Freitag 7. August 2026

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Obdachloser im Schatten auf einer Straße.
iStock/Krystof Sasek / Obdachloser im Schatten auf einer Straße.
07.08.2026

Extreme Hitze: Wie Zivilgesellschaft Obdachlosenhilfe stärken kann

"Kein Tropfen auf dem heißen Stein": Caritas und VinziWerke verstärken die Hitzehilfe für obdachlose Menschen.

Hitze trifft nicht alle Menschen gleich: Für Menschen, die auf der Straße leben, können hohe Temperaturen schnell zu einer ernsthaften gesundheitlichen Gefahr werden. Angesichts anhaltender sommerlicher Extremtemperaturen reagieren Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe mit zusätzlicher Unterstützung und einem Appell an die Zivilgesellschaft. Neben politischen Maßnahmen sei die Hilfe aller gebraucht: Freiwilliges Engagement, Spenden, kleine Gesten wie Wassergaben und ein aufmerksamer und respektvoller Umgang seien "kein Tropfen auf den heißen Stein", sondern könnten Leben retten, betonten die Hilfsorganisationen Caritas Wien und VinziWerke im Kathpress-Interview.


"Viele obdachlose Menschen werden im öffentlichen Raum oft negativ oder gar nicht wahrgenommen", sagte Sabine Hanauer, Streetworkerin der Caritas und Sozialarbeiterin in der Wiener Gruft. Doch gerade bei Extremtemperaturen sei es wichtig, aufmerksam gegenüber Mitmenschen zu sein. "Wenn ich das Gefühl habe, es geht jemandem nicht gut und ich mich nicht guten Gewissens umdrehen und weitergehen kann, sollte ich die Person ansprechen. Die meisten obdachlosen Menschen freuen sich, dass ihnen jemand Interesse schenkt, zuhört oder vielleicht auch mal ein Wasser oder Insektenspray aus dem Geschäft mitnimmt", so Hanauer. Viele Obdachlose würden im Grünen schlafen, weil es dort kühler ist, doch dort würden ihnen Insekten und Gelsen zur Last.


Ähnlich wie beim Caritas-Kältetelefon können beim Gruft-Telefon im Sommer Standorte obdachloser Menschen gemeldet werden, die Unterstützung brauchen (01 587 87 54). Diese würden dann von Streetworkern - mit Wasser, Sonnenschutz, Kappen und leichten Schlafsäcken im Gepäck - aufgesucht werden, erzählte die Streetworkerin.


Auf Anzeichen achten und im Notfall Rettung verständigen

Reagieren sollten Menschen vor allem, wenn sie obdachlose Menschen in der prallen Sonne schlafen sehen. "Sie sind wahrscheinlich im Schatten eingeschlafen und der Schatten ist gewandert. Viele unserer Patientinnen und Patienten kommen mit schlimmen Verbrennungen zu uns", berichtete Sabine Badelt, ärztliche Leiterin des Caritas-Louisebus, der an fünf Tagen in der Woche an unterschiedlichen fixen Plätzen in Wien Station macht und kostenlos medizinisch betreut. Die Medizinerin rät, auf typische Anzeichen eines Hitzeschlags wie flache Atmung, gerötete Haut, Erbrechen, Verwirrtheit oder Sprachstörungen zu achten.


"Nicht wegschauen, sondern Hilfe anbieten und im Zweifel die Rettung verständigen", appelliert Amrita Böker, Co-Geschäftsführerin der VinziWerke Österreich, an die Bevölkerung. Menschen, die erschöpft, benommen oder desorientiert wirken, sollten angesprochen und gefragt werden, ob sie Unterstützung benötigen. Bestehe keine akute Gefahr, könne bereits ein Hinweis auf einen kühlen Aufenthaltsort helfen - etwa eine Klimaoase in Wien oder die Bahnhofsmission der Caritas in Graz. In den 24 Klimaoasen in Wien und Niederösterreich betreuen rund 500 Freiwillige gemeinsam mit Pfarren die kühlen Rückzugsorte. Auch die Caritas Steiermark bietet Klimaoasen und Wegweiser zu kühlen Orten.


Suchtproblematik

Viele Obdachlose seien gesundheitlich vorbelastet, und im Sommer verschlimmerten sich Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen sowie auch psychische Probleme. Auch Infektionskrankheiten und Wunden, die nicht heilen, würden zur Gefahr, erklärte Badelt. "Aufgrund der Hitze verbringen viele den Tag und manchmal auch die Nacht sitzend." Die Folge seien u. a. geschwollene Beine, wenn diese nicht ausgestreckt und hochgelagert werden könnten, sowie Beschwerden des Muskel- und Skelettsystems.


Verschlimmernd hinzu kämen Suchterkrankungen und unzureichende Wasseraufnahme. "Alkohol betäubt ihre Schmerzen, doch er entzieht dem Körper Wasser", so die Medizinerin. Die Suchtproblematik, vor allem die Alkoholsucht, sei einfach zu erklären: "Alkohol ist am leichtesten zu bekommen. Er wirkt schmerzstillend und ist für manche Menschen auch ein Mittel, um mal das 'Hirn auszuschalten'". Gleichzeitig gingen mit dem Konsum von Alkohol aber auch Gefühlsstörungen einher und Warnsignale des Körpers würden nicht erkannt.


Erhöhter Bedarf im Sommer

Der Winter ist für obdachlose Menschen nicht mehr allein die größte Gefahr. "Früher hat es geheißen, im Winter gibt es aufgrund von Erfrierungsgefahr den größten Bedarf an Angeboten der Obdachlosenhilfe, doch in Wahrheit zeigt sich, dass auch wegen der Hitze im Sommer viel mehr Bedarf besteht", berichtete Badelt. An einem Sommertag werden bis zu 40 Leute im Louisebus betreut, dessen Team aus 15 Ärztinnen und Ärzten sowie 19 Freiwilligen besteht, die abwechselnd Dienst leisten.


Bedauerlich sei, dass die in Wien im Rahmen des "Winterpakets" in der kalten Jahreszeit zusätzlich geschaffenen 1.000 Notquartiersplätze nur zu einem kleinen Teil im Sommer offengehalten werden. "Wir merken, dass sich die Leute im Winter ganz gut adaptieren, doch das Angebot endet mit 30. April und auch im Sommer bräuchte es mehr Notquartiersplätze, um ausreichend Hilfe für vulnerable Gruppen zu ermöglichen, die besonders unter der Hitze leiden." Insgesamt müsse die Gesellschaft wachsamer sein, um schon früh Warnzeichen zu erkennen: "Einfach Hinschauen, wenn es jemandem nicht gut geht, bevor er oder sie in die Obdachlosigkeit rutscht."


Der Sommer ist auch für die VinziWerke eine der auslastungsstärksten Zeiten, der Bedarf an Schlafplätzen sei entsprechend hoch, so Böker, Co-Geschäftsführerin der VinziWerke Österreich. Aufgrund der extremen Hitze haben die Einrichtungen der Obdachlosenhilfe den Betrieb ihrer Einrichtungen an die aktuelle Wetterlage angepasst und gezielt Maßnahmen gesetzt, um ihre Bewohnerinnen und Bewohner "sicher durch diese Tage zu bringen".


Verlängerte Öffnungszeiten

Wo möglich, können obdach- und wohnungslose Menschen ganztägig in den Einrichtungen bleiben. Im VinziNest in Graz wurden die Öffnungszeiten während der Hitzewelle vorgezogen, die Notschlafstelle öffnet nun bereits um 12 Uhr. Wie auch in der Gruft stehen Duschen, Sanitäranlagen und Waschmaschinen zur Verfügung und tragen bei den hohen Temperaturen zur Gesundheit und zum Wohlbefinden bei. In den Notschlafstellen und Dauerherbergen wird besonders auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr geachtet. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geben Empfehlungen an die Obdachlosen, raten zu heller, lockerer Kleidung, zum Meiden direkter Sonneneinstrahlung und zum Mitführen einer Wasserflasche.


Aufgrund des erhöhten Bedarfs bitten Caritas und VinziWerke um Spenden und suchen nach Freiwilligen. Informationen zu Einsatzmöglichkeiten gibt es etwa auf der Plattform füreinand.at und der Homepage vinzi.at. Darüber hinaus bittet die Caritas um Sachspenden wie Sonnencremes, Badetücher, Schirmkappen sowie neue Socken und Unterwäsche. Geldspenden sind über den wirhelfen.shop möglich - etwa mit 3,50 Euro für ein kaltes Getränk in einer Klimaoase oder mit 50 Euro für ein Hitzepaket mit Isomatte, Sommerschlafsack, Sonnencreme, Kühltüchern, Trinkwasser und Kopfbedeckung.

 

Info:

 

Quelle: kathpress