Mittwoch 20. Mai 2026

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Von Edgar Beltrán / The Pillar - https://x.com/edgarjbb_/status/1920590815472108021, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=164968336
20.05.2026

Papst Leos erste Enzyklika: Unterzeichnet und noch immer geheim

Ungewöhnliches Verfahren und beachtliche Geheimhaltung für einen mit Spannung erwarteten Text, von Kathpress-Rom-Korrespondent Ludwig Ring-Eifel

"In diesem Monat Mai begehen wir das Jubiläum der Veröffentlichung der Enzyklika 'Rerum novarum'. Wie ihr wisst, habe ich entschieden, zu diesem Anlass eine neue Enzyklika zu schreiben, die morgen veröffentlicht wird." Mit diesen Worten überraschte vor 35 Jahren Papst Johannes Paul II. (1978-2005) die Pilger aus aller Welt bei der Generalaudienz im Vatikan. Danach erläuterte er ihnen Inhalt und historische Einordnung seiner Sozialenzyklika.

Es war das erste Mal, dass ein Papst persönlich eine noch nicht veröffentlichte Enzyklika vorstellte. Die eigentliche Präsentation des Werks mit dem Titel "Centesimus annus" folgte am Tag danach im überfüllten vatikanischen Pressesaal. Eine auf Zeitungspapier gedruckte Version erschien noch einen Tag später in der Vatikanzeitung "Osservatore Romano".

Enzyklika im Zeitalter der Algorithmen

Inzwischen sind die digitalen Verbreitungswege rasend schnell geworden. Doch die neue Enzyklika "Magnifica humanitas" von Papst Leo XIV., die erste Sozialenzyklika eines im Internetzeitalter sozialisierten Papstes, ist noch immer nicht zugänglich - weder gedruckt noch online. Und das fast eine Woche nach ihrer Unterzeichnung auf Papier am 15. Mai.

Dass es dem Papst und seiner engsten Umgebung gelungen ist, das seit langem erwartete Lehrschreiben über die Lage der Menschheit im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz so lange geheim zu halten, ist eine staunenswerte Leistung. Die öffentliche Vorstellung ist für Pfingstmontag anberaumt - genau zehn Tage nach der Unterzeichnung.

Keine Pressekonferenz geplant

Und sie soll nicht, wie bei Enzykliken seit Jahrzehnten üblich, im Rahmen einer internationalen Pressekonferenz erfolgen. Vielmehr soll sie in Anwesenheit des Papstes von drei Kurienkardinälen und einigen Fachleuten in der Synodenaula des Vatikans vorgestellt werden. Medienvertreter sind als Beobachter zugelassen, doch die meisten Zuhörer werden Vatikan-Mitarbeiter, beim Heiligen Stuhl akkreditierte Botschafter und Wissenschaftler sein.

Mit der erheblichen Verzögerung und dem ungewöhnlichen Rahmen der Präsentation sendet Leo XIV. gleich mehrere Botschaften. Zum einen kann er seine wiederholt betonte Grundüberzeugung untermauern, wonach letztlich der Mensch im Handeln entscheidet - und nicht die Netzwerke oder die Algorithmen. Zudem belegt die tagelange Geheimhaltung, dass er seinen Apparat gut im Griff hat und "Durchstechereien" unterbleiben.

Nicht irgendein Dokument

Und schließlich hebt er seine erste Enzyklika auf eine höhere Ebene: Es ist nicht irgendein Dokument, das da im Vatikan vorgestellt wird, sondern ein Lehrschreiben von universaler Bedeutung, dem ein feierlicher Rahmen gebührt. Eine Enzyklika ist immerhin eine der höchsten Formen schriftlicher Äußerung des päpstlichen Lehramts. Und so verwundert es nicht, dass der Papst laut Ablaufplan bei der Vorstellung nicht nur selbst reden, sondern auch einen Segen erteilen will.

Vorab Hintergrundgespräche

Das Fehlen einer Pressekonferenz hat unter den "Vaticanisti", die den Papst aus Mediensicht beobachten, zu einigem Unmut geführt. Zur Abfederung hat der Vatikan vorab einige Hintergrundgespräche organisiert, in denen Journalisten auf die neue Enzyklika eingestimmt werden - ohne jedoch die Texte vorab zugänglich zu machen.

Ob dieses Verfahren die Rezeption in den Medien beeinträchtigt, ist ungewiss. Denn entscheidend für die Verbreitung ist am Ende nicht die Präsentation, sondern der Inhalt.

Mutter aller Sozialenzykliken

Das belegt auch die Geschichte der Mutter aller Sozialenzykliken, die Papst Leo XIII. (1878-1903) vor genau 135 Jahren, am 15. Mai 1891, mit dem Titel "Rerum novarum" unterschrieb. Es war zwar schon seine 38. Enzyklika, 50 weitere sollten in seinem langen Pontifikat noch folgen. Publiziert wurde sie ohne viel Aufhebens mit vier Tagen Verspätung im "Osservatore Romano".

Doch kein anderes päpstlichen Lehrschreiben des ausgehenden 19. Jahrhunderts wurde später so oft zitiert wie "Rerum novarum". Inmitten der ersten Industriellen Revolution enthielt diese bahnbrechende Sozialenzyklika offenbar genau die richtige Botschaft.