Seit März nutzt die syrisch-orthodoxe Gemeinde die frühere Pfarrkirche Neumargareten für ihre Gottesdienste und ihr Gemeindeleben. Am Sonntag, 27. September, besuchte Kardinal Christoph Schönborn die Gemeinde auf Einladung ihres Pfarrers, Abuna Sami Üzel. Die Eucharistiefeier – in der syrischen Tradition Qurbono genannt – zelebrierte Mor Dionysios Isa Gürbüz, der für die syrisch-orthodoxen Gläubigen in Österreich und der Schweiz zuständige Bischof. Schönborn las das Evangelium und hielt die Predigt. Mor Dionysios ist derzeit auch in Österreich, um mit der Gemeinde sein 30-jähriges Bischofsjubiläum zu feiern.
Die Freiheit, glauben zu dürfen
Schönborn erinnerte in seiner Predigt an die Flucht seiner eigenen Familie nach Österreich. Seine Mutter habe diese Erfahrung in einem Satz zusammengefasst: „Wir haben alles verloren, aber wir haben die Freiheit gewonnen. Vor allem die Freiheit, glauben zu dürfen.“ Damit schlug der Kardinal eine Brücke zu vielen syrisch-orthodoxen Familien, die ihre Heimat verlassen mussten und ihren Glauben nun in Österreich leben.
Zugleich hob Schönborn hervor, dass die Anwesenheit der syrischen Christen die anderen christlichen Kirchen bereichert. Ihre Liturgie, ihre Sprache und ihr über Generationen bewahrter Glaube machen eine Tradition sichtbar, die bis in die frühe Christenheit zurückreicht. Die Gemeinde bringt damit etwas Eigenes in das christliche Leben Wiens ein.
Auch auf die Geschichte des Kirchengebäudes ging Schönborn ein. „Wir haben zu viele Kirchen, wir haben zu wenige Kirchen“, sagte er mit Blick auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der christlichen Gemeinden. Für die frühere Pfarrkirche Neumargareten war zwischenzeitlich eine Nutzung als Kletterhalle im Gespräch gewesen. Schönborn griff das Bild auf und gab ihm eine geistliche Wendung: „Jetzt ist es eine Himmelsleiter.“ Die Gebete der Menschen steigen zum Himmel auf, Gottes Gnade und Liebe kommen zu ihnen herab.
„Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe“
Mor Dionysios dankte Schönborn für seine langjährige Verbundenheit mit der Gemeinde. Mit dem Wort aus dem Epheserbrief – „Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe“ – unterstrich er nachdrücklich, was die Christen über ihre kirchlichen Grenzen hinweg verbindet. Schönborn habe der Gemeinde nicht allein die Tür zu einem Kirchenraum geöffnet, sondern auch „die Tür Ihres Herzens“.
Pfarrer Abuna Sami Üzel dankte dem Kardinal besonders für seine väterliche Begleitung der syrisch-orthodoxen Gläubigen in Österreich, für seine Sorge um die Gemeinde und für seine Unterstützung bei der Vermittlung der Kirche. Für Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, bedeute ein solcher Ort weit mehr als ein Gebäude: Hier können sie beten, ihre Kinder im Glauben unterweisen und ihre liturgische Tradition weitergeben. Als Zeichen der Dankbarkeit überreichte Mor Dionysios Kardinal Schönborn einen Muronitho, einen ostkirchlichen Hirtenstab, der außerhalb der eigentlichen Liturgie verwendet wird.
Eine lebendige Tradition aus den Anfängen des Christentums
Die Syrisch-Orthodoxe Kirche von Antiochien gehört zu den ältesten Kirchen der Christenheit. In Antiochia wurden die Jünger nach der Apostelgeschichte erstmals „Christen“ genannt (Apg 11,26). Der heutige Sitz ihres Patriarchen ist Damaskus – jene Stadt, auf dem Weg zu der Saulus dem auferstandenen Christus begegnete.
Die syrisch-orthodoxe Gemeinde feiert die Eucharistie in der westsyrischen Tradition der Jakobusliturgie in syrisch-aramäischer Sprache, der vielleicht ältesten bis heute lebendigen Liturgietraditionen des Christentums.
Auch in vielen Familien wird die Sprache weitergegeben. Sie hält die Verbindung zur Herkunft lebendig und gehört zu jener Sprachwelt, in der Jesus selbst gelebt hat. Eine der großen Gestalten dieser geistlichen Tradition ist Ephräm der Syrer, der im vierten Jahrhundert mit seinen Hymnen den Glauben seiner Kirche prägte. Auch das syrische Mönchtum lebt in und außerhalb seiner historischen Heimat weiter.
Mor Dionysios hat seinen Sitz in der Schweiz und trägt die pastorale Sorge für etwa 15.000 Gläubige in Österreich und der Schweiz. In Österreich bestehen Gemeinden insbesondere in Wien und Linz. Viele syrisch-orthodoxe Christen mussten Syrien infolge von Krieg und seinen Folgen verlassen. In Neumargareten haben sie nun einen Ort, an dem ihre alte Tradition weiterlebt – und an dem sie zugleich das christliche Leben ihrer neuen Heimat bereichert.