135 asymmetrisch aufeinandergeschichtete Betonblöcke machen die Wotrubakirche zu einem der markantesten Sakralbauten Wiens. Die Kirche zur Heiligsten Dreifaltigkeit auf dem Georgenberg in Wien-Mauer entstand nach einem Entwurf des Bildhauers Fritz Wotruba, umgesetzt vom Architekten Fritz Gerhard Mayr. Am 24. Oktober 1976 weihte Erzbischof-Koadjutor Franz Jachym das Gotteshaus; anschließend feierte Kardinal Franz König die erste heilige Messe. Am 18. Sonntag, den 18. Oktober feierte die Gemeinde das 50-Jahr-Jubiläum der Wotrubakirche. Für Erzbischof Josef Grünwidl bot der ungewöhnliche Bau Anlass, über die Gestalt der Kirche nachzudenken und darüber, was ihren Auftrag heute ausmacht.
Am Tagesevangelium von der Steuermünze erläuterte Grünwidl, wie Glaube und politische Verantwortung zusammengehören. Jesus verweist auf das Bild des Kaisers auf der Münze und erkennt damit die staatsbürgerlichen Pflichten an. Der Mensch aber trägt nach biblischem Verständnis das Bild Gottes. Gott gerecht zu werden, verlangt deshalb mehr als die Erfüllung staatlicher Pflichten. Grünwidl wandte sich gegen eine Auslegung, die Glaube und Politik voneinander abschottet. Sie habe dazu beigetragen, dass Christen lange vor allem um ihr eigenes Seelenheil bemüht waren und sich zu wenig den Herausforderungen ihrer Zeit stellten. Zugleich erinnerte er an die gegenteilige Fehlentwicklung: Kirchenvertreter übten selbst politische Herrschaft aus. Politiker umgaben und umgeben sich mit religiöser Autorität und missbrauchen Religion für ihre Zwecke. Wo Kirche oder Politik das Ganze für sich beanspruchen, werde ihr Anspruch totalitär. Die Trennung von Kirche und Staat ist für Grünwidl daher heilsam, solange beide aufeinander bezogen bleiben. Kirchliches und gesellschaftliches Leben lassen sich nicht auf getrennte Welten verteilen. Die Unterscheidung ihrer Aufgaben entlässt Christen nicht aus der Verantwortung für die gemeinsame Welt.
An der Wotrubakirche lässt sich, so der Erzbischof, die Verbundenheit von Kirche und Welt anschaulich machen. Ihre Fenster öffnen den Raum nach außen. Was Menschen bewegt, darf hereinkommen: Freude und Hoffnung ebenso wie Sorgen, Leid und ungelöste Fragen. All das hat Platz in der Feier der Eucharistie. Die Bewegung geht aber auch in die andere Richtung. Eine Gemeinde soll etwas ausstrahlen. Josef Grünwidl verband damit das Gebet und den Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung. Wer hier Gottesdienst feiert, bleibe mit Menschen jenseits der eigenen Gemeinde verbunden. Der gestrige Sonntag der Weltkirche weitet diesen Blick in die selbe Richtung: Die österreichische Erfahrung einer kleiner werdenden Kirche ist nur ein Ausschnitt aus einer weltweiten Gemeinschaft. So stehen die Fenster für beides – für die Aufmerksamkeit gegenüber dem Leben draußen und für den Auftrag, aus dem Glauben heraus in dieses Leben hineinzuwirken.
Heute, so der Erzbischof weiter, lösen moderne Kirchenbauten kaum noch jene Aufregung aus, die Wotrubas Entwurf einst begleitete. Dafür verunsichert viele Gläubige eine andere Veränderung: Die Kirche wird kleiner. Personal und finanzielle Mittel gehen zurück. Ihre Stimme findet in der Öffentlichkeit weniger Gehör, ihre Stellungnahmen haben nicht mehr das selbstverständliche Gewicht früherer Jahrzehnte. Macht und Einfluss schwinden. Das vertraute Bild einer Kirche, die überall im Land präsent ist und das gesellschaftliche Leben prägt, löst sich auf. Das kann entmutigen. Zugleich wies der Erzbischof darauf hin, worauf Kirche ihre Zuversicht gründet. Entscheidend sind Menschen, deren Glaube im Leben erkennbar wird: in ihrer Verlässlichkeit, ihrer Zuwendung und ihrer Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Gesellschaftliche Mehrheiten, Geld und Macht gehören nach seiner Darstellung nicht zu den Zusagen Jesu. Der Auftrag, Salz und Licht für die Welt zu sein, bleibt.
Darin liegt seine Vision für den Weg in die Zukunft. Gemeinden können im Glauben wachsen und enger zusammenfinden, selbst wenn ihre Mitgliederzahlen nicht steigen. Dafür braucht es Menschen, die gemeinsam handeln und einander tragen. Die Aufmerksamkeit richtet sich damit auf das, was vor Ort möglich ist – und auf die Frage, wie das Evangelium im Leben einer Gemeinde erfahrbar wird.
Die Betonblöcke der Wotrubakirche erzählen für Grünwidl von einer weiteren Spannung. Sie geben Halt und vermitteln zugleich den Eindruck von Umbruch. Bewahren und Verändern gehören hier sichtbar zusammen. Das hat mit der Entstehungszeit des Baus zu tun. 1968, wenige Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, stellte Fritz Wotruba sein Kirchenmodell vor. In einer Zeit kirchlichen Aufbruchs suchte er eine neue Form für einen über Jahrhunderte weitergegebenen Glauben. Auch heute lässt sich die Spannung zwischen Tradition und Reform nicht einfach auflösen. Wer sich ausschließlich auf eine Seite stellt, gibt nach Grünwidls Überlegungen Wesentliches auf. Die Verwurzelung im Glauben kann vielmehr den Mut geben, auf veränderte Lebensbedingungen einzugehen. Weiterzugeben ist das Feuer des Evangeliums. Welche Formen ihm dienen, muss immer wieder neu bedacht werden. Dass die Wotrubakirche überhaupt entstehen konnte, verdankt sie wesentlich der Initiative Margarethe Ottillingers. Die Beamtin und OMV-Managerin sicherte die Finanzierung und hielt trotz erheblicher Widerstände an Wotrubas Entwurf und den Plänen des Architekten Fritz Gerhard Mayr fest. Von der Idee bis zur Fertigstellung vergingen zwölf Jahre. Wotruba starb 1975. Die Weihe erlebte er somit nicht mehr. Am 24. Oktober 1976 weihte Erzbischof-Koadjutor Franz Jachym die Kirche. Anschließend feierte Kardinal Franz König die erste heilige Messe. Vertreter aus Kirche, Kunst, Politik, Kultur und Wirtschaft nahmen teil – ein öffentliches Ereignis, das auch von der damaligen Stellung der Kirche erzählt. 2018/2019 wurde das Gebäude um einen Zubau mit barrierefreiem Zugang zur Ober- und Unterkirche ergänzt. Zum Jubiläum dankte Grünwidl allen, die sich am Georgenberg engagieren. Sein Wunsch für die Zukunft führt Architektur und Gemeindeleben zusammen: Dieses Gotteshaus kein Museum werden sondern Menschen aufrütteln und zum Nachdenken bringen.
Die Gemeinde an der Wotrubakirche entstand im Umfeld des Zweiten Vatikanischen Konzils. Gemeinsames Glaubensleben, geteilte Verantwortung und Offenheit für neue Ideen hätten sie von Anfang an geprägt, berichtet Diakon Hubert Kaindl. Er engagiert sich seit den Anfängen am Georgenberg – ebenfalls seit 50 Jahren. Heute beschäftigt die Gemeinde besonders, wie jüngere Menschen ihren Platz finden können. Kaindl setzt darauf, die Freude am gemeinsamen Gestalten von Kirche neu zu wecken. Junge Menschen sollen Raum für eigene Ideen bekommen und selbst Verantwortung übernehmen können.
Die Wotrubakirche gehört als Rektoratskirche zur Pfarre Mauer.