Der Anlass ist ein Satz, der auf den ersten Blick streng katholisch klingt, theologisch aber hoch umstritten ist: Christus habe den Alten Bund „endgültig außer Kraft gesetzt“ und „den Alten aufgehoben“. Mallmann nennt das auf „communio.de“ unmissverständlich: „Antijudaismus pur.“ Damit geht es nicht um eine Nebensache. Es geht um den Kern des christlichen Glaubens: Wie steht die Kirche zum Judentum? Ist Gottes Bund mit Israel durch Christus erledigt? Oder bleibt dieser Bund bestehen, auch wenn Christen in Jesus Christus den Neuen Bund erkennen?
Genau an dieser Stelle liegt der Konflikt.
Die Piusbruderschaft formuliert in ihrer Erklärung so, als sei der Alte Bund durch Christus aufgehoben worden. Für viele traditionell denkende Katholiken mag das zunächst vertraut klingen. Schließlich sprechen Christen vom Neuen Bund in Jesus Christus, von der Erfüllung der Verheißungen und vom Opfer Christi. Doch Mallmanns Einwand lautet: Erfüllung bedeutet nicht Abschaffung. Der christliche Glaube fällt nicht vom Himmel. Er wächst aus Israel. Jesus war Jude. Maria war Jüdin. Die Apostel waren Juden. Die Heilige Schrift der ersten Christen war das, was Christen heute Altes Testament nennen. Wer also sagt, der Alte Bund sei einfach außer Kraft gesetzt, trennt Christus von seiner eigenen Geschichte.
Das ist für Mallmann nicht nur ein Fehler im Ton. Es ist ein Fehler im Fundament.
Antijudaismus bedeutet nicht automatisch moderner Rassismus oder politischer Antisemitismus. Gemeint ist eine religiöse Abwertung des Judentums: Die Vorstellung, Israel sei von Gott verworfen, der Bund mit den Juden sei beendet, das Judentum habe nach Christus keine bleibende Bedeutung mehr. Genau diese Gefahr sieht Mallmann in der Erklärung der Piusbruderschaft. Seine Botschaft ist klar: Christen dürfen den Neuen Bund nicht so verstehen, als hätte Gott den Alten Bund einfach gekündigt. Denn dann würde Gott seiner eigenen Treue widersprechen. Und ein Christentum, das Gottes Treue zu Israel bestreitet, schwächt am Ende auch den Glauben an Gottes Treue zur Kirche. Das ist der entscheidende Punkt – auch für Sympathisanten der Piusbruderschaft. Es geht nicht darum, katholische Tradition gegen moderne Anpassung auszuspielen. Es geht darum, ob eine Formulierung wirklich katholisch ist, wenn sie den bleibenden Bund Gottes mit Israel faktisch verneint.
Mallmanns Argument ist einfach, aber stark: Ohne den Alten Bund kann man Jesus Christus nicht verstehen.Christen nennen Jesus den Messias. Aber „Messias“ ist ein Begriff aus dem Glauben Israels. Christen sprechen von Erlösung, Opfer, Bund, Verheißung, Gesetz, Prophetie, Tempel, Pascha. All diese Begriffe stammen aus der Welt Israels. Wer diese Wurzeln abschneidet, behält christliche Worte, verliert aber ihren Sinn.Deshalb ist der Satz, Christus habe den Alten Bund „aufgehoben“, so explosiv. Er kann so verstanden werden, als sei das Judentum heilsgeschichtlich überflüssig geworden. Genau dagegen richtet sich Mallmanns Kritik.Katholisch gesprochen müsste man differenzierter sagen: In Christus sehen Christen die Erfüllung der Verheißungen. Aber Gottes Bund mit Israel ist deshalb nicht wertlos, ungültig oder erledigt.
Mallmann sieht in der Erklärung der Piusbruderschaft eine Nähe zum Markionismus. Das ist ein harter theologischer Vorwurf. Markion war ein frühchristlicher Irrlehrer des 2. Jahrhunderts. Er wollte das Christentum vom Alten Testament und vom Gott Israels trennen. Die Kirche hat diese Lehre klar verworfen. Warum? Weil ein Christentum ohne Altes Testament kein apostolischer Glaube mehr ist. Wer Christus gegen Israel stellt, landet nicht bei einer reineren Tradition, sondern bei einer alten Häresie. Gerade deshalb ist Mallmanns Kritik für katholische Traditionalisten so unangenehm. Sie trifft nicht den Rand, sondern das Selbstverständnis: Wer wirklich katholisch sein will, kann das Alte Testament nicht abwerten und den Bund Gottes mit Israel nicht einfach für beendet erklären.
Der Streit steht vor einem größeren Hintergrund. Die Piusbruderschaft ist nicht in voller Gemeinschaft mit Rom. Sie lehnt zentrale Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils ab, besonders in den Bereichen Religionsfreiheit, Ökumene, interreligiöser Dialog und Verhältnis zum Judentum.
Zugleich plant die Bruderschaft für den 1. Juli Bischofsweihen ohne päpstliches Mandat. Der Vatikan hat bereits deutlich gemacht, dass solche unerlaubten Weihen als schismatischer Akt gelten können. Die Folge wäre nach Kirchenrecht die Exkommunikation. Die Glaubenserklärung Pagliaranis ist daher mehr als ein theologischer Text. Sie ist ein Bekenntnis gegen Rom – und gegen zentrale Entwicklungen der Kirche seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Besonders brisant: In dieser Erklärung geht es nicht nur um die alte Messe. Es geht auch um das Verhältnis zum Judentum. Damit wird sichtbar, dass der Konflikt zwischen Rom und der Piusbruderschaft tiefer reicht als liturgische Fragen.
Viele Katholiken, die mit der Piusbruderschaft sympathisieren, tun das nicht aus Feindschaft gegen Juden. Oft geht es ihnen um Liturgie, Ehrfurcht, klare Lehre, sakrale Musik, Beichte, Katechese und eine Kirche, die nicht beliebig wirkt. Gerade deshalb sollten sie Mallmanns Kritik ernst nehmen.
Denn die Frage lautet nicht: Tradition oder Moderne? Die Frage lautet: Ist eine Aussage über den Alten Bund wirklich katholisch, wenn sie so klingt, als habe Gott Israel verlassen?
Die katholische Antwort kann nicht sein, dass Gott sein erstes Bundesvolk einfach fallen lässt. Denn derselbe Gott, der Israel erwählt, ist der Gott, den Christen in Jesus Christus bekennen. Gottes Treue ist nicht teilbar.
Wer also die Treue Gottes zu Israel relativiert, gefährdet auch das christliche Vertrauen in Gottes Treue überhaupt.
Was die Kirche seit dem Konzil sagt Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil hat die katholische Kirche ihr Verhältnis zum Judentum neu und verbindlich geklärt. Juden dürfen nicht kollektiv für den Tod Jesu verantwortlich gemacht werden. Das Judentum ist nicht einfach eine überwundene Religion. Der Bund Gottes mit Israel bleibt ein theologischer Bezugspunkt des christlichen Glaubens.
Das ist keine modische Anpassung. Es ist eine Rückbesinnung auf eine Wahrheit, die im Neuen Testament selbst angelegt ist: Christen sind nicht an die Stelle Israels getreten, als hätte Gott sein Volk verworfen. Die Kirche hat gelernt, genauer zu sprechen. Und genau daran misst Mallmann nun die Piusbruderschaft. Der eigentliche Prüfstein: Christus nicht gegen Israel stellen Die entscheidende Frage lautet: Wird Christus als Erfüllung Israels bekannt – oder als Ende Israels? Das ist nicht dasselbe. Christen glauben, dass in Jesus Christus der Neue Bund gestiftet ist. Aber dieser Glaube darf nicht so formuliert werden, als sei der Alte Bund nur noch eine tote Hülle. Denn dann wird aus christlicher Verkündigung eine Abwertung des Judentums. Mallmanns Vorwurf ist deshalb prägnant: Ein Christentum, das Israel theologisch entwertet, verrät seine eigenen Wurzeln.
Der aktuelle Konflikt zeigt: Bei der Piusbruderschaft geht es nicht nur um Liturgie, Tradition und Autorität. Es geht auch um das Verhältnis der Kirche zum Judentum – und damit um eine Grundfrage des christlichen Glaubens. Bernard Mallmanns Kritik ist scharf, aber trifft ins Schwarze: Wer sagt, Christus habe den Alten Bund einfach aufgehoben, riskiert eine antijudaistische Deutung des Christentums. Und wer das Alte Testament und Israel theologisch abwertet, beschädigt nicht nur den jüdisch-christlichen Dialog, sondern auch das eigene katholische Fundament. Für Christen, auch für traditionsverbundene Katholiken, bleibt daher entscheidend: Jesus Christus ist nicht gegen Israel zu verstehen. Er ist aus Israel hervorgegangen. Ohne den Alten Bund gibt es keinen Neuen Bund. Ohne Israel gibt es kein Christentum.