„Viele Menschen können sich das Leben nicht mehr leisten.“ P. Hanna Ghoneim reist regelmäßig nach Syrien. Was er von dort berichtet, lässt wenig Raum für Entwarnung: Steigende Energiepreise verteuern den Alltag, Arbeit ist schwer zu finden, selbst ein Gehalt reicht oft kaum zum Leben. Auch Familien, die früher gut situiert waren, sind auf Hilfe angewiesen. Die Hoffnung auf eine rasche Verbesserung habe sich für viele bislang nicht erfüllt. Mit der Korbgemeinschaft setzen Ghoneim und Sr. Walburga Starkl dort an, wo die Not unmittelbar spürbar ist. Die „Bäckerei der Gnade“ nahe Damaskus versorgt arme Menschen mit gutem, leistbarem Brot und beliefert Altenheime. In Sozialmärkten erhalten bedürftige Familien Lebensmittel und Hygieneartikel, bis zu einer festgelegten Menge auch kostenlos. Schulmaterialien, Ausstattung für Pflegeeinrichtungen und Reparaturen an Schulen ergänzen die Hilfe.
Getragen werden die Projekte wesentlich von jungen Menschen in Syrien. Sie kennen die Familien und deren Bedürfnisse. Für Ghoneim ist diese Zusammenarbeit entscheidend: „Wir tun, was die Menschen dort wollen, nicht, was wir für sie planen.“ Die Unterstützung aus Österreich soll ihnen ermöglichen, selbst etwas aufzubauen.
Wie tief die Krise reicht, zeigt sich für Ghoneim im Gesundheitswesen. Staatliche Spitäler funktionierten nicht mehr im früheren Umfang, Patienten müssten teilweise tagelang auf Behandlung warten. Private Einrichtungen seien für viele Familien unbezahlbar. Auch der Schulbesuch bereitet Eltern Sorgen. Viele bemühten sich um einen Platz an einer privaten, häufig christlichen Schule, weil sie sich dort bessere Bildung und ein sicheres Umfeld erhofften. Diese Schulen stehen Kindern unterschiedlicher Religionen offen. In manchen Einrichtungen stellten muslimische Schülerinnen und Schüler sogar die Mehrheit. Die Korbgemeinschaft hilft solchen Einrichtungen, ihren Betrieb aufrechtzuerhalten. Fehlen Materialien, sind Reparaturen nötig oder wird Ausstattung gebraucht, versucht sie Unterstützung zu organisieren. Zum Schulbeginn erhalten Familien Hefte, Schreibzeug und andere notwendige Dinge. Hinzu kommen Hilfsaktionen zu Weihnachten und Ostern.
Die Geschichte der Korbgemeinschaft beginnt mit Ghoneims eigener Pfarre. Nach seinem Doktoratsstudium in Wien war er 2011 nach Syrien zurückgekehrt. Als er sich im Sommer 2012 wieder in Österreich aufhielt, wurde seine Pfarre in Harasta bei Damaskus von islamistischen Bewaffneten erobert. Die christlichen Bewohner mussten fliehen. Ghoneim blieb in Wien und unterstützte seine vertriebenen Gemeindemitglieder von hier aus. Spenden aus Österreich und Deutschland ermöglichten es, die Hilfe auf weitere Gemeinden auszudehnen, vor allem in Homs und Aleppo.
Mit Wirkung vom 1. April 2016 errichtete Kardinal Christoph Schönborn auf Ghoneims Initiative die Stiftung „Korbgemeinschaft – Hilfe für Syrien“. Heute führen P. Hanna Ghoneim und Sr. Walburga Starkl gemeinsam die Geschäfte. Das Büro befindet sich bei der Caritas Socialis in Wien. Hier werden Projekte vorbereitet, Förderanträge geschrieben, Geldtransfers und Hilfstransporte organisiert. Erzbischof Josef Grünwidl hat das Protektorat übernommen. Seine Offenheit für die Anliegen armer Menschen ermutige ihn, sagt Ghoneim.
In mehreren syrischen Städten engagieren sich junge Menschen im Umfeld von Pfarren und Diözesen für die Projekte. Ghoneim beschreibt sie als überzeugte Christen, die bewusst in ihrer Heimat bleiben und Verantwortung übernehmen wollen. Die Teams gehören unterschiedlichen Kirchen an. „Die Konfession soll kein Hindernis sein für die guten Werke“, sagt er. Dabei sieht er durchaus, wie groß Angst und Sorge unter den Christen sind. Viele junge Menschen suchten ihre Zukunft im Ausland. Er könne das nachvollziehen. Umso wichtiger sei es, jene zu stärken, die bleiben wollen. Sie brauchten Arbeit und die Möglichkeit, für ihre Familien zu sorgen. Die ausschließliche Bezeichnung als „Minderheit“ wird den Christen Syriens aus seiner Sicht nicht gerecht. Seit den Anfängen der Kirchengeschichte seien sie im Land verwurzelt und hätten gerade in Bildung, Gesundheitsversorgung und sozialer Arbeit viel geleistet. Auch heute könnten sie wesentlich zum Zusammenleben beitragen. „Die Christen allein in Syrien schaffen das nicht.“ Sie seien auf die Solidarität ihrer Mitchristen im Ausland angewiesen. Die Hilfe der Korbgemeinschaft erreicht christliche und muslimische Bedürftige. In seinem eigenen Umfeld erlebt Ghoneim gute Nachbarschaft und gegenseitige Unterstützung. Zugleich höre er aus anderen Regionen von Übergriffen. Gemeinsame Arbeit und gegenseitiger Respekt sind für ihn Voraussetzungen für den Wiederaufbau.
Sr. Walburga Starkl wollte eigentlich kürzertreten. Mit 60 bat sie darum, ihre Arbeitszeit in einer Beratungsstelle zu reduzieren. Ihre Ordensleitung schlug ihr eine neue Aufgabe vor: Sie könne P. Hanna bei der Hilfe für Syrien unterstützen.
Eine Mitschwester hatte in der Pfarre Nußdorf von seinem Anliegen erfahren und den Kontakt zur Caritas Socialis hergestellt. Sr. Walburga kannte den Priester damals noch nicht. „Ich habe mich halt eingelassen“, erzählt sie.
Inzwischen ist die Korbgemeinschaft ein wesentlicher Teil ihres Dienstes. Darin erkennt sie die Haltung Hildegard Burjans wieder, der Gründerin der Caritas Socialis: die Not der Menschen aufsuchen, Unterstützung organisieren und sich für jene einsetzen, die sonst wenig Hilfe erhalten. „Die Liebe Christi drängt uns“ – dieser Wahlspruch beschreibt auch ihren Antrieb. Was das im Alltag bedeutet, zeigt eine Geschichte aus Kalksburg. Vor dem Abbruch und Neubau eines Pflegeheims der Caritas Socialis durfte die Korbgemeinschaft noch verwendbare Ausstattung übernehmen. Pflegebetten, Pflegematerialien, Tische und Sessel füllten zwei große Container. Zunächst fehlte allerdings ein Lager. Schließlich vermittelte Sr. Walburgas Schwester Platz in einem alten Stall.
Bei einem späteren Besuch in Syrien sah Sr. Walburga einen Teil der Möbel wieder: Jugendliche nutzten die Tische und Sessel für ihre Gruppentreffen. „Es bewegt mich sehr“, sagt sie. Solche Begegnungen geben ihr Kraft für die weniger sichtbare Arbeit: Anträge, Abrechnungen, Telefonate und Transporte.
Sachspenden nach Syrien zu bringen, braucht Planung und viele helfende Hände. Die Güter müssen abgeholt, sortiert, gelagert und verpackt werden. Sobald ein Container verfügbar ist, bleibt oft wenig Zeit. Jeder freie Raum wird genutzt.
Die Korbgemeinschaft sucht deshalb weitere Freiwillige: Menschen, die Hilfsgüter mit einem Fahrzeug abholen, beim Sortieren und Verpacken helfen oder Container beladen. Auch Unterstützung bei Verwaltung und Abrechnung wäre eine Entlastung. Für die Zukunft soll die Verantwortung auf mehr Schultern verteilt werden. In Syrien ist eine zentrale Stelle geplant, die Anträge, Unterlagen und Abrechnungen bündelt. Die jungen Teams sollen zunehmend selbstständig arbeiten können. Außerdem möchte die Stiftung kleinen Familienbetrieben Starthilfe geben. Ideen und Arbeitsbereitschaft seien vorhanden, sagt Sr. Walburga. Häufig fehle das Geld für den Anfang.
Die Feier am 11. Oktober verbindet zehn Jahre Korbgemeinschaft mit Ghoneims 30. Priesterweihejubiläum. Am 11. Oktober 1996 wurde er in der Patriarchatskathedrale von Damaskus zum Priester geweiht. Heute leitet er die melkitische griechisch-katholische Gemeinde in Wien, die in der Pfarrkirche St. Thomas in Nußdorf beheimatet ist. Seelsorge und Hilfe für Notleidende gehören für ihn zusammen. Das Zeichen der Stiftung, ein Korb in Form zweier Hände, bringt diesen Auftrag zum Ausdruck: empfangen und weitergeben. Sein Weihspruch „Tut alles zur Herrlichkeit Gottes“ begleitet ihn dabei bis heute. Dass die Arbeit über seine Person hinaus Bestand hat, ist ihm ein wesentliches Anliegen. „Es geht nicht um mich, es geht um das Werk selbst.“ Unterstützung kann vieles bedeuten: Geld, praktische Mitarbeit, fachliche Kenntnisse, Ideen oder Gebet. Ghoneims Bitte bleibt schlicht: „Die Menschen in Syrien brauchen unsere Hilfe. Und Gott braucht auch unsere Hände.“ Informationen und Unterstützung: www.korbgemeinschaft.at