Am Anfang steht eine kleine Dorfkirche. In Pócs, im heutigen Nordostungarn, bemerkten Gläubige am 4. November 1696 Tränen an einer Marienikone. Das Bild zeigte die Gottesmutter mit dem Jesuskind auf dem Arm. Nach den überlieferten Zeugnissen wiederholte sich der Tränenfluss in den folgenden Wochen. Die Nachricht verbreitete sich, Menschen kamen zum Gebet, kirchliche Untersuchungen erkannten das Geschehen als Wunder an. Was sich damals materiell am Bild ereignete, lässt sich aus heutiger Distanz nur schwer erklären. Die Geschichte ist in den Zeugnissen ihrer Zeit überliefert. Sich nur skeptisch lächelnd "zurückzulehnen" wird der Wirkungsgeschichte dieser "wundertätigen Ikone" nicht gerecht. Denn letztere läst sich gut dokumentieren: Menschen sahen in den Tränen ein Zeichen dafür, dass ihre Not im Himmel wahrgenommen wurde. Bis heute kommen täglich zahreiche Menschen in den Stephansdom, um vor diesen enfachen Ikone zu beten.
Schon bald nach den wundersamen Ereignissen erreichte die Nachricht den Wiener Hof. Kaiser Leopold I. ließ die Ikone 1697 in die Hauptstadt bringen. Nach Aufenthalten in mehreren Wiener Kirchen fand sie am 1. Dezember ihren Platz im Stephansdom. Dort wurde die „Weinende Madonna von Pötsch“, wie sie im Deutschen genannt wird, zum Mittelpunkt einer lebendigen Frömmigkeit. Menschen suchten vor ihr Trost, baten um Heilung und vertrauten ihr ihre Sorgen an. Mit der Übertragung veränderte sich auch der öffentliche Sinn des Bildes. Aus der Ikone einer griechisch-katholischen Dorfkirche war ein Gnadenbild im Zentrum der habsburgischen Herrschaft geworden. Die Verehrung verband sich mit den politischen Hoffnungen der Zeit. Der Sieg Prinz Eugens über das osmanische Heer bei Zenta im September 1697 wurde als Erhörung der Gebete und als Wirkung der Fürbitte Mariens verstanden.
Hier zeigt sich eine Spannung, die zur Geschichte des Bildes gehört: Die weinende Mutter wurde zur Helferin im Krieg. Ihre Tränen gingen in die Erzählung vom eigenen Sieg ein.
Während das Original in Wien blieb, erhielt Pócs eine Zweite Ikone, die sich am Original orientiert. Auch von ihr wurden Tränenwunder berichtet, 1715 und zuletzt 1905. Beim Wiener Original wurde hingegen kein weiterer Tränenfluss überliefert. Am Herkunftsort wuchs eine eigene, bis heute lebendige Wallfahrtstradition. Máriapócs wurde zu einem bedeutenden geistlichen Zentrum der griechisch-katholischen Kirche aus dem Einzugsgebiet der Eparchie von Mukatschewo (heute in der Westukraine).
Diese doppelte Geschichte verdient Aufmerksamkeit. Die Menschen in Pócs hatten ihr Bild verloren, doch ihr Gebet ging weiter. Theologisch lässt sich darin ein Hinweis auf die Unverfügbarkeit der Gnade erkennen. Ein Herrscher konnte eine Ikone in seine Hauptstadt bringen. Gottes Nähe ließ sich damit nicht an den Hof oder an einen einzigen Ort binden.
Für eine heutige Annäherung führt der Weg jedoch zunächst zu den Tränen. Tränen unterbrechen den gewohnten Lauf der Dinge. Sie machen sichtbar, dass etwas schmerzt, dass eine Beziehung verletzt ist oder ein Verlust das Leben verändert hat. Oft kommen sie, wenn Worte nicht mehr reichen oder nützen. Ein weinendes Marienbild kann deshalb einen Raum öffnen, in dem Menschen ihren eigenen Schmerz wahrnehmen. Das jsteht in guter biblischer Tradition. Die Psalmen geben der Klage eine Sprache. Die Klagelieder des Propheten Jeremija. Jesus weint am Grab seines Freundes Lazarus und über Jerusalem. Maria bleibt unter dem Kreuz ihres Sohnes. Wer glaubt, muss Trauer und Erschütterung nicht verbergen. Auch die unbeantwortete Frage, auch das Schweigen können Gebet sein.
Auf diesem Horizont lassen sich die Tränen von Pócs als Zeichen von Gottes Nähe deuten, die das Leid aushalten hilft. Sie geben keine Erklärung dafür, warum ein Kind stirbt, warum Krieg Menschen entwurzelt oder eine Krankheit ein Leben zugrunde richtet. Sie können aber die Hoffnung tragen, dass niemand mit diesem Schmerz aus Gottes Aufmerksamkeit fällt.
Dabei ist Zurückhaltung nötig. Wer behauptet, genau zu wissen, weshalb Maria weint, überschreitet die ihm gesetzten Grenzen von Raum und Zeit. Ein Zeichen des Mitgefühls wird dann schnell zur Anklage. Die rechte Haltung besteht wohl in Frgaen: Welches Leid übersehe ich? Welche Klage ist mir lästig? Wo habe ich mich an das Unglück anderer gewöhnt?
So verändert sich auch der Blick auf die angeblliche militärische "Erfolgsgeschichte" der Ikone. Die Erleichterung der damaligen Menschen über einen Sieg lässt sich historisch verstehen. DieGleichsetzung von militärischem Sieg und göttlicher Zustimmung ist allerdings problematisch. Auf beiden Seiten sterben Menschen. Auf beiden Seiten fließnen Tränen.
Eine heutige Betrachtung der weinenden Gottesmutter muss deshalb auch jene einschließen, die in den alten Siegeserzählungen übersehen werden. Die Mutter Jesu steht unter dem Kreuz. Von dort aus richtet sich der Blick auf Verwundete, Verlassene und Getötete. Ihre Tränen fordern eine Erinnerung, die über die Grenzen der eigenen Gemeinschaft hinausreicht. Damit gewinnt die alte Frömmigkeit eine neue Richtung. Vor einem Gnadenbild zu beten kann helfen, die eigene Hilflosigkeit auszusprechen. Zugleich fragt das Gebet danach, was im eigenen Vermögen liegt: einen Trauernden besuchen, einer erschöpften Angehörigen zuhören, einem Geflüchteten beistehen, verletzende Worte zurücknehmen oder eine längst fällige Versöhnung angehen.
An solchen Früchten muss sich auch die Frömmigkeit um ein Wunder messen lassen. Führt sie zu Aufmerksamkeit und Barmherzigkeit? Hilft sie Menschen, Verantwortung zu übernehmen?
Die Ikone selbst gibt dafür eine Richtung vor. Sie gehört zum Typus der Hodegetria, der Wegweiserin. Maria trägt das Kind und weist auf Christus. Ihre Geste führt zu dem, der sich Menschen zuwendet, Kranke berührt, mit Trauernden weint und Gewalt erleidet. In seiner Auferstehung gründet die Hoffnung, dass Leid und Tod die Geschichte der Menschen nicht endgültig bestimmen.
Die biblische Verheißung, Gott werde alle Tränen abwischen, spricht von dieser Hoffnung. Sie vertröstet die Weinenden nicht auf eine ferne Zukunft.
So könnte die Geschichte von Maria Pócs gegenwärtig werden. Die Tränen am Bild lenken den Blick auf die Tränen der Menschen. Vor der Ikone darf ein Mensch mit seiner Not bleiben. Wer von dort aufbricht, nimmt vielleicht einen aufmerksameren Blick mit und den Mut, dort Nähe zu schenken, wo jemand auf Trost wartet.