Dies ist meine mutige, aber überzeugte Schlussfolgerung, zu der ich nach über 200 km Fußmarsch durch die italienische Toskana gekommen bin. Wie ich zu dieser Überzeugung gelange und was Pu der Bär damit zu tun, dazu komme ich noch…
Seit einigen Jahren, bestreite ich einmal im Jahr mit meinem etablierten Drei-Generationen-Team gemeinsam mit meiner Mama und meiner Cousine eine Pilgerreise. Heuer absolvieren wir einen gut 200 km weiten Fußmarsch von Sarzana, an der ligurisch-toskanischen Grenze nach Siena, auf der Via Francigena, die im Ganzen von Canterburry nach Rom verläuft.
Wir müssen jeden Tag rund 20 km zurücklegen – und das mit einem ca. zehn Kilo schweren Rucksack am Buckel, eine Herausforderung für Körper und Geist! Ich nenne es einfach „Überleben“: eine besondere Art der Reduktion auf die gleichen drei Fragen jeden Tag: Wie verläuft der Weg von A nach B? Wo schlafen wir? Wo essen wir?
Und genau dieser schlichte Tagesablauf – Wandern-Essen-Schlafen – macht uns sensibler für die Welt um uns herum. Man könnte auch sagen: Wir schauen wieder genauer hin! Und ich spreche nicht nur von der atemberaubenden toskanischen Landschaft oder den beeindruckenden mittelalterlichen Städten - mein Highlight sind die Menschen, denen wir begegnen. Und auf einer so langen Wanderung trifft man einige. Da sind zum einen die Einheimischen: Mit „Buon Camino!“ feuern sie uns immer wieder im Vorbeigehen an, hin- und wieder rufen es uns die Leute sogar aus den vorbeifahrenden Autos zu. Die Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft der Italiener, ist einfach unschlagbar, egal, ob einfache Auskünfte oder eine Mitfahrgelegenheit, wir werden nie im Stich gelassen.
Und dann gibt’s noch die anderen Pilger, die man auf dem Weg trifft. Sie kommen aus aller Welt und mit den unterschiedlichsten Gründen, diesen Weg zu gehen. Einigen begegnen wir immer wieder und es entwickelt sich eine spürbare Verbundenheit.
Besonders eindrücklich geblieben ist eine Nacht in einer schlichten Pilgerunterkunft: Wir sind die letzten drei Pilgerinnen, die noch einen Schlafplatz bekommen. Dieses „Full House“ teilen wir mit drei anderen Pilgern aus Frankreich, Belgien und Deutschland sowie einer Schülergruppe aus Mailand samt ihren Lehrern. Beim gemeinsamen Abendessen sitzen die Erwachsenen an einem und die Schüler an einem anderen Tisch. Naturgemäß springen die Jugendlichen nach dem Essen schnell auf und die meisten laufen hinaus, um noch den Abend draußen zu genießen. Doch drei Teenies bevorzugen es sich an unseren Tisch zu setzen – sie wollen gerne Englisch mit uns üben. Aus den anfänglich schüchternen Fragen unserer Herkunft, entspinnt sich mehr und mehr eine sprachlich-holprige, aber angeregte Unterhaltung mit Händen und Füßen. Mit der Zeit fällt mir auf, dass sich auch andere Schüler zu uns gesetzt haben und interessiert zuhörten. In diesem Moment sitzen vier Generationen im Alter von 17 - 75 Jahren aus sechs verschiedenen Ländern am Tisch vereint. Weder die Altersgrenze noch die Sprachbarriere stellen Hindernisse dar und es ist vor allem eines: Lustig! Lebenslustig!
Ein besonderes Highlight bleibt für mich persönlich, ein Mädchen der Gruppe. Sie betritt am späteren Abend den Gemeinschaftsraum und wird sofort von ihren Mitschülern ausgelacht. Der Grund: Sie trägt eine Pyjamahose, die voll mit kleinen Pu-Bären ist – völlig uncool! Zumindest für Teenager. Ich merke, dass die anderen sie hänseln, und möchte ihr gut zureden. Da ich aber kein Italienisch spreche, signalisiere ich einfach per Zeichensprache, dass sie die anderen ignorieren soll. Zum Schluss forme ich ein Herz mit meinen Händen, um ihr zu zeigen, dass mir die Hose gefällt. Mit einem fröhlichen Lächeln erwidert sie die Geste und läuft hinaus. Auf der nächsten Tagesetappe treffen wir die Schülergruppe immer wieder, bis wir sie knapp vor der Stadt Lucca aus den Augen verlieren. Als wir sie das letzte Mal sehen, sitzen sie grad am Wegrand und jausnen. Ich will schon vorbeilaufen, als ich hinter mir einen Schrei höre. Es war das Mädchen vom Vorabend, dass von Weitem ein Herz mit ihren Händen formt und mir zuruft: „Winnih, the Pooh“! Jetzt bin ich es, die lachen muss…
Im Nachhinein müssen uns eingestehen: Die Teenies haben uns überrascht. Wir haben eine Horde an lauten Smartphone-Opfern erwartet, stattdessen haben wir aufgeweckte und interessierte junge Menschen getroffen. Zuweilen verlässt man sich im Alltag zu sehr auf die digitalen Nachrichten und verliert den Blick für die wahren Verhältnisse, ja, manchmal verfällt man richtiggehend der Verzweiflung. Natürlich gibt es Krisen, Kriege und Despoten, aber ich glaube, da draußen gibt es mehr Menschen, die eine harmonische Gemeinschaft anstreben – egal, woher sie kommen oder wie alt sie sind. Das macht mich optimistisch. Es macht mich zu einer Pilgerin der Hoffnung! Wer mich jetzt als naive Träumerin abstempelt, soll ich einfach selbst einen zehn Kilo schweren Rucksack umschnallen, und losmarschieren. Eine Pilgerreise ist mehr als eine Wanderung. Wenn man offen dafür ist, ist stets eine Lektion fürs Leben inkludiert.
Claudia Schuler