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Gediminas Dundulis
16.10.2026

Schönborn: Frühes Christentum als Orientierung im demografischen Wandel

Kardinal bei Symposium in Trumau: Wertschätzung von Frauen, Schutz der Kinder und gelebter Glaube als prägende Kräfte. Kirche soll einsamen und ungewollt kinderlosen Menschen mit Mitgefühl begegnen

Kardinal Christoph Schönborn hat dafür plädiert, angesichts des demografischen Wandels aus den Erfahrungen des frühen Christentums zu lernen. Die Wertschätzung von Frauen, der Schutz des Lebens von Kindern und die Bedeutung der Ehe hätten wesentlich zur Ausbreitung des christlichen Glaubens beigetragen, erklärte er am Freitag bei einem internationalen Symposium an der Katholischen Hochschule ITI in Trumau. Auch unter den Bedingungen einer säkularisierten Gesellschaft könne gelebter Glaube Menschen gewinnen und Gemeinschaft stärken.Im Gespräch über seine Erfahrungen mit dem demografischen Wandel verwies Schönborn auf Rodney Starks Buch „The Rise of Christianity“.

 

In der antiken Gesellschaft habe das Christentum Frauen eine besondere Wertschätzung entgegengebracht und die damals verbreitete Tötung von Neugeborenen abgelehnt. Viele Frauen hätten den Glauben angenommen und auch ihre Männer dafür gewonnen. Wesentliche Elemente dieser Haltung habe später Johannes Paul II. mit seinem Einsatz für die Würde der Frau und den Schutz des Lebens hervorgehoben.

 

Familie als tragfähiges Netz

 

Als weiteres Plädoyer für die Familie empfahl Schönborn Frank Schirrmachers Buch „Minimum“. Darin werde familiärer Zusammenhalt als entscheidende Hilfe in Krisen beschrieben. Der Kardinal verwies auf die im Buch geschilderte Geschichte einer im 19. Jahrhundert in den amerikanischen Bergen eingeschlossenen Siedlergruppe. Familien hätten unter diesen extremen Bedingungen besondere Überlebenskraft bewiesen.

 

Mut zur Elternschaft entstehe vor allem durch das Beispiel anderer Familien, so Schönborn. Er berichtete von jungen Paaren, die durch solche Begegnungen selbst zur Familiengründung ermutigt worden seien. „Das wichtigste Element war immer das Zeugnis des Lebens.“

 

Keine Angst vor der Minderheit

 

Unter Berufung auf Joseph Ratzinger betonte Schönborn, Christen müssten sich nicht davor fürchten, eine Minderheit zu werden. Durch ihren Glauben und ihre Familien könnten sie weiterhin Leben in die Gesellschaft einbringen. Auch eine säkularisierte Umgebung biete die Möglichkeit, Jesus und das Evangelium als etwas Neues und Unerwartetes zu entdecken.

Die gesellschaftlichen Entwicklungen erforderten einen realistischen Blick und eine genaue Kenntnis der Fakten. Zugleich gelte es, auf die erneuernde Kraft des Evangeliums zu vertrauen. „Der Glaube ist schöpferisch“, erklärte Schönborn. Die Inspiration des Heiligen Geistes finde immer wieder neue, konkrete Wege.

 

Mitgefühl als pastoraler Maßstab

 

Für die Begleitung einsamer Menschen und ungewollt kinderloser Paare nannte der Kardinal das Mitgefühl Jesu als entscheidenden Maßstab. Menschen vorschnell danach zu beurteilen, weshalb sie nicht geheiratet hätten, werde ihrer Situation nicht gerecht. „Wenn wir Mitgefühl haben, werden wir den richtigen Weg finden.“ Pastorale Programme blieben wirkungslos, wenn Menschen fehlten, die sich anderen mit dem Herzen Jesu zuwendeten. Schönborn würdigte die Initiativen der Caritas gegen Einsamkeit und erinnerte daran, dass zahlreiche soziale Einrichtungen der Kirche aus gelebtem Glauben entstanden seien. „Das Evangelium ist das Programm“, betonte er.

 

Kugler: Einsamkeit als pastorale Herausforderung

 

Die Nationalratsabgeordnete Gudrun Kugler bezeichnete die „Epidemie der Einsamkeit“ als pastorale Chance für die Kirche. „Einsamkeitsbekämpfung ist eine neue Option für die Armen“, erklärte die Vizepräsidentin der Parlamentarischen Versammlung der OSZE und deren Sonderbeauftragte für demografischen Wandel und Sicherheit. Gefragt seien Gemeinschaft, Zuwendung und Orte, an denen Menschen willkommen sind. Zugleich müsse die Kirche für Ehe und Familie eintreten und Familienfreundlichkeit in ihren Angeboten verwirklichen. Auch die Politik sei gefordert, unterstützende Rahmenbedingungen zu schaffen.

 

Demografische Zukunft aktiv gestalten

 

Aleš Primc, Leiter des slowenischen Instituts für Demografie, sprach sich für eine langfristige Demografiepolitik aus. Diese dürfe nicht erst einsetzen, wenn Arbeitskräfte fehlten oder Regionen verödeten. Sie müsse über Wahlperioden hinausreichen und Menschen ermöglichen, ihren Wunsch nach Familie und Kindern zu verwirklichen. Neben staatlichen Rahmenbedingungen brauche es Vertrauen, tragfähige Beziehungen und lebendige Gemeinschaften. Dazu leisteten die Kirchen einen wesentlichen Beitrag.

 

Der kroatische Staatssekretär Mladen Barać bezeichnete die starke Abwanderung als eine zentrale demografische Herausforderung seines Landes. Ziel sei es, Kroatien für Familien attraktiver zu machen und Menschen aus der Diaspora zur Rückkehr zu bewegen. Dabei sei die Zusammenarbeit mit der Kirche und anderen Gemeinschaften wesentlich, um Verbundenheit zu erhalten und Rückkehrer zu unterstützen. Im vergangenen Jahr seien erstmals mehr Menschen zurückgekehrt als ausgewandert, berichtete Barać.

 

Der nordmazedonische Demografiekoordinator Vlatko Gjorchev forderte, die gesamte Gesellschaft für die Folgen des Bevölkerungsrückgangs zu sensibilisieren. Dieser führe zu Schulschließungen, verödenden Dörfern und schrumpfenden Städten und schwäche durch weniger Arbeitskräfte und Konsumenten auch die Wirtschaft. Die Kirchen seien durch kleiner werdende Gemeinden und weniger geistliche Berufungen unmittelbar betroffen. Zugleich müssten sie auf die zunehmende Einsamkeit unter Erwachsenen und Kindern antworten. Mit ihrer zeitlosen Botschaft über Ehe, Kinder und Elternschaft könne die Kirche junge Menschen zur Familiengründung ermutigen und ihnen darin Berufung und Sinn erschließen.

 

Zehn Jahre „Amoris laetitia“

 

Anlass des zweitägigen Symposiums sind das zehnjährige Bestehen des päpstlichen Schreibens „Amoris laetitia“ über die Liebe in der Familie und das dreißigjährige Bestehen des ITI. Die englischsprachige Tagung bringt Vertreter aus Politik, Wissenschaft und Kirche mit Verantwortlichen der Familienpastoral und katholischer Verbände zusammen. Ziel ist es, Antworten auf sinkende Geburtenraten und deren gesellschaftliche und pastorale Folgen zu entwickeln.

Schönborn erinnerte an den Gründungsauftrag der Hochschule. Johannes Paul II. habe Österreich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ermutigt, eine Brücke zwischen Ost und West zu schlagen und sich der Lehre über Ehe und Familie zu widmen. Für Freitagabend ist die Vorführung von Stephen Shaws Dokumentarfilm „Birthgap“ mit anschließender Diskussion vorgesehen.

 

Fortsetzung am Samstag

 

Am Samstag spricht der Wiener Evolutionsdemograf Martin Fieder über Einflussfaktoren auf Geburtenraten. Der frühere niederländische Parlamentarier Pieter Omtzigt behandelt Politik, Demografie und persönliche Entscheidungen. Der Londoner Bioethiker Anthony McCarthy widmet sich ethischen Fragen der Bevölkerungsentwicklung.

Am Nachmittag diskutieren Verantwortliche katholischer Familienbüros und Verbände unter der Moderation von Sabrina Montanari über pastorale Antworten. Zum Abschluss sollen Gintautas Vaitoska und Martin Kugler die Ergebnisse zusammenfassen und ein gemeinsames Schlussstatement vorstellen. Die Tagung endet mit einer Messe. Die auf Initiative von Papst Johannes Paul II. entstandene Katholische Hochschule ITI ist seit 2009 in Trumau beheimatet. Zu ihren Schwerpunkten zählen das Studium von Ehe und Familie sowie der Austausch zwischen östlicher und westlicher Kirchentradition. Sie verbindet wissenschaftliche Ausbildung mit geistlichem Gemeinschaftsleben.