Donnerstag 30. April 2026

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Stift Klosterneuburg
iStock/Stefan Rotter / Stift Klosterneuburg
30.04.2026

"Klosterneuburger Diskurse" nehmen Menschenwürde in den Fokus

Die Auftaktveranstaltung mit der Wiener Historikerin Manuela Mayer und dem aus den USA stammenden Klosterneuburger Stiftskämmerer Elias Carr machte die Spannung zwischen Anspruch und Realität deutlich.

Mit den "Klosterneuburger Diskursen" hat das Stift Klosterneuburg eine neue Veranstaltungsreihe gestartet, die Menschen zusammenbringen und den Austausch unterschiedlicher Perspektiven fördern möchte. Anlässlich des 250. Jahrestags der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung stehen die Diskurse 2026 im Zeichen einer grundlegenden Frage: Ist die Würde des Menschen wirklich unantastbar? - Expertinnen und Experten aus Theologie, Geschichte und Gesellschaft beleuchten das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven; von Politik und Religion bis zu Bildung und Kultur.


Die Auftaktveranstaltung fand vor Kurzem mit der Wiener Historikerin Manuela Mayer und dem aus den USA stammenden Klosterneuburger Stiftskämmerer Elias Carr statt und stand unter den Leitfragen: "Sind alle Menschen gleich geboren? Wie verbinden sich die Ideen Thomas Jeffersons mit der Herrschaft Maria Theresias?". Die "Klosterneuburger Diskurse" werden von "radio klassik Stephansdom" aufgezeichnet. Der Mitschnitt der ersten Veranstaltung ist ab sofort als Podcast abrufbar unter: radioklassik.at/programm/sendungsformat/16808/


Eingangs der Diskussion wurde aus der Unabhängigkeitserklärung der USA aus dem Jahr 1776 zitiert: "Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich: dass alle Menschen gleich geschaffen sind; dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; dass dazu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören."


Wie Stiftskämmerer Carr dazu erläuterte, sei diese Passage für die Amerikaner sehr mächtig. "Sie ist zwar keine Wirklichkeit, aber sie ist ein Anspruch, etwas zu verwirklichen", so Carr: "Es ist wie das Wort Gottes, es versucht uns zu sagen, dass wir zum Beispiel unsere Feinde lieben sollen. Aber wie oft hassen wir unsere Feinde? Dennoch sollten wir die Worte Gottes verwirklichen."


Obwohl Thomas Jefferson Sklaven besaß, habe er diesen Text verfasst. Dies sei für ihn kein Widerspruch gewesen, so Carr, "denn er hat ja für sie gesorgt". In der Bundesverfassung aus dem Jahr 1789 habe es noch immer die Möglichkeit der Sklaverei gegeben.


Manuela Mayer vom Institut für die Erforschung der Habsburgermonarchie und des Balkanraumes an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften hielt dazu fest, dass das Dokument der Unabhängigkeitserklärung aus einer Krise heraus entstanden sei. Die Formulierung "Alle Menschen sind gleich an Rechten" sei im Zusammenhang mit dem Anspruch der Unabhängigkeit von England zu sehen, weil man sich als Bürger zweiter Klasse fühlte. Man habe hingegen damit damals nicht ausdrücken wollen, dass tatsächlich alle Menschen der Welt gleich sind.


Europa habe zur damaligen Zeit bereits eine lange Tradition an Freiheitsbriefen und Freiheitsdokumenten aufweisen können, die bis in das Mittelalter zurückreichten und immer ein Resultat aus Krisenzeiten bzw. Kriegen waren. Nichtsdestotrotz konstatierte Mayer auch für die Habsburgermonarchie im 18. Jahrhundert: "Aus dem damaligen Zeitgeist wäre es undenkbar gewesen, alle Menschen in einen Topf zu werfen. Jeder Mensch hatte gemäß seinem sozialen Stand, seiner Aufgaben für die Gesellschaft und seiner Position im sozialen Gefüge gewisse Pflichten und Rechte, die ihm zugestanden sind, die aber abgegrenzt waren zu anderen Personen, die eine andere Rolle in der Gesellschaft gespielt haben."


Ungeborene, Kranke, Verrückte, Alte

Die Menschheit stehe immer in Gefahr, sich zwischen moralischen Überlegenheitsansprüchen und alltäglich erbärmlichen Versagen zu verlieren; "zwischen dem, was sie sein könnten und möchten, und dem, was sie zustande bringen", so der Klosterneuburger Chorherr Nicolaus Buhlmann in seinem Grußwort zu Beginn der Veranstaltung. Die Philosophen sagten seit Jahrtausenden, dass alle Menschen mit gleichen Rechten geboren sind, und "die Christen verkünden denselben Anspruch und nehmen dabei Maß an einem Gott, der Mensch geworden ist". Dieses unbegreifliche Ereignis sei für die Gläubigen der Richtwert für alles andere, so Buhlmann: "Wenn alle Menschen gleiche Rechte haben, dann auch die Ungeborenen, die Kranken, die Verrückten, die Alten und mit den Reichen auch die Armen, die Versager und die Performer. Für alle ist Christus gekommen."

 

Nächster Termin am 18. Mai

Am 18. Mai diskutieren der aus Indien stammende Ordensmann und Dogmatikprofessor Antony Arockiam, der Salzburger syrisch-orthodoxe Theologe Aho Shemunkasho und die über Jahrzehnte im Kongo tätige steirische Ordensfrau Sr. Brigitta Raith zum Thema "Prägen Religionen Kulturen? Die Macht sozialer und religiöser Hierarchien." (19 Uhr, Augustinussaal)