Mittwoch 4. November 2026

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Mechaye Hametim; Kerzen beim Mahnmal f. d. Holocaust / Shoa. Wien, 9.11.2005 Gedenken Bild Copyright: © Rupprecht@kathbild.at, Franz Josef Rupprecht
04.11.2026

"Mechaye Hametim": Gedenken an Novemberpogrome vor 88 Jahren

Zentraler Gottesdienst am 9. November in Wiener Ruprechtskirche - Gottesdienste, Vorträge, kulturelle Veranstaltungen und Gedenkspaziergänge thematisieren nationalsozialistische Novemberpogrome 1938 und fragen nach einer angemessenen Gedenkkultur im 21. Jahrhundert

Zum Gedenken an die Opfer der nationalsozialistischen Novemberpogrome des Jahres 1938 gegen die jüdische Bevölkerung in Wien veranstalten auch heuer wieder mehrere christliche und jüdische Organisationen gemeinsam die "Bedenktage"-Reihe "Mechaye Hametim - Der die Toten auferweckt". Hauptveranstaltung ist wie jedes Jahr der ökumenische Gottesdienst am 9. November, dem Jahrestag der Novemberpogrome, in der Wiener Ruprechtskirche (1010 Wien, Ruprechtsplatz 1). Bei der Feier um 19 Uhr wird die Wiener evangelische Religionspädagogin Julia Sylle Worte des Gedenkens sprechen. An den Gottesdienst schließt sich traditionell auch ein Schweigegang zum Mahnmal am Judenplatz an. Einen Gedenkmarsch veranstaltet am 9. November auch die katholische Pfarre St. Othmar unter den Weißgerbern im dritten Wiener Gemeindebezirk. Treffpunkt ist um 19:00 Uhr vor dem Pfarrhof (1030 Wien, Kolonitzplatz). Von dort führt der Gedenkzug zum Standort der ehemaligen Vereinssynagoge Beth Hachneseth in der Unteren Viaduktgasse und zur Gedenkstätte der Wiener Gesera im Jahr 1420 beim Donaukanal).


Heuer jähren sich die Gräuel der Novemberpogrome 1938 zum 88. Mal. In der Nacht vom 9. auf 10. November 1938 wurden im gesamten deutschen Machtbereich Synagogen in Brand gesteckt, jüdische Geschäfte sowie Wohnungen zerstört und verwüstet. Zahlreiche Juden wurden bei den Pogromen getötet oder verletzt. Allein in Wien wurden im Zuge des Furors insgesamt 42 Synagogen und Bethäuser und damit alle außer dem Stadttempel in der Innenstadt zerstört. 6.547 Wiener Juden kamen in Haft, knapp unter 4.000 davon wurden in das Konzentrationslager Dachau verschleppt.

Zum 40. Mal erinnert heuer die Gemeinde St. Ruprecht in Kooperation mit anderen Institutionen an diese Ereignisse und die Schoa - im Wissen um die Mitverantwortung von Christinnen und Christen.


Vielfältiges Programm

Anlässlich des Gedenkens gibt es auch heuer wieder ein umfangreiches Programm, das bereits am Mittwoch, 28. Oktober, mit einer Buchpräsentation im Wiener Otto Mauer Zentrum (1190, Währinger Straße 2-4, 19 Uhr) beginnt. Andrea Schwab hat eine ausführliche Biografie der Wiener Komponistin, Pianistin und Liedbegleiterin Hilde Loewes verfasst. Loewe (1895-1976) wurde mit der Komposition des Wienerlieds "Das alte Lied" weltberühmt und war als Klavierbegleiterin von Raoul Aslan oder Alma Rosé auch in Österreich populär. Sie veröffentlichte ihre Werke unter dem Pseudonym Henry Love. 1934 verließ sie wegen des steigenden Antisemitismus Österreich und lebte danach bis zu ihrem Tod in Großbritannien.


Der Frage, wie man die Erinnerung an den Holocaust im 21. Jahrhundert bewahren kann, geht am Dienstag, 3. November, um 19 Uhr die jüdische Wissenschaftlerin Rivka Rosenberg vom Levinsky-Wingate College of Education in Tel Aviv in einem Vortrag im Otto Mauer Zentrum (1190, Währinger Straße 2-4) auf die Spur.


Über Chancen und Fallstricke im Dialog zwischen Judentum und Christentum diskutieren am Mittwoch, 4. November, die Präsidentin des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Prof. Regina Polak, und Jasmin Freyer von der Israelitischen Kultusgemeinde Wien. Ort des Geschehens ist wieder das Otto-Mauer-Zentrum (1190, Währinger Straße 2-4).


Jüdische Bittbriefe an Papst Pius XII.

"Jüdische Bittbriefe an Pius XII. - Die Kirche und der Holocaust" lautet der Titel einer Veranstaltung am Donnerstag, 5. November. Der deutsche Kirchenhistoriker Hubert Wolf präsentiert gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern des Wiener Schottengymnasiums sein Münsteraner Projekt "Asking the Pope for Help". Pius XII. galt vielen als der schweigende Papst, der es nicht wagte, seine Stimme gegen die Judenverfolgung zu erheben. Dennoch lagern in den vatikanischen Archiven rund 10.000 Briefe, in denen jüdische Menschen an den Vatikan geschrieben und um meist finanzielle Unterstützung für die Flucht aus Deutschland gebeten haben. Zur Veranstaltung lädt die Akademie am Dom/Theologische Kurse (Stephansplatz 3, 1010 Wien). Beginn ist um 18 Uhr.


Spaziergang, Gottesdienst, Elie Wiesel und Filmvorführung

Spuren jüdischen Lebens und dessen Vernichtung in Liesing geht ein Gedenkspaziergang am Samstag, 7. November, ab 10 Uhr nach. Treffpunkt ist bei der Gedenktafel für die Liesinger Opfer des NS-Euthanasieprogramms (Liesinger Schlosspark, Perchtoldsdorfer Straße 6, 1230 Wien).


Ebenfalls am Samstag, 7. November, lädt die Gemeinde St. Ruprecht zu einem Gottesdienst in die Ruprechtskirche (1010 Wien). Dabei geht es um die richtige Auslegung oftmals als judenfeindlich gelesener biblischer Texte.


Vermächtnis Elie Wiesels

Am Mittwoch, 11. November, gibt es an der Akademie am Dom/Theologische Kurse (Stephansplatz 3, 1010 Wien) einen Vortrag und ein Gespräch über das Vermächtnis Elie Wiesels. Dazu referiert der Tübinger Wiesel-Spezialist Prof. Reinhold Bokschi. Elie Wiesel überlebte als 16-Jähriger Auschwitz und Buchenwald. Nach der Befreiung widmete er sein Leben der Aufklärung und Erinnerung. Bokschi hat Wiesel persönlich gekannt und beschäftigt sich seit Jahrzehnten intensiv mit dessen Leben und Werk.


Film "Der Passfälscher"

Schließlich ist am Montag, 16. November, um 19.30 Uhr im Wiener Votivkino (1090 Wien, Währinger Straße 12) der Film "Der Passfälscher" (D/L 2022) zu sehen. Der Film erzählt die Geschichte von Cioma Schönhaus (1922-2015), der als Jude zunächst u. a. als Passfälscher in Berlin überlebte und sich dann, 1943, in die Schweiz durchschlug. Regisseurin Maggie Peren geht diese Geschichte nicht als Heldenepos an, sondern zeigt Cioma und seinen Freund Det als junge jüdische Männer, die in den Tag hineinleben und sich der Verfolgung fast spielerisch zu entziehen suchen. Das Leben unter diesem Regime war auch ein Leben mit heiteren bis grotesken Zügen, das Damoklesschwert der Deportation schwebte trotz allem über diese jungen Leute. Im Anschluss an den Film gibt es ein Gespräch über diese Art der "Vergangenheitsbewältigung".


"Mechaye Hametim" ist eine gemeinsame Veranstaltungsreihe der Gemeinde St. Ruprecht, Albert-Schweitzer-Haus-Forum für Zivilgesellschaft, Evangelische Hochschulgemeinde Wien, Die Furche, Forum Zeit und Glaube - Katholischer Akademiker/inneverband der Erzdiözese Wien, Katholische Aktion Öterreich, Katholische Hochschuljugend Wien, Koordinierungausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit und Theologische Kurse.