Die Insassinnen und Insassen der Justizanstalt Wien-Josefstadt werden künftig von einem ökumenischen Seelsorgeteam betreut und begleitet. Eine Vereinbarung dazu haben Vertreterinnen und Vertreter der katholischen und evangelischen Kirche am Freitag, den 17. April 2026, in einem Gottesdienst in der Anstaltskapelle feierlich unterzeichnet. Neben den Seelsorgerinnen und Seelsorgern der katholischen und evangelischen Kirche waren auch Erzbischof Josef Grünwidl seitens der Erzdiözese Wien und Bischöfin Cornelia Richter von der Evangelischen Kirche Österreich unter den Unterzeichnenden.
Den Auftrag Jesu, Gefangene zu besuchen (vgl. Mt 25,36), "erfüllen evangelische und katholische Seelsorgerinnen und Seelsorger in gleichem Glauben, in vielfach gleicher Weise und in versöhnter Verschiedenheit", heißt es im unterzeichneten Dokument. Grund für den ökumenischen Schulterschluss sei die Erfahrung des Seelsorgeteams, „dass konfessionelle Fragen und Unterschiede nur selten von Bedeutung sind“. Das ermutige die beiden Kirchen, „noch enger und besser zusammenzuarbeiten und so manche historisch gewachsene Differenz außer Acht zu lassen, zum Wohle derer, für die wir da sein wollen“, so die Erklärung weiter. Die beiden Kapellen der zwei Kirchen werden künftig gemeinsam als „sakrale Räume der Liturgie, der Spiritualität und Gemeinschaft gleichberechtigt“ genutzt, bei der Abhaltung der Gottesdienste werde man sich künftig gegenseitig unterstützen und bereichern.
'Ich war im Gefängnis und ihr habt mich besucht' (Mt 25,36), erfüllen evangelische und katholische Seelsorgerinnen und Seelsorger in gleichem Glauben, in vielfach gleicher Weise und in versöhnter Verschiedenheit.
Die Insassinnen und Insassen seien „ungeachtet ihrer Religionszugehörigkeit herzlich willkommen“ und können weiterhin „so sie oder er es wünscht, von einer Seelsorgerin/einem Seelsorger der eigenen Konfession betreut werden“, heißt es in dem Dokument weiter. Die Vereinbarung zwischen der katholischen und evangelischen Kirche sei der Anfang intensiverer Zusammenarbeit in der Gefängnisseelsorge. Man wolle in Zukunft auch die Kooperation mit der orthodoxen und der muslimischen Seelsorge intensivieren, so Anstaltsseelsorger Jonathan Werner bei der Unterzeichnung.
Während des Gottesdienstes betonte Erzbischof Josef Grünwidl die Pluralität in der Kirche und zwischen den Konfessionen: „Meine Kirche ist sehr bunt! Das Wort ‚katholisch‘ bedeutet ‚allumfassend‘.“ Dadurch gehöre Vielfalt grundlegend zur Kirche, so Grünwidl. „Das Miteinander in der Verschiedenheit und mit der evangelischen und orthodoxen Kirche erlebe ich in Wien als sehr lebendig. Darauf können wir stolz sein. In der Buntheit und Unterschiedlichkeit der Religionen und Kulturen sind wir gemeinsam unterwegs“, so der Wiener Erzbischof.
Das Miteinander in der Verschiedenheit und mit der evangelischen und orthodoxen Kirche erlebe ich in Wien als sehr lebendig.
Die evangelische Bischöfin Cornelia Richter ermutigte die anwesenden Insassen, auch in schwierigen Phasen auf Gott zu vertrauen: „Wenn es hart auf hart kommt, vertraue ich darauf, dass es bei Gott Halt und Sicherheit gibt.“ Das Vertrauen in Gott gebe Halt, „wenn es keinen Boden und keinen Halt mehr im Leben gibt“, so Richter. Der Glaube sei der rote Faden in ihrem Leben, sagten sowohl Richter als auch Grünwidl beim Predigtgespräch während des Gottesdienstes.
Die Anstaltsseelsorge leitet der katholische Theologe Jonathan Werner. Er sei dankbar für das Miteinander der verschiedenen Konfessionen und Religionen in der Gefängnisseelsorge und „dass ich an und mit ihnen lernen darf, meinen Glauben immer wieder neu zu fassen.“ „Bei jeder ökumenischen Begegnung werden meine Selbstverständlichkeiten im Leben und im Glauben hinterfragt und herausgefordert. Ich finde, gläubige Menschen brauchen das. Das tut uns gut, hält uns geistig jung und innerlich wach in der Suche nach Wahrheit“, so der Gefängnisseelsorger.
Die von den Wienerinnen und Wienern „Graues Haus“ genannte Justizanstalt Wien-Josefstadt im achten Wiener Gemeindebezirk ist mit einer Fläche von über 68.000 m2 und aktuell rund 1200 Insassinnen und Insassen Österreichs größtes Gefängnis. Die Anstalt ist für den Vollzug von Freiheitsstrafen bis zu 18 Monaten zuständig. Die Hauptaufgabe der Gefängnisseelsorge ist es, den Inhaftierten beizustehen, mit ihnen Gottesdienste zu feiern und andere spirituelle Gruppen oder Einzelbegegnungen zu ermöglichen. Die christliche Seelsorge in den Justizanstalten orientiert sich an den Worten von Jesus Christus in der Bibel: „Ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen“ (Matthäusevangelium, Kapitel 25, Vers 36).

Das Team der Gefängnisseelsorge mit der unterzeichneten Erklärung: Florian Toth (evang.), Szilárd Wagner (evang.), Jonathan Werner (kath.), Bischöfin Cornelia Richter (evang.), Erzbischof Josef Grünwidl (kath.), Daniela Schwimbersky (evang.), Alexandra Keisler-Dité (kath.), P. Helmut Schumacher SJ (kath)
"Evangelische und katholische Christinnen und Christen vereint der Glaube an den gütigen und barmherzigen Gott, der in Jesus Christus Mensch geworden ist. Dieser Glaube an die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus und damit letztlich in jedem Menschen, bildet die pastoraltheologische Basis dafür, den Menschen an sich, seine Sorgen und Nöte, sein Fragen und Suchen, sein Hoffen und Bangen, ja, sein ganzes Dasein in den Mittelpunkt des pastoralen Wirkens der Seelsorgerinnen und Seelsorger im Straf- und Maßnahmenvollzug zu stellen. Diesen Auftrag, den Jesus selber im Evangelium erwähnt: „Ich war im Gefängnis und ihr habt mich besucht.“ (Mt 25,36), erfüllen evangelische und katholische Seelsorgerinnen und Seelsorger in gleichem Glauben, in vielfach gleicher Weise und in versöhnter Verschiedenheit.
Gemeinsam mit allen anderen Strafvollzugsbediensteten arbeiten wir Seelsorgerinnen und Seelsorger an der Verwirklichung der Vollzugsziele. Vor allem gestalten wir unsere Angebote im Sinne versöhnender Gerechtigkeit und neuerlicher Einübung von Lebensvollzügen für ein gelingendes zwischenmenschliches Zusammenleben. Wir erfahren dabei, dass konfessionelle Fragen und Unterschiede nur selten von Bedeutung sind, was uns ermutigt, noch enger und besser zusammenzuarbeiten und so manche historisch gewachsene Differenz außer Acht zu lassen, zum Wohle derer, für die wir da sein wollen. Zentral sind uns dabei das offene aufeinander Hören und aneinander Lernen, sowohl in Bezug auf uns als auch auf die uns Anvertrauten.
Daher treffen wir in Absprache mit unseren Kirchenleitungen, den Vertretern der Generaldirektion für den Strafvollzug und freiheitsentziehenden Maßnahmen, sowie der Anstaltsleitung für unsere weitere gemeinsame Arbeit in der Justizanstalt Wien-Josefstadt folgende freiwillige Absprache:
Fortan wollen wir beide Kapellen gemeinsam als sakrale Räume der Liturgie, der Spiritualität und Gemeinschaft gleichberechtigt nutzen. In der Abhaltung der Gottesdienste, zu denen jeweils alle Insassinnen und Insassen der entsprechenden Abteilung ungeachtet ihrer Religionszugehörigkeit herzlich willkommen sind, wollen wir uns unterstützen und bereichern. Die Zuständigkeit für die Abteilungen im Haus teilen wir unter uns auf, wobei jede Insassin/jeder Insasse auch weiterhin, so sie oder er es wünscht, von einer Seelsorgerin/einem Seelsorger der eigenen Konfession betreut werden kann.
Wien 17.04.2026"