentlich starkes Zeichen, so der Kardinal.
Papst Franziskus habe mit solchen Zeichen Akzente gesetzt. Etwa auch, als er als erstes europäisches Land Albanien, ein Armenhaus des Kontinents, besuchte; mit erschütternden und bewegenden Begegnungen.
Zwei päpstliche Schreiben hob Schönborn im Interview hervor: "Laudato si und "Evangelii gaudium". Mit "Laudato si" habe der Papst einen "unglaublichen Impuls" gegeben in Richtung Bewahrung der Schöpfung.
Und eine erste Enzyklika "Evangelii gaudium" (Freude über das Evangelium) sei zweifellos seine große Programmschrift gewesen. Nicht umsonst habe auch Papst Leo gleich am Beginn seines Pontifikats auf dieses Dokument verwiesen "und damit auch den Ton angegeben für sein eigenes Pontifikat". "Evangelii gaudium" (Freude über das Evangelium") sei eine "hinreißende, mitreißend Schrift, in der Papst Franziskus sein ganzes Grundverständnis des Evangeliums kundgetan hat. Das muss man kennen, wenn man den Papst verstehen will."
Als "Durchbruch" bezeichnete der Kardinal das vor zehn Jahren als Frucht von zwei Bischofssynoden zur Familienthematik von Papst Franziskus verfasste Lehrschreiben "Amoris laetitia" ("Die Freude der Liebe"). Es habe keine Änderung in der Lehre der Liebe gebracht, aber ihre Anwendung hin auf konkrete Lebenssituationen. Das Dokument fordere ein genaueres Hinschauen und Unterscheiden, echte Aufmerksamkeit und ein Einfühlen in die jeweilige Situation als Voraussetzung für den Sakramentenempfang von geschiedenen Wiederverheirateten.
Im Blick auf den von Papst Franziskus angestoßenen synodalen Prozess in der Katholischen Kirche meinte Schönborn, dass es in der Kirchengeschichte immer verschiedene Perioden gegeben habe. Manchmal sei das Papsttum stärker im Vordergrund gestanden, manchmal weniger. Eine überwältigend starke Persönlichkeit sei Papst Johannes Paul II. gewesen, "sodass man manchmal schon den Eindruck haben konnte, die Kirche besteht vor allem aus dem Papst". Das sei aber natürlich nicht die Grundnatur der Kirche, "denn die ist synodal verfasst".
Papst Franziskus habe sehr stark an dieses Grundelement der Kirche erinnert. Man müsse allerdings ehrlicherweise sagen, so Schönborn: "Der Regierungsstil von Franziskus war nicht immer ganz synodal. Das darf man in großem Respekt sagen, weil er doch ein Mann starker Entscheidungen war, was auch für das Papsttum notwendig ist." Und doch sei ihm mehr Synodalität ein solch großes Anliegen gewesen, "und dieses Anliegen ist bei Papst Leo in guten Händen", zeigte sich der Kardinal überzeugt.