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08.05.2026

Die Mönche von Tibhirine und die Märtyrer von Algerien (8.Mai)

Am 8. Mai gedenkt die Kirche der Märtyrer von Algerien: 19 Ordensfrauen und Ordensmänner, die zwischen 1994 und 1996 während des algerischen Bürgerkriegs ermordet wurden.

Unter ihnen sind die sieben Trappistenmönche von Tibhirine, deren Zeugnis bis heute für Frieden, Gewaltlosigkeit und den Dialog zwischen Christen und Muslimen steht.

 

Die Mönche lebten im Kloster Notre-Dame de l’Atlas, etwa 90 Kilometer südlich von Algier. Ihr Leben war schlicht: Gebet, Arbeit, Gastfreundschaft und Dienst an der überwiegend muslimischen Landbevölkerung. Bruder Luc, der Arzt der Gemeinschaft, behandelte Kranke aus der Umgebung; andere halfen Dorfbewohnern beim Schriftverkehr mit Behörden oder arbeiteten mit ihnen in der Landwirtschaft. Ihr Kloster war kein Ort lauter Mission, sondern ein Ort stiller Präsenz.

Gerade darin lag ihre Botschaft: das Evangelium leben, ohne es aufzudrängen; bei den Menschen bleiben, auch wenn es gefährlich wird; Vertrauen wachsen lassen, wo Misstrauen, Gewalt und alte Wunden herrschen. Die Mönche verstanden sich als Brüder im Dialog. Gemeinsam mit muslimischen Freunden suchten sie Wege des Gebets, der Begegnung und des Friedens.

 

 

Als die Gewalt in Algerien eskalierte, wurden auch sie aufgefordert, das Land zu verlassen. Doch die Gemeinschaft rang sich dazu durch, zu bleiben. Nicht aus Todessehnsucht, sondern aus Treue: zu Gott, zu ihrer Berufung und zu den Menschen, mit denen sie lebten. Militärischen Schutz lehnten sie ab.

In der Nacht vom 26. auf den 27. März 1996 wurden sieben Mönche entführt: Christian de Chergé, Luc Dochier, Christophe Lebreton, Michel Fleury, Bruno Lemarchand, Célestin Ringeard und Paul Favre-Miville. Zwei Brüder überlebten, weil sie in jener Nacht nicht bei den anderen waren. Am 30. Mai wurden die Köpfe der Entführten gefunden; ihre Körper blieben verschollen. Wer die Mönche tatsächlich tötete, ist bis heute nicht vollständig aufgeklärt.

Besonders eindrucksvoll bleibt das geistliche Testament des Priors Christian de Chergé. Darin bittet er darum, seinen Tod nicht als Anklage gegen Algerien oder den Islam zu verstehen. Er unterscheidet klar zwischen dem Glauben der Muslime und extremistischem Terror. Sogar den möglichen Täter nennt er „Freund meines letzten Augenblicks“ und schließt ihn in seine Vergebung ein.

 

2018 wurden die sieben Mönche von Tibhirine gemeinsam mit zwölf weiteren Märtyrern Algeriens in Oran seliggesprochen. Zu ihnen gehören auch Bischof Pierre Claverie von Oran, mehrere Ordensschwestern, Weiße Väter, ein Maristenbruder und weitere Ordensmänner und -frauen. Ihr gemeinsames Zeugnis ist stärker als jede Ideologie des Hasses: Liebe ist nicht naiv. Sie ist die christliche Antwort auf Gewalt.

 

Bekannt wurde das Schicksal der Mönche auch durch den preisgekrönten Film Von Menschen und Göttern von Xavier Beauvois aus dem Jahr 2010. Er zeigt nicht nur das Drama ihrer letzten Monate, sondern vor allem die innere Entscheidung dieser Männer: bleiben oder gehen, Angst oder Vertrauen, Selbstschutz oder Solidarität.

 

Das Kloster von Tibhirine ist bis heute ein Zeichen. Zwar lebt dort keine Trappistengemeinschaft mehr, doch der Ort wurde nie ganz aufgegeben. Menschen kümmern sich um das Gelände, um die Bäume, um die Erinnerung. Die Botschaft der Mönche bleibt lebendig: Dialog beginnt nicht mit großen Worten, sondern mit Treue, Nachbarschaft und einem offenen Herzen.

 

So erinnert der 8. Mai nicht nur an einen tragischen Tod. Er erinnert an ein Leben, das sich verschenkt hat — für Christus, für den Frieden und für die Würde jedes Menschen.


Das Testament von Pater Christian de Chergé


Wenn es mir eines Tages geschehen sollte – und das könnte heute schon sein – ein Opfer des
Terrorismus zu werden, der sich nun auch gegen alle Fremden in Algerien zu richten scheint,
so möchte ich, daß meine Gemeinschaft, meine Kirche, meine Familie sich daran erinnern,
daß mein Leben Gott und diesem Land geschenkt war.
Sie mögen annehmen, daß der einzige Meister eines jeden Lebens diesem schrecklichen
Hinscheiden nicht fremd gegenüberstehen kann. Sie mögen für mich beten: Wie soll ich
würdig sein für ein solches Opfer? Sie mögen diesen Tod im Zusammenhang mit so vielen
Toden sehen, die ebenso gewalttätig waren, aber in der Gleichgültigkeit dieser Zeit namenlos
geblieben sind.
Mein Leben hat keinen höheren Preis als ein anderes; es hat aber auch keinen geringeren.
Auf keinen Fall hat es aber die Unschuld der Kindheit bewahrt. Ich habe genügend lange
gelebt, um zu wissen, daß auch ich Komplize des Bösen geworden bin, das – leider – in der
Welt die Oberhand zu behalten scheint, Komplize gar dessen, der mich dereinst blind
erschlagen wird.
Ich möchte, wenn dieser Augenblick kommt, so viel ruhige Klarheit haben, daß ich die
Verzeihung Gottes und meiner Menschengeschwister anrufen kann, aber ebenso, daß ich dem
aus ganzem Herzen vergeben kann, der mich umbringen wird.
Ich kann einen solchen Tod nicht wünschen. Es scheint mir wichtig, das zu bekennen. – Ich
sehe nicht, wie ich mich freuen könnte, daß dieses Volk, das ich liebe, ohne Unterschied wegen
meiner Ermordung angeklagt wird.
Das, was man „die Gnade des Martyriums" nennen mag, ist zu teuer bezahlt, wenn man sie
einem Algerier schuldet, wer dieser auch immer sei. Vor allem dann, wenn er sagt, er handle
aus Treue zu dem, was er für den Islam hält.
Ich weiß wohl, wie sehr man die Algerier in ihrer Gesamtheit mit Verachtung belegt hat. Ich
kenne auch die Karikaturen des Islam, die ein gewisser islamischer Fundamentalismus
hervorgerufen hat. Es ist zu leicht, sich ein ruhiges Gewissen zu machen, indem man den
religiösen Weg des Islam mit dem fundamentalistischen Integrismus und seinen Extremisten
gleichsetzt.
Algerien und der Islam: für mich ist das etwas anderes, für mich ist das wie Leib und Seele!
Ich habe es genügend beteuert: Im Hinblick auf alles, was ich erhalten habe, glaube ich hier
so oft den klaren Leitgedanken des Evangeliums wiederzufinden, das ich damals auf den
Knien meiner Mutter, die meine allererste Kirche war, gelernt habe, genau hier in Algerien,
und damals schon im großen Respekt vor den muslimischen Gläubigen.
Mein Tod scheint denen recht zu geben, die mich immer schnell als naiv oder zu idealistisch
angesehen haben. „Er mag uns jetzt sagen, was er darüber denkt!" Aber jene, die so dachten,
müssen wissen, daß nun endlich meine stechendste Neugier zufriedengestellt sein wird:
Nun werde ich, wenn es Gott gefällt, meinen Blick mit dem Gottes, des Vaters, vereinen
dürfen, um so mit Ihm seine Kinder aus dem Islam zu betrachten, und zwar so, wie Er sie
sieht, ganz erleuchtet von der Herrlichkeit Christi, auch sie Früchte seines Leidens, angetan
mit den Gaben des Geistes, dessen tiefverborgene Freude immer die sein wird, die
Gemeinschaft zu begründen und die Ähnlichkeit wiederherzustellen, indem er mit all den
Unterschieden unter den Menschen spielt.
Dieses verlorene Leben, das so ganz meines ist, es wird ebenso ganz das ihre sein. Ich danke
Gott, von dem mir scheint, er wollte dieses Leben ganz für diese Freude, gegen alles und trotz
allem.
In diesen Dank, mit dem nun alles über mein Leben gesagt ist, schließe ich sicherlich Euch
ein, Freunde von gestern und von heute, Ihr lieben Freunde von hier, zur Seite meiner Mutter
und meines Vaters, meiner Schwestern und Brüder, hundertfach hinzugeschenkt, wie es
versprochen war.
Und auch Du bist eingeschlossen, Freund meines letzten Augenblicks, der Du nicht weißt, was
Du tust! Ja, auch für Dich will ich diesen dank und dieses A-Dieu, das Du beabsichtigt hast.
Daß es uns geschenkt sei, uns als glückliche Schächer im Paradies wiederzusehen, wenn es
Gott, dem Vater von uns beiden, gefällt. Amen. Inch‘Allah
Algiers, 1. Dezember 1993
Tibihirine, 1. Januar 1994
+Christian