In Österreich erhalten Schülerinnen und Schüler bis zur 9. Schulstufe, die keinen Religionsunterricht besuchen, keine alternative ethische Bildung im regulären Unterricht. Für den Religionswissenschaftler Robert Wurzrainer ist das eine Lücke im Bildungssystem. Der Ethikunterricht sei zwar seit dem Schuljahr 2021/22 als alternativer Pflichtgegenstand zum Religionsunterricht etabliert, beginne aber erst ab der 9. Schulstufe. In den Volksschulen und bei den 10- bis 14-Jährigen gibt es bei Abmeldung nur eine Freistunde, so Gertrud Theil, Fachinspektorin für katholischen Religionsunterricht in der Erzdiözese Wien für die Pflichtschulen. Eine Möglichkeit, diese Lücke zu schließen, sehen beide im seit 2019 bestehenden Modell "W.I.R. - Werte, interkulturelles Lernen und Religionen".
"Das Modell ist eine Möglichkeit, den 10- bis 14-Jährigen eine ethisch-religiöse Bildung mitzugeben - auch wenn sie nicht im Religionsunterricht sind", erklärt Wurzrainer im Interview mit der Wiener Kirchenzeitung "Der Sonntag" (aktuelle Ausgabe). Im Zuge des Modells werden Schülerinnen und Schüler unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit gemeinsam unterrichtet. Der konfessionelle Religionsunterricht bleibt bestehen; zusätzlich gibt es eine gemeinsame Stunde, in der religiös-ethische und philosophische Themen behandelt werden. Ziel von "W.I.R." sind unter anderem Urteilsfähigkeit, Konfliktbewältigung und der Austausch über religiöse und weltanschauliche Fragen.
"Das Schöne ist, dass es hier zu einem nicht trennenden Unterricht kommt, dass der Unterricht begegnungsorientiert ist", so Wurzrainer, der u.a. als Referent für Weltanschauungsfragen, interkulturellen und interreligiösen Dialog in der Erzdiözese Wien und Autor der Schulbücher für den Ethikunterricht tätig ist. Der gemeinsame Unterricht sei ein wichtiger Ansatz für den Umgang mit religiöser und weltanschaulicher Vielfalt. Gleichzeitig sei es zentral, "dass Menschen wieder mehr ins Gespräch kommen" und sich davon wegbewegen, über andere zu reden, "sondern eher wieder mit anderen redet". Auch Lehrkräfte erlebten "W.I.R." positiv, berichtet Theil; das Modell werde zwar als herausfordernd erlebt, zugleich werde häufig von besseren Möglichkeiten zur Bearbeitung von Konflikten berichtet.
Verbesserungsbedarf sieht Wurzrainer bei der Ausbildung von Ethiklehrpersonen. Im Lehrplan des Ethikunterrichts spielen Religionen eine bedeutende Rolle, rund ein Fünftel des Lehrstoffs entfällt laut Wurzrainer auf religionsbezogene Themen. Im Lehramtsstudium Ethik seien derzeit jedoch nur ein bis zwei Lehrveranstaltungen zum Thema Religion und Religionen vorgesehen. "Das halte ich für zu wenig. Oftmals wird ja davon ausgegangen, dass im Ethikunterricht nur nicht-religiöse Schülerinnen und Schüler sitzen, und das ist eben nicht der Fall", so der Religionswissenschaftler.
Jugendliche würden u.a. den Ethikunterricht wählen, weil ihnen ihr Religionsunterricht zu offen und zu liberal sei. "Das sind Jugendliche, die sich in ihrer Tradition wirklich auskennen. Und wenn die dann mit einer Lehrperson konfrontiert sind, die die Basics einer religiösen Tradition nicht kennt, dann stellt sich für mich die Frage, inwieweit da ein Dialog und eine Diskussion auf Augenhöhe stattfinden können." Kritik übt Wurzrainer jedoch an der späten Möglichkeit Ethikunterricht zu wählen, da es den Religionsunterricht bereits ab der ersten Klasse Volksschule, den Ethikunterricht erst ab der neunten Schulstufe gibt. "Das heißt, es sind dann doch einige Schuljahre, in denen Schülerinnen und Schüler aus dem Bereich der religiösen und ethischen Bildung im schulischen Kontext wenig mitnehmen können, weil es einfach kein Unterrichtsfach für sie gibt."
Theil betont zugleich die unterschiedlichen Zugänge der beiden Fächer. Im Religionsunterricht würden ethische und gesellschaftliche Fragen aus der jeweiligen religiösen Perspektive betrachtet. Religionslehrkräfte sprächen aus ihrer eigenen Konfession und positionierten sich damit ausdrücklich. Zugleich gehe es im Religionsunterricht um Persönlichkeitsbildung, die Auseinandersetzung mit der eigenen Religion sowie um religiöse und weltanschauliche Vielfalt.
Quelle: kathpress