Donnerstag 8. Oktober 2026

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EDW/GeorgSchimmerl
08.10.2026

Schönborn: „Die Kraft der Kirche liegt im Glauben“

Europas Rolle in der Weltkirche verändert sich. Kardinal Christoph Schönborn sieht darin eine Chance: Der Kontinent hat geistlich viel zu geben, muss aber auch empfangen lernen. In einem aktuellen Interview mit Stephan Baier von der „Tagespost“ spricht er über die Lebendigkeit des Glaubens und die prägenden Aufgaben seines Lebens.

„Das eigentliche Ereignis ist, dass Menschen zum Glauben kommen, dass jemandem durch das Wort des Evangeliums das Herz aufgeht.“ Mit diesem Blick richtet Kardinal Christoph Schönborn im Gespräch mit Stephan Baier von der Würzburger „Tagespost“ die Aufmerksamkeit auf das, was Kirche weltweit wachsen lässt. Ob in China unter kommunistischer Herrschaft oder in Indien unter einem national-hinduistischen Regime: Entscheidend sei, dass Menschen vom Evangelium berührt würden und Gemeinden entstünden. „Die Kraft der Kirche liegt im Glauben. Und der ist in Europa nicht gestorben.“


Europa hat viel zu geben – und zu lernen


Dass Europa seine beherrschende Stellung verloren hat, beurteilt der emeritierte Wiener Erzbischof positiv: „Dass die Hegemonie Europas zu Ende ist, ist eine Gerechtigkeit der Geschichte.“ Auch in der Weltkirche hätten sich die Gewichte verschoben. Dennoch verfüge Europa mit seinen Heiligen, seiner Theologie und seinen geistlichen Traditionen über einen reichen Schatz. Thomas von Aquin werde heute außerhalb Europas mehr gelesen als auf dem Kontinent selbst. „Heute ist Europa das Museum der Welt“, sagt Schönborn. Doch in diesem Museum gebe es weiterhin lebendigen Glauben. Die Quelle seiner großen kulturellen Leistungen bleibe das Evangelium. Um daraus etwas weitergeben zu können, müsse Europa zugleich lernen, zu empfangen. Wie anspruchsvoll das ist, schildert Schönborn selbstkritisch: Während der Synoden 2023 und 2024 habe er im eigenen Unterbewusstsein noch ein Gefälle zwischen Europa und den anderen wahrgenommen – selbst in der Art seiner Freundlichkeit. „Das hat mich am meisten erschüttert: über mich selbst.“ Erst das Evangelium verändere diesen Blick.

 

Das betreffe auch den Umgang mit Priestern aus anderen Kontinenten, mit Flüchtlingen und Migranten: Sie würden häufig nicht auf Augenhöhe als Geschwister wahrgenommen. Zugleich erlebe er Pfarren, in denen Filipinos, Afrikaner, europäische Migranten und Eingesessene eine lebendige Gemeinschaft bildeten. Kirchliche Erneuerung schöpfe aus dieser gelebten Wirklichkeit des Glaubens und aus den Sakramenten. Dafür gebe es kein einziges Rezept: Orden, neue Bewegungen, die Katholische Aktion und Menschen, die ihren Alltag unter schwierigen Umständen glaubwürdig lebten, gehörten gleichermaßen dazu.


Katechismus, Kirchenväter und Seelsorge


Im persönlichen Rückblick nennt Schönborn seine Arbeit als Redaktionssekretär des Weltkatechismus „die bedeutendste Aufgabe in meinem Leben“. Eine dauerhafte Tätigkeit in Rom habe ihn dennoch nie gereizt. Er sei dankbar, zunächst als Professor in der Schweiz und später in der Seelsorge in Österreich gewirkt zu haben. Seine erste Berufung habe dem Priestertum und dem Dominikanerorden gegolten. Die Leidenschaft für Theologie sei im Freundeskreis seines Ordens gewachsen: Mitten in den gesellschaftlichen Umbrüchen von 1967 und 1968 hätten sie gemeinsam die Kirchenväter entdeckt. Besonders prägend seien für ihn die östlichen Kirchenväter und die byzantinische Liturgie geworden. Neue Bücher plant Schönborn hingegen nicht mehr. Seine knappe Antwort: „30 Bücher reichen.“

 

Zwei Scheinwerfer auf dem Weg zur Einheit

Seine Hoffnung für die Ökumene erläutert Schönborn anhand zweier geistlicher Persönlichkeiten. Der 2006 verstorbene koptische Mönch Matta el-Meskeen habe den herausfordernden Gedanken formuliert, Gott lasse die Uneinigkeit der Christen vielleicht deshalb zu, weil sie mit der Einheit noch nicht richtig umgehen könnten und diese als Macht missbrauchen würden. Durch die Schande ihrer Uneinigkeit zeige Gott ihnen, dass nur er die wahre Einheit schenken könne. Daneben stellt Schönborn ein Wort Benedikts XVI., das dieser 2012 in Castel Gandolfo an seinen Schülerkreis gerichtet habe und das er als dessen ökumenisches Testament versteht: „Geht es in der Ökumene nicht letztlich darum, dass wir aufeinander hören und voneinander lernen, was es heißt, heute Christ zu sein.“ Darin liegt für den Kardinal „keine optimistische, sondern eine hoffnungsvolle Vision“. Und er hält fest: „Für mich sind diese beiden Sichtweisen zwei Scheinwerfer auf dem Weg der Ökumene.“