Der Wiener Moraltheologe Matthias Beck wendet sich in seinem neuen Buch dem vereinsamten Menschen in einer Welt voller Umbrüche zu. Die Lösung für die Überforderungen der heutigen Zeit durch Kriege oder die rasante Entwicklung künstlicher Intelligenz kondensiert Beck schon im Buchtitel "Die Welt beginnt in dir. Auftrag - Zumutung - Chance", in dem er zur Suche nach der eigenen persönlichen Bestimmung anleitet. Der Weg aus der Einsamkeit zu einem erfüllten Leben liegt für den Theologen in einer aufgeklärten modernen Spiritualität, die jeden Einzelnen mit seinen Begabungen und Talenten sowie bei der Suche nach der eigenen Identität und Berufung fördert. Eine solche mahnt der Priester auch von der Kirche ein, der die revolutionäre Botschaft des Christentums abhandengekommen sei.
Die Kirche habe ihre Kraft verloren, Menschen Orientierung für ihr Leben zu geben, attestiert Beck. "Viele suchen ihre Spiritualität anderswo. Der Mensch wirkt innerlich ausgelaugt". Leere, Langeweile, eine Überfülle an Ablenkungen setzten den Menschen zu. Kontakte über das Internet hinterließen oft mehr Distanz und Einsamkeit als Nähe. Gerade das Christentum, das einst mit der Botschaft von bedingungsloser Liebe und der Befreiung des Menschen die Welt revolutioniert hätte, scheine in Europa heute "immer mehr zu verdunsten".
"Hier ist ein Paradigmenwechsel angesagt", so die Forderung des Theologen, der kurz vor seinem 70. Geburtstag zu einem "individuellen und einzigartigen Leben als Christ" und nicht bloß zum "Kirchist"-Sein aufruft. Die Kirche habe sich zu sehr mit sich selbst beschäftigt, sie solle hingegen den Menschen dienen, erklärt Beck. Derzeit aber herrsche "zu viel Struktur und zu wenig Geist und Inhalt". "Verloren gegangen ist das Revolutionäre, das Menschen in ihrem Innersten positiv erschüttert und eine fundamental neue Sicht auf die Welt ermöglicht."
Derzeit fühlten sich gerade viele Jugendliche und Berufstätige orientierungslos. "Burn-out-Syndrome und Depressionen nehmen zu. Inzwischen entstehen volkswirtschaftliche Schäden durch Krankschreibungen und Frühpensionierungen. Viele fragen sich, wie sie ihr Leben gestalten sollen, welchen Beruf sie ergreifen, wie sie gute Entscheidungen treffen." Die Menschen lebten nebeneinander her, nicht miteinander, und die Einsamkeit nehme zu. Und obwohl Erfolg, Geld, Einfluss oder Gesundheit erstrebenswert seien, zeige schon das Beispiel des heiligen Franziskus - reich geboren und doch nicht erfüllt -, dass der Ur-Grund allen Seins im Göttlichen liege und Christen aus der tiefsten Beziehung zu Jesus Christus heraus ein erfülltes Leben finden könnten.
Wie Hindernisse und innere Widerstände zum eigenen Seelengrund überwunden werden können und wie die einmalige Berufung gefunden wird, beschreibt der Theologe, Mediziner und Philosoph aus naturwissenschaftlicher und religionsphilosophischer Sicht ebenso wie mit Erzählungen aus Jesu Leben im Neuen Testament. Der Autor schöpft hier aus dem von ihm benannten Potenzial des Christentums, das "nicht primär eine Religion der Verbote und der Moral, sondern eine Religion der Beziehung, der Entfaltung, des Fruchtbringens, der Freude, der Liebe des Schöpferischen" sei.
Eine "gute Religiosität soll das Selbstwertgefühl des Einzelnen stärken und ihn resilienter und damit widerstandsfähiger machen gegenüber äußeren und inneren Verunsicherungen", schreibt der Theologe. Letztlich diene eine gut strukturierte christliche Spiritualität nicht nur dem Einzelnen und dem Einzelnen in seiner Gottesbeziehung, sondern auch der Gesellschaft, führt Beck aus: "Je gesünder und heiler der Einzelne in seinem Inneren ist, desto gemeinschaftsfähiger wird er und kann auch Gemeinschaft prägen. So dient der Einzelne sich selbst und den anderen."
Der Autor präsentiert sein Buch am 21. Oktober, 18.30 Uhr (Einlass 18 Uhr) im Stephanisaal des Curhauses am Stephansplatz 3 (1010 Wien).
Anmeldung unter anmeldung@domverlag.at.
Das Buch ist im Wiener Dom-Verlag erschienen.
Quelle: kathpress