Kunst kann irritieren. Sie kann trösten. Sie kann einen Raum öffnen, in dem Menschen plötzlich mehr sehen als das, was vor Augen liegt. Genau darum geht es P. Gustav Schörghofer, Jesuit, Künstlerseelsorger und Rektor der Wiener Jesuitenkirche. Im Podcast „Orden on air“ spricht er über sein Leben zwischen Kirche, Kunst und Gegenwart.
Schörghofer sieht Künstlerinnen und Künstler als „Seismographen der Gesellschaft“. Sie nehmen oft früher wahr, was sich verändert. Sie spüren Brüche, Sehnsüchte und Ängste, lange bevor sie allgemein sichtbar werden. Gerade deshalb brauche die Kirche einen wachen Blick auf zeitgenössische Kunst. Für Schörghofer darf Kunst aber nie bloß Mittel zum Zweck sein. Wird sie nur verwendet, um Glaubensinhalte zu illustrieren, verliert sie ihre eigene Kraft. Kunst muss frei bleiben. Sie darf Fragen stellen. Sie darf auch provozieren. Entscheidend ist für ihn die Qualität: Eine starke Arbeit könne herausfordern, ohne zu verletzen. Eine schwache Arbeit könne Schaden anrichten, ohne wirklich zu berühren. Besonders sensibel ist der Kirchenraum. Er ist kein neutraler Ausstellungsort. Menschen kommen dorthin mit Gebet, Schmerz, Hoffnung oder Suche. Darum brauche es Achtsamkeit, wenn zeitgenössische Kunst in sakralen Räumen gezeigt wird. Nicht alles passt überall. Doch gerade die Begegnung von barocker Kirche und moderner Kunst kann neue Zugänge eröffnen.
Die Entfremdung zwischen Kirche und moderner Kunst beschreibt Schörghofer als historische Wunde. Lange waren Kirche und Kunst eng verbunden. Im 19. Jahrhundert riss dieser Faden vielerorts ab. Künstler wie Van Gogh oder Cézanne wurden kirchlich kaum wahrgenommen, obwohl ihre Werke spirituelle Tiefe besitzen.
Heute gehe es nicht darum, nur ausdrücklich religiöse Motive zu suchen. Auch Stille, Leere, Aufmerksamkeit für Randgruppen oder der Blick auf das Alltägliche können geistliche Dimensionen haben. Spiritualität verschwindet nicht einfach, wenn Menschen der Kirche fernstehen. Sie sucht neue Formen, neue Bilder und neue Räume.
Die Zukunft von Kirche und Kunst liegt für Schörghofer daher nicht in Vereinnahmung, sondern im offenen Dialog. Kirche muss Kunst nicht zähmen. Kunst muss Kirche nicht bestätigen. Beide können einander aber helfen, genauer hinzusehen: auf den Menschen, auf die Welt und auf jene Tiefe, die sich oft erst im zweiten Blick zeigt.