Dienstag 19. Mai 2026

Schnellsuche auf der Website

© Erzdiözese Salzburg
19.05.2026

Vatikan und Piusbruderschaft: Tück drängt auf Klärung

Widersprüchliche Positionen in ganz zentralen Fragen innerhalb der katholischen Kirche seien auf Dauer gefährlich, meint der Wiener Dogmatiker.  

Der Wiener Theologe Jan-Heiner Tück hält eine baldige Klärung im Konflikt zwischen dem Vatikan und der traditionalistischen Piusbruderschaft für notwendig. Zwar sei ein Schisma, also ein offener Bruch innerhalb der Kirche, „immer für beide Seiten unglücklich“. Auf Dauer könne es aber nicht hingenommen werden, dass in zentralen Fragen des katholischen Selbstverständnisses völlig gegensätzliche Positionen nebeneinanderstehen.

Anlass ist der neuerlich drohende Konflikt zwischen Rom und der Piusbruderschaft. Diese hat für 1. Juli Bischofsweihen angekündigt, obwohl die dafür nötige Zustimmung des Papstes fehlt. Nach katholischem Kirchenrecht ziehen unerlaubte Bischofsweihen die Exkommunikation nach sich. Gemeint ist damit nicht einfach eine „Strafe von außen“, sondern der kirchenrechtliche Ausdruck dafür, dass sich jemand durch einen solchen Schritt außerhalb der kirchlichen Gemeinschaft stellt.

Im Hintergrund steht ein Grundkonflikt, der seit Jahrzehnten ungelöst ist: Die Piusbruderschaft lehnt wesentliche Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils ab. Dieses Konzil hat die katholische Kirche in den 1960er-Jahren neu aufgestellt — etwa im Blick auf den Dialog mit anderen christlichen Kirchen, das Verhältnis zum Judentum, die Religions- und Gewissensfreiheit sowie die Anerkennung des demokratischen Rechtsstaates.

Für Tück sind diese Entscheidungen nicht verhandelbar. Auch für Papst Leo XIV. sei das Konzil mit seiner Öffnung und seinem erneuerten Kirchenverständnis ein bleibender Maßstab. Deshalb hält Tück wenig davon, gegenüber der Piusbruderschaft weiter auf Entgegenkommen zu setzen und sie „unter dem Deckmantel der Barmherzigkeit“ gewähren zu lassen. Nötig sei vielmehr eine klare Entscheidung in einer seit Langem ungeklärten Situation.

Tück geht davon aus, dass die Piusbruderschaft die angekündigten Bischofsweihen tatsächlich vornehmen könnte. Ein solcher Schritt wäre nach seiner Einschätzung ein schismatischer Akt, also ein Akt der Abspaltung von der kirchlichen Einheit. Zugleich betont er, dass ein solcher Bruch nicht zwingend endgültig sein müsse. Er könne später auch wieder geheilt werden, sofern es zu einer tragfähigen Einigung komme.

Kritisch sieht der Theologe auch politische Tendenzen im Umfeld der Bruderschaft. Er spricht von einer „osmotischen Durchlässigkeit nach rechts“. Schon der Gründer der Piusbruderschaft, der französische Erzbischof Marcel Lefebvre, habe den liberalen demokratischen Staat deutlich abgelehnt. Für Lefebvre war der Laizismus, also die Trennung von Staat und Kirche, ein Einfallstor für Relativismus. Das Zweite Vatikanische Konzil hingegen bekannte sich ausdrücklich zu Glaubens- und Gewissensfreiheit.

Tück warnt allerdings davor, in eine Polarisierungsfalle zu geraten. Die Anhänger der Piusbruderschaft seien nicht pauschal politisch einzuordnen. Viele von ihnen seien zunächst Mitchristen, die ihren Glauben sehr ernst nähmen und ein ausgeprägtes Gespür für Liturgie, Heiligkeit und religiöse Verbindlichkeit hätten. Ihre Kritik richte sich oft gegen ein Christentum, das sie als lau, angepasst oder unverbindlich empfinden.

Die Piusbruderschaft hält bis heute an älteren Formen des Gottesdienstes fest und lehnt zentrale Entwicklungen seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil ab. Weltweit gehören ihr mehr als 700 Priester an, vor allem in Nordamerika und Frankreich.

Bereits 1988 war es zu einem schweren Konflikt gekommen. Damals weihte Lefebvre ohne Erlaubnis des Papstes vier Bischöfe. Der Vatikan reagierte mit Exkommunikationen. Papst Benedikt XVI. hob diese Strafen 2009 zwar auf; zu einer inhaltlichen Einigung zwischen Rom und der Piusbruderschaft kam es jedoch nicht.