Wer denkt heute (noch) an Syrien? Seit dem Sturz des Assad-Regimes ist das Land weitgehend aus den Schlagzeilen verschwunden. Von einer desaströsen Sicherheits- und Wirtschaftslage sowie einer sozialen und humanitären Katastrophe spricht der syrisch-katholische Erzbischof Jacques Mourad von Homs. Verantwortung dafür trügen nicht nur die seit Ende 2024 regierende syrische Führung, sondern ebenso die internationale Staatengemeinschaft. Doch wer Mourad begegnet, erlebt keinen resignierten Kirchenmann. Vielmehr beeindruckt ein Mensch, der nach Entführung, Gefangenschaft und jahrzehntelangem Krieg seine Hoffnung nicht verloren hat.
Am Rande eines Pressegesprächs am Dienstagnachmittag in Wien ergab sich ein kurzes Gespräch mit ihm. Dabei lenkte er den Blick auf das Kloster Mar Musa. Schnell wurde deutlich: Wer Jacques Mourad verstehen will, muss Mar Musa verstehen.
Das verlassene Kloster in der Wüste wurde in den 1980er-Jahren vom italienischen Jesuiten Paolo Dall’Oglio wiederbelebt. Damit knüpfte dieser an eine der ältesten monastischen Traditionen des Christentums an: das syrische Mönchtum, das während der osmanischen Herrschaft weitgehend verschwunden war. Zugleich gab er ihm eine neue Gestalt: Mar Musa wurde zu einem Ort des Gebets, des einfachen Lebens und des christlich-muslimischen Dialogs. Jacques Mourad war einer der ersten Mönche des neu gegründeten Klosters und damit ein enger Weggefährte von P. Dall’Oglio. In vielem erinnert dieser Ansatz an das Zeugnis der Trappisten von Tibhirine in Algerien. Dall’Oglio geriet wegen seiner klaren Haltung bereits mit dem Assad-Regime in Konflikt und wurde 2013 in Rakka vom IS verschleppt. Seitdem fehlt von ihm jede Spur.
Für Jacques Mourad ist Paolo Dall’Oglio bis heute gegenwärtig. Und das gelte für ganz Syrien. Die Menschen weigern sich bis heute, von seinem Tod zu sprechen. Solange es keinen Beweis gebe, bleibe die Hoffnung bestehen, ihn eines Tages wiederzusehen – auch mehr als ein Jahrzehnt nach seinem Verschwinden. Auf die Frage, ob die Vision von Mar Musa weiterlebe, antwortet Mourad ohne Zögern: „Ja, selbstverständlich.“
Diese Hoffnung blieb nicht auf Mar Musa beschränkt. Gemeinsam mit seiner Gemeinschaft baute Mourad auch das Kloster Mar Elian bei Homs wieder auf. Dort entstanden Landwirtschaftsprojekte, Arbeitsplätze und Initiativen zur Bewahrung archäologischer Stätten. Christen und Muslime arbeiteten Seite an Seite. Das Kloster wurde zu einem Ort der Begegnung und zu einem Zeichen dafür, dass Zusammenleben möglich ist. Bereits 2009 organisierte die Gemeinschaft regelmäßige Wochenenden des christlich-muslimischen Dialogs. Das Assad-Regime untersagte diese Treffen. Freie Begegnungen zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft waren politisch nicht erwünscht.
2015 wurde auch Mourad vom sogenannten Islamischen Staat entführt. Fünf Monate verbrachte er in Gefangenschaft. Die Terroristen drohten, ihn zu töten. Zeitweise musste er in einer Toilette leben, weil man ihn als „unrein“ bezeichnete.
Über seine Haft spricht er ohne Bitterkeit. Getragen habe ihn der Glaube, besonders das Rosenkranzgebet und seine tiefe Marienfrömmigkeit. Im fünften Monat gelang ihm mit Hilfe muslimischer Freunde die Flucht. Die Männer, die zahlreiche Geiseln retteten, wurden später vom IS ermordet. Für Mourad ist auch das ein Zeugnis dafür, dass Menschlichkeit stärker sein kann als Hass und religiöser Fanatismus.
Nach seiner Freilassung lebte er zunächst in Klöstern in Italien und im Irak, bis er schließlich nach Syrien zurückkehrte. Heute wird das vom IS zerstörte Kloster Mar Elian gemeinsam mit Muslimen wieder aufgebaut. Auch darin sieht Mourad ein Hoffnungszeichen.
An den Sturz Baschar al-Assads erinnert er sich noch genau. In jener Nacht habe er zum ersten Mal seit Jahren wieder ruhig schlafen können. Die Freude über die neue Freiheit sei jedoch nur von kurzer Dauer gewesen. Bereits wenige Wochen später erschütterten neue Gewaltausbrüche das Land. „An diesem Tag hat mein Kampf für die Freiheit erneut begonnen“, sagt er.
Heute leiden die Menschen vor allem unter Armut, Unsicherheit und einer weitgehend zerstörten Infrastruktur. Wohnraum ist kaum leistbar, medizinische Versorgung fehlt vielerorts, Arbeitsplätze sind rar. Viele Familien wissen nicht, wie sie den nächsten Tag überstehen sollen. Die Sicherheitslage bleibt prekär. Für Mourad ist klar: Solange die Menschen nicht in Würde leben können, wird es keinen dauerhaften Frieden geben.
Besonders besorgt blickt der Erzbischof auf die Zukunft der Christen in Syrien. Vor Beginn des Krieges lebten rund zwei Millionen Christen im Land, heute sind es nur noch etwa 350.000. Christen und andere Minderheiten fühlten sich zunehmend an den Rand gedrängt. Als Beispiel nennt Mourad die Zusammensetzung des neuen Parlaments mit nur wenigen christlichen Abgeordneten und wenigen Frauen. Das werfe Fragen nach der tatsächlichen Teilhabe aller Bevölkerungsgruppen auf. Zugleich sind für ihn die Christen konstitutiver Bestandteil der syrischen Identität. Er weiß, wie viel Skepsis es in Europa hinsichtlich der Frage gibt, inwieweit Christen und Muslime zusammenleben können, und er teilt diese Skepsis trotz allem nicht. Im Gegenteil: Die Geschichte seines Landes und seine Erfahrungen in Mar Musa haben ihn darin bestätigt, dass dies nicht nur möglich ist, sondern ein fruchtbarer Austausch zwischen den Religionen zum Wohl aller beiträgt.
Trotz dieser grundsätzlich hoffnungsvollen Haltung ist er bei der Frage, ob christliche Flüchtlinge nach Syrien zurückkehren sollen, zurückhaltend. Er könne ihnen dies derzeit nicht empfehlen. Niemand wisse, wie sich die Lage entwickeln werde. Gleichzeitig betont er, dass nicht nur die Christen litten. Die Lage von Aleviten und Drusen sei deutlich prekärer als die der Christen. Das gesamte syrische Volk sehne sich nach Frieden, Sicherheit und einem Leben in Würde.
Große Dankbarkeit empfindet Mourad gegenüber den Kirchen und Hilfswerken Europas. Ohne ihre Unterstützung hätten unzählige Menschen den Krieg nicht überlebt. Diese Hilfe habe Christen ebenso erreicht wie Muslime. Für die Zukunft brauche Syrien vor allem Investitionen in Bildung, Gesundheitsversorgung und Arbeitsplätze. Entscheidend sei, jungen Menschen eine Perspektive zu geben.
Gerade in ihnen sieht der Erzbischof die größten Hoffnungsträger. In Homs erlebten Christen und Muslime, die kulturelle und soziale Projekte aufbauten, jeden Tag neu, dass Versöhnung möglich sei. Sie seien bereit, Verantwortung für ihr Land zu übernehmen. „Sie können Syrien aufbauen“, sagt Mourad.
Am Ende führt der Weg gedanklich zurück nach Mar Musa. Dort begegnen sich auch heute wieder Christen und Muslime, beten, sprechen und suchen nach einem gemeinsamen Weg. Vielleicht liegt gerade darin die wichtigste Botschaft Jacques Mourads. Hoffnung entsteht nicht erst, wenn alle Konflikte gelöst sind. Sie beginnt dort, wo Menschen trotz allem den Mut haben, einander nicht aufzugeben. Mar Musa ist deshalb mehr als ein Kloster in der Wüste. Es ist ein Hoffnungszeichen für Syrien und so ist er sicher, weit über Syrien hinaus.
Georg Schimmerl