Thomas von Olera ging als Bettelbruder von Tür zu Tür. Er sammelte Lebensmittel und Almosen für seine Gemeinschaft und begegnete dabei Menschen mit ihren alltäglichen Sorgen. Er hörte zu, sprach über den Glauben und ermutigte zur Versöhnung. Sein Weg führte ihn aus Norditalien nach Tirol und auch nach Wien. Obwohl er kein Priester war, wurde er für viele zum geistlichen Ratgeber.
Vom Hirten zum Ordensbruder
Tommaso Acerbis, so sein ursprünglicher Name, wuchs in einer armen bäuerlichen Familie im Bergdorf Olera auf. Als Kind arbeitete er als Schafhirte; eine Schule konnte er nicht besuchen. Mit siebzehn Jahren trat er 1580 in Verona bei den Kapuzinern ein. Erst im Kloster lernte er lesen und schreiben.
Die Brüder übertrugen ihm das Sammeln von Almosen. Dieser Dienst brachte ihn täglich mit der Bevölkerung in Kontakt. Später wirkte er auch in Vicenza, Rovereto und Padua. Als Klosterpförtner begegnete er Hilfesuchenden, denen er Nahrung und Trost anbot.
Seelsorge an der Haustür
Für Thomas wurde das Unterwegssein zu einer Form der Glaubensverkündigung. Er besuchte und tröstete Kranke, ermutigte Arme und bemühte sich, Streitende miteinander zu versöhnen. Seine Worte fanden Gehör, weil sein einfaches Leben ihnen Glaubwürdigkeit verlieh.
Sein Wirken fiel in die Zeit der Gegenreformation und des Dreißigjährigen Krieges. Er setzte sich für die Erneuerung des katholischen Glaubens ein. Dabei suchte er das persönliche Gespräch mit Menschen unterschiedlicher gesellschaftlicher Stellung.
Sein Bezug zu Wien
Auf Wunsch Erzherzog Leopolds V. kam Thomas 1619 nach Tirol. Von Innsbruck aus führten ihn seine Aufgaben auch an andere Orte. Für 1620/21 ist ein Aufenthalt in Wien überliefert.
Zu den Menschen, die er geistlich begleitete, gehörte Eva Maria Rettinger, verwitwete Gräfin von Lerchenberg. Thomas unterstützte ihren Weg zum katholischen Glauben. Sie trat später in das Benediktinerinnenkloster Nonnberg in Salzburg ein. Auch Kaiser Ferdinand II. schätzte den Kapuziner als geistlichen Ratgeber.
Gebet als Quelle seines Dienstes
Thomas hielt seine Erfahrungen im Glauben schriftlich fest. Seine geistlichen Texte wurden nach seinem Tod unter dem Titel „Fuoco d’Amore“ – „Feuer der Liebe“ – veröffentlicht. Im Mittelpunkt seiner Betrachtungen stand die Liebe Christi, besonders sichtbar in dessen Leiden und Hingabe.
Für ihn gehörten das Gebet und die Zuwendung zum Mitmenschen zusammen. Die Betrachtung Christi bestärkte ihn darin, anderen mit Geduld und Barmherzigkeit zu begegnen. In Tirol blieb er als „Bruder von Tirol“ in Erinnerung.
Tod und Seligsprechung
Thomas starb am 3. Mai 1631 in Innsbruck. Sein Grab befindet sich in der dortigen Kapuzinerkirche. Am 21. September 2013 wurde er in Bergamo seliggesprochen. Papst Franziskus würdigte ihn als Zeugen der Demut und der Liebe Christi.
Sein Leben lenkt den Blick auf die Möglichkeiten des Alltags: zuhören, einen Kranken besuchen, Hilfe teilen oder einen ersten Schritt zur Versöhnung tun. Thomas fand in solchen Begegnungen seinen Weg, das Evangelium weiterzugeben.