Wer im Stephansdom vor dem Gnadenbild von Maria Pócs stehen bleibt, begegnet einem Stück ostkirchlicher Tradition mitten in Wien. Die Ikone stammt aus einer griechisch-katholischen Kirche im heutigen ungarischen Máriapócs und wird seit 1697 im Dom verehrt. Maria trägt das Jesuskind auf dem Arm und weist mit ihrer Hand auf ihren Sohn. Diese einfache Geste sagt viel über das Bild – und ebenso über den Akathistos, der bei der diesjährigen Feier erklingen wird: Maria führt zu Christus.
Am Samstag, dem 7. November 2026, um 19.30 Uhr, steht dieser Hymnus im Mittelpunkt eines Friedensgebets mit anschließender Lichterprozession um den Dom. Die Feier gehört zum Festwochenende am 7. und 8. November, das an das erste überlieferte Tränenwunder der Ikone vor 330 Jahren erinnert. Zugleich erinnert das Jahr 2026 an ein Ereignis, das die Geschichte des Akathistos geprägt hat: die Rettung Konstantinopels vor einer Belagerung im Jahr 626.
Der Name „Akathistos“ bedeutet „nicht sitzend“. Gemeint ist ein Hymnus, den die Gemeinde im Stehen singt und hört. Die kirchliche Überlieferung verbindet ihn mit einer nächtlichen Dankfeier nach dem Ende der Belagerung Konstantinopels durch Awaren und Slawen, die mit den Persern verbündet waren. Die Menschen sahen in der Rettung ihrer Stadt den Schutz der Gottesmutter. Doch der Hymnus wurde wahrscheinlich schon vor diesem Ereignis gesungen. Darauf wies der Wiener orthodoxe Theologe Prof. Ioan Moga bei einem ökumenischen Symposion am 6. Oktober 2026 im Wiener Curhaus hin. Das Jubiläum „1.400 Jahre Akathistos“ erinnert also vor allem an einen besonderen Moment seiner Wirkungsgeschichte. Wann genau der Text entstand und wer ihn verfasste, lässt sich bisher nicht sicher sagen. Die alten Handschriften überliefern ihn ohne Verfassernamen. Später wurden unter anderem Romanos der Melode, Patriarch Sergios und Georgios von Pisidien als mögliche Autoren genannt. Moga stellte Forschungen vor, die für eine Entstehung bereits im fünften Jahrhundert sprechen. Die finnische Byzantinistin Leena Mari Peltomaa setzt den Hymnus zwischen den Konzilien von Ephesus 431 und Chalkedon 451 an. Andere Forschende halten eine spätere Entstehung, etwa im frühen sechsten Jahrhundert, für wahrscheinlicher. Die Datierung bleibt offen. Unbestritten sind das hohe Alter und der besondere Rang dieser Dichtung.
Der Akathistos besteht aus 24 Strophen. Ihre Anfangsbuchstaben folgen im griechischen Original dem Alphabet. Längere Strophen mit einer Reihe von „Freue dich“-Rufen wechseln mit kürzeren ab, die in ein „Halleluja“ münden. Die erste Hälfte erzählt von der Verkündigung an Maria, ihrem Besuch bei Elisabeth, von Josefs Fragen, der Geburt Jesu, den Hirten und den Weisen. Auch die Flucht nach Ägypten und die Begegnung mit Simeon gehören dazu. Die zweite Hälfte verweilt stärker bei der Bedeutung dieser Ereignisse: Was heißt es für die Menschen, dass Gott selbst Mensch geworden ist? Und welche Rolle hat Maria dabei? Das wiederkehrende „Freue dich“ – griechisch Χαῖρε (chaire) – nimmt den Gruß auf, mit dem der Engel Gabriel Maria im Lukasevangelium anspricht (Lk 1,28). Im Lateinischen wird er schlicht mit Ave wiedergegeben, vertraut aus dem „Ave Maria“. Der griechische Gruß lässt die Freude unmittelbar anklingen: Im Akathistos wird er immer neu aufgenommen und entfaltet. Wer mitsingt, stimmt in den Gruß des Engels ein und lässt sich in die Freude über Gottes Kommen hineinnehmen.
Der Hymnus spricht dabei in Bildern, die im Gedächtnis bleiben. Maria wird als Brücke und als Leiter angesprochen, als Wohnung Gottes und als Morgenlicht. Einige besonders eindrückliche Stellen lauten – hier in sinngemäßer deutscher Wiedergabe; die Übersetzungen unterscheiden sich im Wortlaut:
Freue dich, durch die die Freude aufstrahlt.
Freue dich, durch die der Fluch vergeht.
Freue dich, himmlische Leiter, auf der Gott herabstieg.
Freue dich, Brücke, die die Menschen zum Himmel führt.
Freue dich, denn du trägst den, der alles trägt.
Freue dich, Morgenröte des geheimnisvollen Tages.
In diesen wenigen Zeilen wird der Grundton des ganzen Hymnus hörbar. Gott kommt den Menschen entgegen. Er lässt sich von Maria tragen, obwohl er selbst die ganze Schöpfung trägt. Himmel und Erde finden zueinander. Das „Freue dich“ gilt Maria und lässt zugleich die Hoffnung anklingen, die mit der Geburt Christi allen Menschen geschenkt wird.
So reich der Akathistos Maria besingt: Im Mittelpunkt steht das Geheimnis der Menschwerdung. Das zeigt schon ihr wichtigster ostkirchlicher Ehrentitel: Gottesgebärerin – griechisch Theotokos (Θεοτόκος), kirchenslawisch Bogorodica (Богородица). Er sagt etwas Entscheidendes über Jesus aus: Der von Maria geborene Mensch ist der Sohn Gottes.
Maria wird deshalb immer in ihrer Beziehung zu Christus betrachtet. Ihr Lob erzählt davon, was Gott an ihr und durch sie getan hat. Sie hat seinem Wort vertraut und ihn in ihr Leben aufgenommen.
Moga machte beim Wiener Symposion auf diese Verbindung aufmerksam: Der Akathistos bringt die Glaubenslehre ins Gebet. Was die Kirche über Christus bekennt, wird hier gesungen, betrachtet und gefeiert. Seine sorgfältig durchdachte Theologie verliert dabei nichts von ihrer Tiefe. Sie findet eine Sprache, an der viele Menschen teilhaben können. Darin liegt auch seine geistliche Kraft. Die Wiederholungen helfen, zur Ruhe zu kommen und bei einem Gedanken zu bleiben. Man muss nicht jedes Bild sofort entschlüsseln. Oft genügt es zunächst, zuzuhören und sich von einer Zeile ansprechen zu lassen. Auch das Stehen gehört dazu: als Zeichen der Ehrfurcht, der Aufmerksamkeit und der Bereitschaft, Gott zu begegnen. Moga betonte, dass der Hymnus eine lebendige Begegnung sucht. Maria wird als Fürsprecherin angesprochen, der Menschen ihre Sorgen und ihre Dankbarkeit anvertrauen.
In der Ostkirche zu Hause, im Westen geschätzt In den orthodoxen Kirchen und den katholischen Kirchen byzantinischer Tradition hat der Akathistos bis heute einen festen Platz. Besonders eng ist er mit der Großen Fastenzeit verbunden. Der fünfte Fastensamstag ist seinem Gedächtnis gewidmet; vielerorts werden schon an den vorausgehenden Freitagabenden einzelne Abschnitte gesungen. Auch außerhalb dieser Zeit beten ihn Menschen zu Hause oder in der Kirche – als Dank, als Bitte und gerade auch in schwierigen Lebenssituationen.
Im lateinischen Westen ist der Hymnus ebenfalls seit langer Zeit bekannt. Bereits um das Jahr 800 wurde er ins Lateinische übersetzt. Heute begegnet er unter anderem bei Marienandachten und ökumenischen Gebeten. Papst Johannes Paul II. stand am 8. Dezember 2000 in der römischen Basilika Santa Maria Maggiore einer Akathistos-Feier vor und betonte dabei, wie sehr dieser Gesang auf Christus ausgerichtet ist. Für die Begegnung zwischen Ost- und Westkirche ist der Hymnus besonders wertvoll. Er stammt aus der alten Kirche und damit aus einer Zeit vor ihrer Trennung. Orthodoxe und katholische Christen finden darin ein gemeinsames Erbe. Christen anderer Traditionen können durch ihn den biblischen und christologischen Hintergrund ostkirchlicher Marienverehrung kennenlernen. Der Akathistos hat außerdem die kirchliche Kunst geprägt. Seit dem frühen 14. Jahrhundert entstanden eigene Bilderfolgen zu seinen 24 Strophen. Wie Moga erläuterte, erzählen sie zunächst die Ereignisse rund um die Geburt Jesu und greifen dann die Sinnbilder des Hymnus auf. Ein vollständiger Zyklus ist auch in Wien zu sehen: in der Chrysostomos-Kapelle der deutschsprachigen orthodoxen Gemeinde am Hafnersteig.
Bei der Feier im Stephansdom kommen Bild und Gesang zusammen. Die Ikone zeigt Maria, die auf Christus weist. Der Hymnus besingt dieselbe Beziehung in Worten. Beide laden dazu ein, mit den eigenen Fragen und Hoffnungen vor Gott zu treten. Dass der Akathistos mit der Erinnerung an eine bedrohte Stadt verbunden ist, gibt dem Friedensgebet einen besonderen Hintergrund. Angst vor Krieg, die Sorge um Angehörige und die Sehnsucht nach Schutz sind auch heute vielen Menschen vertraut. Im gemeinsamen Gebet haben diese Erfahrungen Platz.
So kann der alte Hymnus am 7. November im Stephansdom sehr zeitgenössisch werden. Sein „Freue dich“ erklingt mitten in den Sorgen der Menschen und hält eine Hoffnung wach: Gott ist uns in Christus nahegekommen. Maria, die ihn auf dem Arm trägt, weist auf ihn hin.