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19.05.2026

Schönborn an die Politik: Entdramatisieren, Humor bewahren, nicht zurückschlagen

Wiener Kardinal Hauptredner beim Internationalen Parlamentarischen Gebetsfrühstück - Über 50 Abgeordnete aller politischen Parteien und zahlreiche Kirchenvertreter unter den über 300 Teilnehmenden im Hohen Haus

Kardinal Christoph Schönborn hat im Wiener Parlament eine Botschaft formuliert, die weit über kirchliche Kreise hinaus verständlich ist: Politik braucht weniger Empörung, mehr Humor und die Bereitschaft, Konflikte nicht immer weiter anzuheizen. Beim 9. Internationalen Parlamentarischen Gebetsfrühstück sprach der frühere Wiener Erzbischof vor mehr als 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, darunter über 50 Abgeordnete aller Parlamentsparteien.

 

Schönborns zentrale Empfehlung an die Politik lautete: „Entdramatisieren, Humor bewahren und die Schläge, die man bekommt, nicht erwidern.“ Das klingt einfach, ist aber gerade in einer aufgeheizten politischen Zeit anspruchsvoll. Denn Entdramatisieren bedeutet für Schönborn nicht, Krisen kleinzureden. Kriege, humanitäre Katastrophen und gesellschaftliche Spannungen seien reale Dramen. Gerade deshalb brauche es den klaren Blick, Unterscheidungskraft und eine langfristige Perspektive.

 

Für Menschen ohne religiöse Vorkenntnisse lässt sich Schönborns Gedanke so übersetzen: Nicht jede Krise wird kleiner, wenn man lauter wird. Nicht jede politische Attacke muss mit einer Gegenattacke beantwortet werden. Und nicht jede Auseinandersetzung gewinnt an Wahrheit, nur weil sie dramatischer inszeniert wird. Besonders stark war Schönborns Plädoyer für Humor. Im Parlament müsse man auch gemeinsam lachen können, sagte der Kardinal. Humor sei ein Korrektiv gegen Selbstüberschätzung. Er helfe, sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen. Entscheidend sei aber, dass Humor nicht auf Kosten anderer gehe und die Würde des Menschen wahre.

 

Der schwierigste Punkt bleibt für den Kardinal das Nicht-Zurückschlagen. Wer in der Politik angegriffen wird, will oft sofort antworten. Doch genau darin sieht der Kardinal eine Gefahr: Gegenschläge verlängern Konflikte. Österreich habe eine bessere Tradition, nämlich sich an einen Tisch zu setzen und auszureden, was strittig ist. Kurz gesagt: Man muss im Gespräch bleiben.

Am Ende seines Impulses erinnerte Schönborn an die „Geste der Verantwortung“ im Parlament im Jahr 2016, bei der Missbrauchsbetroffene öffentlich gehört wurden. Damals bat Schönborn als Vertreter der Kirche um Vergebung. Zugleich betonte er, dass die Würde eines Menschen durch Missbrauch zwar verletzt, aber nie genommen werden könne.

Diese Linie zog er nun auch vor den politisch Verantwortlichen weiter: Wer Verantwortung trägt, müsse sich immer an der Würde des Menschen orientieren. Für Schönborn gehört dazu auch der Satz Jesu: „Die Wahrheit wird euch frei machen.“ Im politischen Alltag heißt das: hinschauen, aussprechen, zuhören – und auch dort im Gespräch bleiben, wo es schwierig wird.