Wer den Stephansdom durch das Riesentor betritt, findet rechts unter einem spätgotischen Baldachin die Ikone von Maria Pócs. Vor ihrem Altar brennen Kerzen; Menschen halten zum Gebet inne. Das Bild gehört zum religiösen Leben Wiens, hat seine Heimat aber im Nordosten Ungarns. Seine Geschichte führt von einer kleinen griechisch-katholischen Dorfkirche an den Wiener Kaiserhof und schließlich nach St. Stephan.
Die auf Holz gemalte Ikone zeigt Maria mit dem Jesuskind auf ihrem linken Arm. Mit der rechten Hand weist sie auf ihren Sohn. Jesus erhebt die Rechte zum Segen und hält in der Linken eine rote Blume. Die Darstellung folgt dem byzantinischen Typus der Hodegetria, der Wegweiserin: Maria verweist auf Christus. Das Bild entstand um 1676 und wird dem Maler István Pap zugeschrieben. Seinen Platz hatte es zunächst in der griechisch-katholischen Holzkirche von Pócs, dem heutigen Máriapócs. Die dortige Gemeinde feierte ihre Gottesdienste in byzantinischer Tradition.
Am 4. November 1696 bemerkten Gläubige während des Gottesdienstes, dass aus den Augen der dargestellten Gottesmutter Tränen flossen. Nach den überlieferten Berichten wiederholte sich das Geschehen mit Unterbrechungen bis zum 8. Dezember. Es zog zahlreiche Menschen an und wurde sowohl von kirchlicher als auch von militärischer Seite untersucht. Zeugen wurden befragt und das Bild auf mögliche Täuschungen geprüft. Die Berichte machten die Ikone weit über den Ort hinaus bekannt. Kaiser Leopold I. ordnete die Übertragung nach Wien an. Dafür hatten sich auch Kaiserin Eleonore und der Kapuziner Marco d’Aviano eingesetzt. Die Bevölkerung von Pócs widersetzte sich der Wegnahme ihres Gnadenbildes, konnte sie jedoch nicht verhindern. Im Sommer 1697 erreichte die Ikone Wien. Nach einem Aufenthalt in der kaiserlichen Favorita wurde sie über mehrere Monate in verschiedenen Kirchen der Stadt zur Verehrung aufgestellt. In Pócs trat eine Kopie an die Stelle des Originals. Auch von ihr wurden 1715 und 1905 Tränenwunder berichtet. Das Original in Wien weinte der Überlieferung zufolge nicht mehr. Máriapócs entwickelte sich zu einem bedeutenden griechisch-katholischen Wallfahrtsort, den bis heute Pilger aus Ungarn und den Nachbarländern besuchen.
Am 1. Dezember 1697 wurde das Bild in einer feierlichen Prozession in den Stephansdom gebracht. Dort erhielt es einen herausgehobenen Platz: über dem Tabernakel des Hochaltars, im Zentrum des Domchores. Seinen heutigen Standort erhielt das Gnadenbild am 8. Dezember 1948, als das wiederhergestellte Langhaus nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs wieder eröffnet wurde. Unter dem Öchsel-Baldachin in der südwestlichen Ecke des Domes steht es seither über einem von Dombaumeister Karl Holey gestalteten Marmoraltar. Die gelegentlich genannte Jahreszahl 1945 bezeichnet somit nicht die endgültige Aufstellung am heutigen Platz.
Die Verehrung der Ikone war zunächst eng mit dem Kaiserhaus und den Kriegen gegen das Osmanische Reich verbunden. Der Sieg Prinz Eugens bei Zenta am 11. September 1697 wurde damals der Fürbitte der Gottesmutter von Pócs zugeschrieben. Predigten, Gebete und Lieder machten sie als Beschützerin Wiens und der habsburgischen Länder bekannt. Daneben entwickelte sich eine persönliche Frömmigkeit, die bis heute fortbesteht. Menschen brachten ihre Sorgen vor das Bild und stifteten aus Dank für erfahrene Hilfe Votivgaben. Die Verehrung prägte auch die Kirchenmusik: Am Gnadenbild wirkte eine eigene Musikkapelle, die zeitweise Johann Joseph Fux leitete.
Während des Zweiten Weltkriegs gelobte Kardinal Theodor Innitzer am 7. Oktober 1944 vor der Ikone die Errichtung einer dem Unbefleckten Herzen Mariens geweihten Kirche. Daraus entstand die heutige Pfarrkirche Schönbrunn-Vorpark. Nach dem Krieg wurde der Maria-Pócs-Altar zum Mittelpunkt der von Dompfarrer Karl Dorr initiierten Abendkirche. Auch Papst Johannes Paul II. betete bei seinen Dombesuchen vor dem Bild. Als Ungarische Madonna ist die Ikone in der Wiener Frömmigkeit verwurzelt. Zugleich erinnert sie an die griechisch-katholische Tradition ihrer Herkunft. Beides kommt beim Jubiläumsfest im November zusammen, zu dem auch Bischöfe und Gläubige aus Ungarn und den Nachbarländern erwartet werden.
Am Samstag, 7. November, beginnt die Feier um 19.30 Uhr mit einem Friedensgebet im Stephansdom. Im Mittelpunkt steht der Hymnus Akathistos. Anschließend ist eine Lichterprozession um den Dom vorgesehen. Der 1400 Jahre alte Hymnus Akathistos gehört zu den bekanntesten Marienhymnen der byzantinischen Tradition. Sein Name bedeutet wörtlich "Stehgesang": Er wird also traditionell im Stehen gebetet oder gesungen. Seine 24 Strophen folgen im griechischen Original den Buchstaben des Alphabets. Sie erzählen von der Verkündigung und der Kindheit Jesu und betrachten die Menschwerdung Gottes. Das Lob der Gottesmutter ist dabei durchgehend auf Christus bezogen. Für die Feier im Dom sind Abschnitte in mehreren Sprachen vorgesehen, darunter Ungarisch, Kirchenslawisch, Kroatisch und Rumänisch. Der Chor singt auf Deutsch. Erzbischof Josef Grünwidl und Kardinal Christoph Schönborn werden mitfeiern, auch Vertreter der orthodoxen und orientalisch-orthodoxen Kirchen werden erwartet.
Am Sonntag, 8. November, wird um 10.15 Uhr die Göttliche Liturgie des heiligen Johannes Chrysostomus mit Metropolit Fülöp Kocsis und weiteren griechisch-katholischen Bischöfen gefeiert. Die Göttliche Liturgie ist die Eucharistiefeier der byzantinischen Tradition. Im Mittelpunkt stehen wie in dem uns vertrauten "lateinischen Ritus" die Verkündigung der Heiligen Schrift und die Eucharistie. Gesungene Gebete und Antworten, wiederkehrende Fürbitten, Weihrauch sowie die Einzüge mit dem Evangelienbuch und den Gaben von Brot und Wein prägen ihren Ablauf. Der Gesang, der bewußt ohne Instrumente auskommt trägt wesentlich das gemeinsame Gebet.
Die Liturgie im Stephansdom wird vorwiegend in deutscher Sprache gefeiert. Einzelne Teile werden in weiteren Sprachen gebetet. Seminaristen des Collegium Orientale Eichstätt übernehmen Chorgesang und liturgische Assistenz. Im Anschluss lädt das Domkapitel zur Agape in den Hof des Erzbischöflichen Palais.