Eine Begegnung beim Einkaufen, ein Gespräch auf der Straße, Zeit für die Menschen im Viertel: Seit seinem Rücktritt als Wiener Erzbischof im Jänner 2025 erlebt Kardinal Christoph Schönborn eine neue Freiheit. Er lebt in einem kleinen Kloster in der Brigittenau, feiert weiterhin täglich die Messe und freut sich darüber, selbst einkaufen zu gehen. „Andere Leute sind das ja von jung an gewöhnt“, sagt er im Interview, das am Freitag, den 2. September 2026 in der Tageszeitung „Heute“ erschienen ist. Anlass des Gesprächs ist ein Jubiläum: Seit 20 Jahren verfasst Schönborn für die Zeitung seine Kolumne „Antworten“. Kein einziges Mal sei sie ausgefallen, hält die Redaktion fest – auch während eines Spitalsaufenthalts oder eines Konklaves nicht. Schönborn schreibt die Texte selbst. Er schätze die Aufgabe, „weil es einen selbst verpflichtet, in knappen, verständlichen Worten eine gute Message zu schicken“.
Die Frage, was Menschen trägt, zieht sich auch durch das Jubiläumsinterview. Auf das wachsende Interesse junger Erwachsener in Frankreich an der Taufe angesprochen, verweist Schönborn auf eine Sehnsucht, die materieller Wohlstand allein nicht stillen könne: „Jeder Mensch hat eine Seele.“ Essen, ein schönes Auto oder Urlaub reichten dafür nicht aus. Die Konsumgesellschaft könne vieles befriedigen, aber nicht die Suche nach einem letzten Sinn beantworten. Dass gerade in einer säkularen Gesellschaft die Frage nach Gott neu aufbreche, überrasche ihn deshalb nicht. Auch im Zusammenleben der Religionen richtet Schönborn den Blick auf grundlegende Gemeinsamkeiten: den Glauben an Gott, die Verantwortung für das Gute und die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod. Er sei überzeugt, dass der Großteil der Musliminnen und Muslime in Österreich in Frieden zusammenleben wolle.
In der Debatte um das Kinderkopftuchverbot bleibt Schönborn bei seiner kritischen Haltung. Seine persönliche Überzeugung sei, dass sich der Staat möglichst wenig in die religiöse Praxis einmischen solle. Entscheidend sei, gegenseitige Wertschätzung zu lernen. Dabei spricht er auch mangelnde Toleranz in manchen muslimischen Kreisen an, erinnert aber zugleich daran, dass Christen selbst keineswegs immer Vorbilder der Toleranz gewesen seien.
Den gewachsenen Respekt vor anderen Religionsgemeinschaften ebenso wie vor Menschen, die Religion ablehnen, betrachtet Schönborn als gesellschaftlichen Gewinn. Dieser Respekt stärke den Zusammenhalt. Für das Verhältnis von Kirche und Politik nennt er einen klaren Maßstab: „Entscheidend ist nicht, was man sagt, sondern was man tut – das sagt auch das Evangelium.“ Parteien hätten das Recht, religiöse Akzente zu setzen. Aufgabe der Kirche sei es zugleich, auf Grundwerte hinzuweisen: Wie werde mit Flüchtlingen umgegangen? Werde die Menschenwürde gefördert oder missachtet? An solchen Fragen müsse sich politisches Handeln messen lassen.
Über Erzbischof Josef Grünwidl spricht Schönborn mit großer Anerkennung. Er könne bereits Punkte nennen, in denen sein Nachfolger die Aufgabe „nicht nur gut, sondern besser“ erfülle. Er selbst habe seine Prägung als Theologe und die internationale Verbundenheit des Dominikanerordens eingebracht. Bei Grünwidl hebt er andere Stärken hervor: „Die Klarheit, Festigkeit und Menschlichkeit von Josef Grünwidl waren Gründe, warum von Anfang an die Zustimmung und die Freude über seine Ernennung so groß war.“ Mit 80 Jahren habe er sämtliche Funktionen im Vatikan abgegeben. „Das ist wohltuend. Ich habe das lange gemacht, jetzt sind andere dran.“ Große persönliche Vorhaben nennt der heute 81-Jährige nicht mehr. Sein dringlichster Wunsch gilt dem Frieden: Die Verantwortlichen müssten ihre Verantwortung ernst nehmen und die tobenden Kriege beenden.
Am Ende wird das Gespräch noch einmal sehr persönlich. Was nach dem Tod komme? „Wir werden bei Jesus ankommen und jemand wird uns sagen: 'Da bist du jetzt zuhause' “, antwortet Schönborn. Die Gewissheit, selbst in den Himmel zu kommen, beansprucht er nicht. Wohl aber das Vertrauen, „dass es einen gibt, der will, dass ich dort bin“.