Wie hält man den Schabbat? Was ist an diesem Tag verboten, was erlaubt und was sogar geboten?
Unter Anleitung von Rabbiner Yuval Katz-Wilfing beschäftigten sich die Teilnehmenden in Gesprächen am Tisch zunächst mit jüdischen Auslegungen zum wöchentlichen jüdischen Feiertag. Im Vergleich mit dem Neuen Testament zeigten sich überraschende Ähnlichkeiten zwischen den Argumenten Jesu und jenen der Rabbinen, wie sie im Talmud zu finden sind.
Den Ausgangspunkt bildete eine persönliche Entdeckung Katz-Wilfings. Während seines Studiums in Jerusalem war ihm aufgefallen, wie häufig der Schabbat im Neuen Testament vorkommt. Jesus heilt an diesem Tag, seine Jünger pflücken Ähren, immer wieder wird darüber diskutiert, was erlaubt ist. Wer die jüdischen Debatten dazu kennt, liest diese Erzählungen mit anderen Augen.
Gemeinsam mit Regina Polak gestaltete Katz-Wilfing den Tag unter dem Titel „Den Glauben vertiefen – die Kirche erneuern“. Er ist Geschäftsführer des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit. Polak, Professorin für Praktische Theologie an der Universität Wien, ist dessen Präsidentin.
Die Tora gebietet, des Schabbats zu gedenken und ihn zu halten. Wie dieses Gebot im Alltag zu erfüllen ist, verlangt jedoch Auslegung. Was zählt als Arbeit? Wie weit darf man gehen? Darf man Lasten tragen? Die jüdische Überlieferung setzt sich ausführlich mit solchen Fragen auseinander.
Katz-Wilfing erläuterte dazu die Bedeutung der mündlichen Tora. Sie werde in menschlichen Beziehungen weitergegeben: Menschen lernen voneinander, wie die Gebote zu verstehen und unter veränderten Bedingungen zu leben sind. Diese Überlieferung wurde später zunächst in der Mischna schriftlich gefasst, im Talmud weiter ausgelegt und diskutiert. Ihre Verbindlichkeit bleibt im Judentum eine immer neu zu verhandelnde Frage.
Während die Sadduzäer zur Zeit Jesu die mündliche Überlieferung ablehnten, war sie für die pharisäisch-rabbinische Tradition wesentlich. In den behandelten Beispielen steht Jesus mit seiner Argumentation eher auf dieser Seite, so Katz-Wilfing. Sein Wort, der Schabbat sei für den Menschen da und nicht der Mensch für den Schabbat, findet Entsprechungen in rabbinischen Überlegungen.
Auch die gebotene Rettung von Leben am Schabbat macht deutlich, wie die Auslegung der Gebote dem Menschen dient. Im Johannesevangelium zieht Jesus die am Schabbat erlaubte Beschneidung als Argument heran: Warum sollte dann die Heilung eines Menschen unzulässig sein?
So werden vertraute Texte neu zugänglich. Es wird deutlich: Viele Auseinandersetzungen Jesu sind zunächst ein innerjüdischer Diskurs. Wer sie als Gegensatz zwischen Jesus und dem Judentum liest, verfehlt das Gemeinte – der erhellende Zusammenhang geht verloren.
Für Regina Polak war die gemeinsame Textarbeit ein historischer Moment: Katholiken beschäftigten sich in einem Haus der Jesuiten mit Mischna und Talmud. Angesichts der langen Geschichte christlicher Talmudverachtung sei das bemerkenswert.
Die Lektüre stellte zugleich das hartnäckige Bild des Judentums als starrer „Gesetzesreligion“ infrage. Sichtbar wurde eine lebendige Kultur des Fragens und Diskutierens und die Freude daran, gemeinsam etwas zu entdecken.
Darin liegt für Polak auch eine Chance zur Erneuerung der Kirche. Kirchliche Erneuerung habe immer wieder mit einer neuen Lektüre der Heiligen Schrift begonnen. Die Begegnung mit jüdischen Auslegungen könne heute dazu beitragen, Erneuerung zu bewirken und ungeahnte Horizonte zu eröffnen. Was die theologische Forschung seit Jahrzehnten erschließt, müsse allerdings stärker in den Gemeinden ankommen.
Der Dialog betrifft nach Polak das eigene christliche Selbstverständnis. Wer verstehen will, was es bedeutet, Christ zu sein, muss sich mit dem Judentum auseinandersetzen. Dazu gehört auch das heutige jüdische Leben in seiner Vielfalt.
Ein Bild brachte diese Haltung besonders anschaulich zum Ausdruck: die zeitgenössische Darstellung von „Ecclesia und Synagoga“ an der Saint Joseph’s University in Philadelphia. Kirche und Synagoge sitzen nebeneinander und studieren gemeinsam. Sie lernen miteinander und voneinander. Dass sie in allem übereinstimmen, ist dafür keine Voraussetzung. Unterschiede verlangen Aufmerksamkeit. Polak erläuterte dies bereits zu Beginn. Dass Christen mit Juden – wie übrigens auch mit Muslimen – nicht miteinander beten können, liege am unterschiedlichen Gebetsverständnis: Christen beten wie, mit und durch Jesus Christus. Juden und Muslime können dieses Gebetsverständnis selbstredend nicht mitvollziehen.
Etwas anderes sei es, zusammenzukommen, um – jeder auf seine Weise – zu beten, wie das bereits Papst Johannes Paul II. bei seinen Gebetstreffen in Assisi vorgelebt habe. Respekt zeige sich auch darin, solche Grenzen wahrzunehmen.
Was verändert Jesu jüdische Identität?
Was bedeutet es für Christen, dass Jesus Jude war und ist? Polak griff dazu die jüngst veröffentlichte vatikanische Note „Ein Weg der Hoffnung“ auf. Sie hält fest: „Jesus ist Jude und er ist es für immer“. Mit Bezug auf die Menschwerdung spricht sie mit Karl Barth auch davon, dass das Wort „jüdisches Fleisch“ wurde.
Das führt mitten in die christliche Praxis. Wie sprechen Christen über Jesus? Was bedeutet seine jüdische Identität für die Nachfolge, das Gebet und die Feier von Weihnachten? Was verändert sich, wenn die Psalmen als jüdische Gebete, aber auch die neutestamentlichen Schriften in ihrem jüdischen Zusammenhang gelesen werden?
Polak warb für eine Haltung, die sich auf solche Fragen einlässt. Jesus dürfe nicht als Gegenfigur zum Judentum dargestellt werden. Jüdische Perspektiven könnten helfen, vertraute Texte genauer zu verstehen und die eigene Sprache zu überprüfen.
Die praktische Auseinandersetzung beginnt bei den eigenen Vorstellungen: Woran denken wir, wenn von Juden und Judentum die Rede ist? Diese Bilder beeinflussen, wie Christen lesen, sprechen und verkündigen.
Auch die Ausstattung von Kirchen müsse daraufhin betrachtet werden. An Kalvarienbergen oder in Kreuzwegen können antijüdische Darstellungen fortleben. Manche seien eindeutig, andere ambivalent. Sie zu erkennen und zu erklären, sei ebenso nötig wie die Suche nach neuen Bildern für die Beziehung zwischen Kirche und Judentum. Ähnliches gilt für die Sprache. Die Vorstellung, die Kirche habe Israel ersetzt – die Substitutionstheologie –, könne in Formulierungen weiterwirken, ohne ausdrücklich ausgesprochen zu werden.
Angesichts des gegenwärtigen Antisemitismus hat diese Arbeit besondere Dringlichkeit. Polak verwies auf judenfeindliche Inhalte in sozialen Medien, in denen alte Motive in neuer Form auftauchen. Die Beschäftigung mit dem christlichen Erbe müsse deshalb mit Verantwortung in der Gegenwart verbunden sein: mit Solidarität gegenüber jüdischen Menschen, dem Einsatz für ihre Sicherheit und der Zusammenarbeit bei gemeinsamen gesellschaftlichen Anliegen.
Auch die Erinnerungskultur stehe vor neuen Aufgaben. In einer durch Migration vielfältiger gewordenen Kirche kommen Menschen mit unterschiedlichen historischen Erfahrungen zusammen. Die Bedeutung des Gedenkens müsse ihnen erschlossen und sein Bezug zur Gegenwart deutlich werden. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Schuldgeschichte solle dabei zum Handeln befähigen.
Erzbischof Josef Grünwidl wünschte sich zum Abschluss, dass die Teilnehmenden die Haltung des Tages mitnehmen: offen bleiben, über den eigenen Tellerrand hinausschauen und Freude an der Auseinandersetzung haben. Manches könne auch aufregen. Manches bleibe offen. Die respektvolle Begegnung mit anderen gehöre zum Leben nach dem Evangelium. Dazu zähle wesentlich die Beschäftigung mit der jüdischen Identität Jesu.
Unter Bezug auf Papst Leo XIV. betonte Grünwidl, dass die Kenntnis der eigenen Wurzeln die christliche Identität stärke. Der Dialog helfe, Verbundenheit und Unterschiede besser zu verstehen, und fördere Offenheit gegenüber der heutigen Welt und den anderen Religionen. Grünwidl erinnerte außerdem daran, dass der von Kardinal Franz König und Kurt Schubert 1956 gegründete Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit bereits deutlich vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil entstanden war.
Besonders eindringlich war sein Appell zu einer judentumssensiblen Sprache in Verkündigung und Liturgie. Als Beispiel nannte er das Evangelium vom vergangenen Sonntag, das Gleichnis von den bösen Winzern. Die Ankündigung, der Weinberg werde den Winzern genommen, habe in der Wirkungsgeschichte des Textes christlichen Antijudaismus begünstigt.
Gerade solche Stellen müssten aufmerksam gelesen und in ihrem Zusammenhang interpretiert werden und blieben erklärungsbedürftig. Auch die Diskussion über die Matthäuspassion zu Ostern zeige, dass sich die Frage nach einem verantwortlichen Umgang mit diesen Texten angesichts des neuerlichen Antisemitismus immer wieder stelle: Welche Bilder vom Judentum haben wir selbst im Kopf?
Grünwidl ermutigte dazu, sie anzuschauen und für die eigene Verkündigung sensibel zu werden. Sich darauf einzulassen mache Freude – und vertiefe den eigenen Glauben.