Es ist wohl das beliebteste Marienbild Wiens: Seit über 300 Jahren pilgern täglich Menschen zur Ikone der Muttergottes von Mariapócs nahe vom Eingang des Stephansdoms. Die zahlreichen Kerzen vor dem Bild erzählen von einer stillen, oft sehr persönlichen Frömmigkeit von Menschen unterschiedlichster Herkunft und Konfession. Viele verweilen hier nur kurz, andere länger; selbst Touristinnen und Touristen werden vor der Ikone spürbar leiser und zuweilen sogar still.
Vor wenigen Tagen besuchten Vertreter des Wiener Domkapitels mit Mitarbeitern des Doms und der Erzdiözese den Ursprungsort des Bildes. Anlass der Wallfahrt nach Máriapócs in Ungarn war das 330-jährige Jubiläum des ersten Tränenwunders aus dem Jahr 1696, ein Ereignis, das die Geschichte dieses Marienbildes und seine Ausstrahlung bis heute prägt.
Die Delegation, angeführt von Mitgliedern des Domkapitels, wurde von Mitarbeitenden der Erzdiözese Wien und des Stephansdoms begleitet. Mitgereist sind auch Yuriy Kolasa, Generalvikar des katholischen Ostkirchenordinariats in Österreich, sowie Dr. Katalin Földvári, Expertin der Ikone von Máriapócs. Gemeinsam verbrachte die Gruppe drei Tage an dem bedeutenden ungarischen Wallfahrtsort, der seit Jahrhunderten Ziel vieler Pilgerinnen und Pilger ist. Im Mittelpunkt der Reise stand das Gedenken an das Tränenwunder von 1696. Über mehrere Wochen hinweg – vom 4. November bis zum 8. Dezember – soll die Ikone Tränen vergossen haben. Dieses außergewöhnliche Geschehen bewegte nicht nur die Gläubigen vor Ort, sondern führte schließlich dazu, dass Kaiser Leopold I. das Bild nach Wien bringen ließ. Dort wird es bis heute im Stephansdom als „Ungarische Madonna“ verehrt. In Máriapócs selbst wird seither eine Kopie des Bildes verehrt, die ihrerseits in den Jahren 1715 und 1903 Tränenwunder zeigte und die Bedeutung des Wallfahrtsortes weiter vertiefte.
Die Tage in Máriapócs waren geprägt von gemeinsamer Liturgie, Gebet und Begegnung. In den feierlichen Gottesdiensten wurde die geistliche Tiefe des Jubiläums besonders spürbar. Gleichzeitig bot sich die Gelegenheit, die Tradition und das Leben der griechisch-katholischen Kirche in Ungarn näher kennenzulernen. Metropolit Fülöp Kocsis, Oberhaupt der griechisch-katholischen Kirche Ungarns, und die beiden Bischöfe Atanáz Orosz und Ábel Szocska empfingen die Wiener Pilger und feierten gemeinsam mit ihnen die Liturgie. Dabei wurde deutlich, wie sehr unterschiedliche kirchliche Ausdrucksformen einander bereichern können.
Einen besonderen Eindruck hinterließ der Besuch der Roma-Gemeinschaft in Hodász. Dort erlebten die Teilnehmenden eine lebendige Kirche, die den Menschen nahe ist und ihren Alltag teilt. Die Offenheit, die gelebte Gemeinschaft und das sichtbare Engagement vor Ort hinterließen einen bleibenden Eindruck.
Auch ein Zeichen der Verbundenheit durfte nicht fehlen: Die Wiener Delegation überreichte Reliquien der Stadtpatrone Wiens, des heiligen Leopold und des heiligen Klemens Maria Hofbauer. Diese Geste unterstrich die geistliche Nähe zwischen Wien und Máriapócs. Gleichzeitig wurde eine Einladung ausgesprochen, die Feierlichkeiten rund um das Jubiläum der Ikone im November 2026 auch in Wien gemeinsam zu begehen.
So wurde diese Wallfahrt zu mehr als einer Reise an einen historischen Ort. Im gemeinsamen Gebet, in den Begegnungen und im bewussten Erinnern an das Tränenwunder wurde erfahrbar, was viele der Teilnehmenden bewegte: Die Ikone von Máriapócs steht heute nicht für Trennung, sondern für Verbindung. Sie erinnert daran, dass der Glaube Brücken bauen kann zwischen Ländern, Kulturen und kirchlichen Traditionen.
Gerade im Jubiläumsjahr wurde spürbar, wie sehr dieses alte Marienbild auch heute noch Menschen anspricht. Von Wien bis Máriapócs verbindet es Gläubige in einer gemeinsamen Hoffnung, getragen von der stillen Gegenwart der Gottesmutter und der Zuversicht, dass aus dem Glauben immer wieder neue Gemeinschaft wachsen kann.