Mittwoch 20. Mai 2026

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W.B.Hanzmann
20.05.2026

Religion und Kultur: „Die Form variiert, der Kern bleibt“

Im Stift Klosterneuburg diskutierten Sr. Brigitta Raith MC, P. Antony Arockiam MSFS und der syrisch-orthodoxe Theologe Aho Shemunkasho über Glaube, Identität und kulturelle Prägungen.

Wie sehr prägen Religionen Kulturen – und wie stark formen Kulturen wiederum den Glauben? Dieser Frage widmete sich ein Podiumsgespräch im Stift Klosterneuburg unter dem Titel „Prägen Religionen Kulturen? Die Macht sozialer und religiöser Hierarchien“. Moderiert wurde der Abend von der Journalistin Monika Slouk.

 

Drei Gäste brachten dabei sehr unterschiedliche biografische und theologische Perspektiven ein: Sr. Brigitta Raith MC, Missionarin Christi mit mehr als 30 Jahren Erfahrung in der Demokratischen Republik Kongo, P. Antony Arockiam MSFS, Ordenspriester aus Indien und Dogmatik-Professor am Pontifical Institute in Bangalore, sowie Aho Shemunkasho, syrisch-orthodoxer Theologe mit Wurzeln im Tur Abdin, einer historischen Kernregion des syrischen Christentums.

P. Antony Arockiam beschrieb eindrucksvoll, wie Identität je nach gesellschaftlichem Kontext anders wahrgenommen wird: In Indien werde er vor allem als Christ gesehen, in Österreich hingegen als Inder. „Manchmal fühlt es sich so an, als ob ich zwei Schuhe mit zwei unterschiedlichen Größen anhabe“, sagte er. Aho Shemunkasho erzählte von seiner ersten Begegnung mit einer Liturgie in Deutschland: Sprache, Musik und Form seien ihm zunächst fremd gewesen. Erst bei der Konsekration habe er erkannt: „Aha, es ist also doch dasselbe.“ Für ihn zeigt sich darin ein zentraler Gedanke des Christentums: Die äußeren Formen verändern sich je nach Kultur, Sprache, Architektur oder Geschichte – der Kern aber bleibt.

 

Sr. Brigitta Raith machte diesen Gedanken am Beispiel ihrer jahrzehntelangen Tätigkeit im Kongo anschaulich. Sie sprach von Inkulturation, also davon, dass Glaube so gelebt und gefeiert wird, wie es den kulturellen Gegebenheiten entspricht. Zugleich habe sie selbst Akkulturation erfahren: Sie sei in die kongolesische Kultur hineingenommen worden und habe gelernt, den Glauben dort auf neue Weise zu leben und zu feiern. In Österreich vermisse sie heute besonders die Lebendigkeit, das Singen und die Freude in der Liturgie.

Auch das Thema Mission wurde im Gespräch neu eingeordnet. Alle drei Podiumsgäste machten deutlich, dass Mission heute nicht mehr zuerst als Bekehrung verstanden werden könne, sondern als glaubwürdige Präsenz, Zeugnis und Dienst am Menschen. Sr. Brigitta formulierte es so: Missionarisch sein bedeute, dort, wo man lebt, mitten in der Welt dem Glauben zugewandt zu bleiben. Ein weiterer Schwerpunkt war die Frage, ob christliche Minderheiten widerstandsfähiger gegenüber Säkularisierung sind. P. Antony Arockiam verwies auf Indien, wo Christen als Minderheit durch Schulen, Krankenhäuser und soziale Einrichtungen Glaubwürdigkeit schaffen. Sr. Brigitta betonte: „Entschiedenes Christentum ist stärker als Oberflächenchristentum.“ Auch Aho Shemunkasho beobachtet, dass junge Christinnen und Christen mit Wurzeln im Tur Abdin oft religiöser leben als viele Gleichaltrige in Österreich.

 

Am Ende wurde deutlich: Religion und Kultur stehen nicht nebeneinander, sondern sind ständig miteinander verwoben. Christlicher Glaube kann sich in unterschiedlichen kulturellen Formen ausdrücken, ohne seine Mitte zu verlieren. Oder, wie es der Abend zeigte: Die Gestalt des Glaubens ist vielfältig – seine Seele bleibt dieselbe.