Immer mehr Erwachsene entscheiden sich in weiten Teilen Europas für die Taufe. Besonders deutlich ist die Entwicklung in Frankreich, wo Erwachsenentaufen mittlerweile rund zehn Prozent aller Taufen ausmachen. In Österreich liegt der Anteil laut Angaben des Koordinationsbüros für das Erwachsenenkatechumenat und Asyl bei etwas mehr als einem Prozent, Tendenz allerdings auch hier steigend. Über die Entwicklung und deren Konsequenzen für die Seelsorge beraten ab Donnerstag rund 20 Vertreter aus elf Ländern beim europäischen Eurocat-Treffen in Wien.
"Wir erleben gerade eine spannende Zeit", berichtete Daniel Vychytil vom Koordinationsbüro für das Erwachsenenkatechumenat und Asyl, das die Tagung gemeinsam mit dem Österreichischen Pastoralinstitut (ÖPI) organisiert, im Interview mit Kathpress. Noch sei offen, ob der französische Anstieg eine längerfristige Veränderung darstelle oder nur eine vorübergehende Entwicklung. "Das wird sich in den nächsten fünf Jahren zeigen. Wenn es weiter diese Dynamik hat, ist es kein Wetterumschwung, sondern ein Klimawandel - der auch zu uns überschwappen wird", so Vychytil.
In Österreich zeigt sich der Trend speziell in Wien. Für heuer rechnet Vychytil in der Erzdiözese mit rund 220 Erwachsenentaufen. Das wäre das zweitbeste Ergebnis nach dem bisherigen Rekordjahr 2017, als im Zuge der Migrationsbewegungen in den Jahren davor österreichweit rund 900 Erwachsene getauft wurden, ein gutes Drittel davon in Wien. Inzwischen entfallen nach Vychytils Angaben rund 52 Prozent der Erwachsenentaufen Österreichs auf die Erzdiözese Wien, die außer der Bundeshauptstadt auch das östliche Niederösterreich umfasst.
"In Wien ist die Dynamik anders als in den restlichen Diözesen", sagte Vychytil. In den Bundesländern gebe es teils ebenfalls Zuwächse, insgesamt sei die Entwicklung aber deutlich uneinheitlicher. Als einen Grund sieht er die stärkere Säkularisierung Wiens, doch sei das Erwachsenenkatechumenat in der Erzdiözese Wien auch schon länger institutionell etabliert, erkenntlich etwa an den zentralen Zulassungsfeiern für die Taufbewerber. Von den 189 Erwachsenen, die im Vorjahr in Wien getauft wurden, hätten rund 179 zuvor an einer solchen Feier teilgenommen, schätzt Vychytil. In anderen Diözesen sei man teilweise froh, wenn die Hälfte der Taufbewerber an der zentralen Feier teilnimmt. "Da ist das Bewusstsein noch nicht überall da, dass die Erwachsenentaufe ein kirchlicher Prozess ist", so der Experte.
Von steigendem Bewusstsein zeugen auch die Wiener Projekte für erwachsene Katechumenen, die beim Eurocat-Treffen am Freitagnachmittag vorgestellt werden. Bei der Gemeinschaft der Helferinnen etwa geht es um die Begleitung von Taufbewerbern und Neugetauften. In der Pfarre Zur Frohen Botschaft gehört etwa das Projekt "Bitte zu Tisch" zum Angebot, es wird von Neugetauften und Taufbewerbern mitgetragen. Das Zentrum Johannes Paul II. stellt seine missionarische Arbeit und die Vorbereitung von jugendlichen Taufbewerbern vor. Auch Angebote der Pfarre Göttliche Liebe, der Päpstlichen Missionswerke (Missio) und Online-Katechesen werden präsentiert, sowie das vom Jesuiten P. Sebastian Maly initiierte Projekt "Schule des Gebets", das ab Oktober Neugetaufte nach ihrer Taufe weiter begleiten soll. Insgesamt gebe es in Wien mittlerweile "sehr unterschiedliche Wege, wie Menschen zum Glauben und zur Taufe kommen", so der Katechumenats-Verantwortliche.
Weit entwickelt ist in Österreich laut Vychytil die Arbeit mit persischsprachigen Taufbewerbern. In manchen Wiener Kirchen nähmen an Sonntagen größere Gruppen von bis zu mehreren Dutzend Iranern am Gottesdienst teil. In der Begleitung spielten zudem Dolmetscher und Angebote in Kleingruppen eine wichtige Rolle, damit Menschen, die auf Persisch an die Kirche herangeführt werden, auch über die Vorbereitung auf die Taufe hinaus in eine kirchliche Gemeinschaft hineinwachsen. "Das hat dazu geführt, dass das Angebot für persischsprachige Täuflinge bei uns teils schon besser entwickelt ist als für deutschsprachige", so Vychytil.
Die Entwicklung in Frankreich steht bei Eurocat am Samstag im Mittelpunkt. Das Treffen folgt nur wenige Tage nach dem Papstbesuch in Frankreich, bei dem Leo XIV. auch Taufbewerber und Neugetaufte traf und sich erstaunt über die dortige Entwicklung äußerte. "In Frankreich ist die Dynamik inzwischen bei Bischöfen und Priestern angekommen", kommentierte Vychytil die dortige Situation. In den meisten französischen Pfarren gebe es mittlerweile Gruppen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die gemeinsam die Vorbereitung auf die Taufe durchlaufen. Ein Teil bleibe anschließend in der Gemeinde. "Wenn du das zwei, drei Jahre machst, hast du eine engagierte Jugendgruppe", so der Katechumenats-Verantwortliche über die Folgewirkungen für die Pfarren vor Ort.
Beim Eurocat-Treffen, das mit einem Vortrag der Pastoraltheologin Regina Polak startet und mit einem Gottesdienst mit Referatsbischof Franz Scharl endet, soll deshalb auch beraten werden, welche Konsequenzen aus der französischen Entwicklung für die europäische Zusammenarbeit im Bereich Katechumenat gezogen werden können. Diese läuft derzeit auf mehreren Ebenen. Ziel des seit mehreren Jahrzehnten bestehenden Eurocat-Treffens sei es, die bestehende Zusammenarbeit weiterzuführen und zugleich neue Impulse aus Ländern mit stark steigenden Taufzahlen aufzunehmen, sagte Vychytil. Aufschlussreich dürften dabei auch die Ergebnisse der französischen Provinzialsynode sein, deren Abschluss für Allerheiligen 2027 vorgesehen ist.