Der Wiener Erzbischof Josef Grünwidl hat in den vergangenen eineinhalb Wochen den Grundkurs für neue Bischöfe in Rom absolviert und als äußerst anregend, aber auch herausfordernd erlebt, wie er im Interview mit "Radio Vatikan" (Freitag) berichtete. "Der Bischof hat nur dann etwas zu sagen, wenn er vorher zuhört. Und er kann nur lehren, wenn er auch bereit ist zu lernen", zog der Erzbischof Bilanz. Gerade als neuer Bischof im Amt habe er sich deshalb auch von Anfang an vorgenommen, viel zuzuhören. "Ich habe noch vieles zu lernen. Wir sollen auf keinen Fall diejenigen sein, die in eine Diözese kommen oder diese Aufgabe übernehmen und den anderen sagen, wie es geht."
Das Interview auf Vatican News:
Im Bischofskurs waren dutzende Bischöfe aus unterschiedlichen Kulturen und Regionen. So habe er wahrgenommen, dass die Probleme und Herausforderungen ganz unterschiedlich seien. "Es ist eben ein Unterschied, ob ein Bischof in Kolumbien oder auf den Philippinen eingesetzt ist oder bei uns in Mitteleuropa." Vom Selbstverständnis der Bischöfe her habe er hingegen erlebt, "dass sie alle mit einem pastoralen Zugang und mit pastoraler Erfahrung kommen". Nachsatz: "Bis auf ganz wenige Ausnahmen, die da vielleicht auch einen etwas anderen Schwerpunkt setzen, ist mein Eindruck, der allergrößte Teil dieser neuen Bischöfe sieht sich wirklich auch als Seelsorger und als Hirte."
Es gelte für ihn als Bischof wie auch für alle anderen kirchlich Engagierten: "Wer immer in der Kirche tätig sein will, braucht die '4 M': Menschen muss man mögen." Sonst könne man in der Kirche nicht gut arbeiten, "weil es ständig auch um Beziehung, um Gespräche geht und um ein Miteinander, um ein gemeinsames auf dem Weg sein". Das sei für seinen Dienst als Erzbischof wichtig, und er versuche das bewusst zu tun.
Grünwidl: "Am Sonntag bin ich immer in dem Pfarren unterwegs und habe auch einen Nachmittag unter der Woche reserviert, wo ich hinausgehe, um entweder in einem Krankenhaus oder in einem Pflegeheim oder in irgendeiner anderen Einrichtung mit Menschen in Kontakt zu kommen, zu lernen und zuzuhören." Das sei entscheidend, um zu wissen, "was treibt die Menschen um, was sind ihre Freuden, ihre Sorgen, ihre Hoffnungen und dann auch darauf Antwort geben zu können".
Der Wiener Erzbischof gab im Interview auch noch weitere Einblicke in das Programm des römischen Einführungskurs für neue Bischöfe. Der Bischofskurs habe mit einer Erinnerung an die Gebete bei der Bischofsweihe begonnen, "also sehr vom spirituellen Gesichtspunkt her. Was heißt Bischof sein? Was ist mein Dienst?" Immer wieder sei es auch um sehr konkrete Blicke auf die Welt von heute gegangen, "auf unsere Gesellschaft mit den Herausforderungen, demografisch oder die Situation der Familie, die Herausforderungen mit den neuen sozialen Medien, mit künstlicher Intelligenz".
Persönlich sehr wichtig sei ihm auch die stete Erinnerung daran, dass die Erneuerung der Kirche bei der Liturgie beginnt: "Wie feiern wir Liturgie? Was geben wir den Menschen mit? Schätzen wir dieses Instrument der Liturgie, um Menschen im Glauben weiterzubringen und ihnen zu helfen?" Zugleich sei es aber auch um ganz konkrete Fragen gegangen, etwa um Prävention, Safeguarding oder Kirchenfinanzierungen. Auch kirchenrechtliche Fragen waren Themen bzw. die Aufgaben des Bischofs, die er dem Kirchenrecht nach zu erfüllen hat.
Auf das Spannungsfeld zwischen Seelsorge und Kirchenrecht angesprochen, zeigte sich Erzbischof Grünwidl überzeugt, "das Kirchenrecht hat eigentlich den Sinn, dass jeder getaufte Mensch in der Kirche auch zu seinem Recht kommt, dass niemandem Unrecht geschieht. Und da ist eben eine Gesetzesgerechtigkeit manchmal zu wenig." Es gehe immer darum, "dem konkreten Menschen, der mir gerade gegenübersteht, gerecht zu werden."
Quelle: kathpress