Freitag 6. November 2026

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Georg Schimmerl
06.11.2026

Die Göttliche Liturgie – dem vertrauten Geheimnis begegnen

Ikonen, Weihrauch und feierliche Gesänge prägen die byzantinische Göttliche Liturgie. Am kommenden Sonntag wird anlässlich der Máriapócsfeier im Stephansdom der Gottesdienst im byzantinischen Ritus gefeiert. Warum Sie sich das nicht entgehen lassen soll. 

Wer zum ersten Mal eine byzantinische  Liturgie mitfeiert, nimmt zunächst vielleicht das Ungewohnte wahr: die Ikonen, den reichen Gebrauch des Weihrauchs, die feierlichen Einzüge, den fast ununterbrochenen Gesang. Vieles spricht die Sinne auf eine andere Weise an, als wir es aus unseren Pfarrkirchen gewohnt sind.

 

Wer aber mit der römischen Messe vertraut ist und aufmerksam mitfeiert, wird bald entdecken: Unter dieser anderen Gestalt begegnet ihm eine zutiefst vertraute Wirklichkeit. Das Gemeinsame ist viel deutlicher erkennbar als die ästhetischen Unterschiede. Die Kirche versammelt sich vor Gott, hört sein Wort, dankt für sein Heil und empfängt Christus in der Eucharistie.

 

Einfach göttlich 

 

„Göttliche Liturgie“ bezeichnet im byzantinischen Ritus die Eucharistiefeier, die unserer heiligen Messe entspricht. Sie wird sowohl in orthodoxen als auch in katholischen Kirchen byzantinischer Tradition gefeiert. Am häufigsten begegnet uns die Liturgie des heiligen Johannes Chrysostomus, an bestimmten Tagen wird diejenige des heiligen Basilius des Großen gefeiert, deren eucharistisches Hochgebet ausführlicher ist. Beide gehören derselben liturgischen Überlieferung an und führen in dasselbe Geheimnis hinein.

Vom vertrauten römischen Ritus her lässt sich ihr Aufbau gut erschließen. Wie unsere Messe hat sie zwei große Hauptteile: den Wortgottesdienst und die Eucharistiefeier. Zuerst hört die Gemeinde auf Gottes Wort in den apostolischen Schriften und im Evangelium, dann feiert sie am Altar das Gedächtnis des Todes und der Auferstehung Christi. Das Hören und das sakramentale Empfangen gehören zusammen: Derselbe Herr, der im Evangelium zu seiner Kirche spricht, schenkt sich ihr in seinem Leib und Blut.

 

Schon die Eröffnung stellt die Feier in einen weiten Horizont: Sie beginnt mit dem Lobpreis des "Reiches des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes". Die versammelte Gemeinde tritt mit ihrem ganzen Leben vor den dreieinigen Gott. In der großen Friedenslitanei betet sie für den Frieden der Welt, die Kirche, die Stadt und das Land, für Reisende, Kranke und Notleidende. Hier erkennen wir das Anliegen unserer Fürbitten wieder. Auch der immer wiederkehrende Ruf „Herr, erbarme dich“ ist uns aus dem Kyrie vertraut. Seine Wiederholung gibt dem gemeinsamen Beten einen ruhigen, eindringlichen Rhythmus. Beim "Kleinen Einzug" wird das Evangelienbuch feierlich getragen. Die sichtbare Ehrung des Buches lenkt die Aufmerksamkeit auf Christus, dessen Wort gleich verkündet wird. Es folgen die apostolische Lesung, das Halleluja und das Evangelium sowie dessen Auslegung in der Predigt. Wer an die Evangelienprozession einer festlichen römischen Messe denkt, findet auch hier einen unmittelbaren Zugang: Kerzen, Weihrauch und Gesang drücken die Ehrfurcht vor dem gegenwärtigen Herrn aus.

 

Mit dem Übergang zur Eucharistiefeier tritt ein besonders charakteristischer Gesang hervor, der Cherubimhymnus. Er beginnt in einer deutschen Übersetzung:

 

„Die wir die Cherubim im Mysterium abbilden und der lebenschaffenden Dreiheit den Hymnus des Dreimalheilig singen …“

 

Die Gemeinde wird eingeladen, ihre irdischen Sorgen abzulegen und den König des Alls zu empfangen. Darin verdichtet sich ein Grundzug der byzantinischen Liturgie: Die Feier der Kirche auf Erden öffnet sich auf den Gottesdienst des Himmels hin. Die Betenden stimmen in den Lobpreis der Engel ein. Das kennen wir auch aus der römischen Messe. Am Ende der Präfation werden wir ausdrücklich eingeladen, mit den Engeln und Heiligen das Sanctus zu singen. Was dort in wenigen Sätzen aufleuchtet, entfaltet die byzantinische Liturgie mit besonderer Ausführlichkeit in Gesang, Bildern und Gebärden.

 

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Während des Cherubimhymnus geschieht der Große Einzug: Brot und Wein werden zum Altar getragen. Dieser Vorgang lässt sich von unserer Gabenbereitung her verstehen, auch wenn er in der byzantinischen Tradition eine reichere zeremonielle und geistliche Ausgestaltung besitzt. Die Gaben werden für die eucharistische Darbringung bereitgestellt. Die Gemeinde bereitet sich durch das Bekenntnis des gemeinsamen Glaubens auf das große Dankgebet vor.

Dieses Dankgebet heißt Anaphora und entspricht unserem eucharistischen Hochgebet. Schon sein einleitender Dialog lässt die Verwandtschaft unmittelbar hören: Der Aufruf, die Herzen zu erheben, und die Einladung, dem Herrn zu danken, sind uns vertraut. Auch der innere Gang des Gebetes ist wiederzuerkennen: Danksagung an den Vater, Lobpreis mit den himmlischen Mächten, die Worte Jesu beim Letzten Abendmahl, das Gedächtnis seines Heilswerkes, Darbringung und Bitte um die Heiligung durch den Heiligen Geist.

Eine kurze Wendung nach dem Gedächtnis des Heilswerkes Christi bringt die Haltung dieser Darbringung besonders schön zum Ausdruck:

 

„… das Deine vom Deinen Dir darbringend, gemäß allem und wegen allem …“

 

Alles, was die Kirche Gott darbringt, hat sie zuvor von ihm empfangen: die Gaben der Schöpfung, das Leben und vor allem Christus selbst. Auch das ist uns aus der römischen Messe vertraut. Bei der Gabenbereitung danken wir Gott für das Brot und den Wein, die wir durch seine Güte empfangen haben, im "römischen Kanon" bringen wir ihm „von deinen Gaben und Geschenken“ (de tuis donis ac datis) dar. Die Eucharistie ist getragen von dieser Bewegung des Empfangens, Dankens und Zurückschenkens.

 

Besonders eindringlich ist in der byzantinischen Anaphora die Epiklese, die Anrufung des Heiligen Geistes. Der Priester bittet um dessen Herabkunft auf die Gemeinde und auf die vorliegenden Gaben. Auch die römischen Hochgebete kennen die Bitte um das heiligende Wirken des Geistes, besonders ausdrücklich die nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil hinzugekommenen Hochgebete. Unterschiedliche Akzente innerhalb des Gebetes lassen denselben Glauben hervortreten: Gott handelt an seiner Kirche: er heiligt die Gaben und verbindet die Empfangenden mit Christus und miteinander.

 

Vaterunser, Brotbrechung, Kommunion, Danksagung und Entlassung vollenden die Feier. Auch hier ist der Weg vertraut. Die Gemeinschaft am Altar soll das Leben verwandeln. Was die Gemeinde empfängt, trägt sie hinaus in ihren Alltag: Versöhnung, Dankbarkeit und die Bereitschaft, sich dem Nächsten zuzuwenden.

 

Die Wurzeln der "Liturgie von Byzanz"

 

Die heutige byzantinische Liturgie ist über viele Jahrhunderte gewachsen. Ihre Wurzeln reichen wesentlich in die antiochenische Liturgietradition hinein, eng damit verbunden ist das eigenständige Erbe Jerusalems. Antiochien und Jerusalem sollte man dabei als miteinander verbundene Zentren verstehen, deren Überlieferungen auf unterschiedlichen Wegen weiterwirkten. In Konstantinopel wurden diese Traditionen aufgenommen und weitergestaltet. Johannes Chrysostomus, der in Antiochien als Priester wirkte und später Bischof von Konstantinopel wurde, steht auch persönlich für diese Verbindung. Hinzu kamen kappadokische Einflüsse sowie, besonders für das gesamte gottesdienstliche Leben, die Gebetstraditionen Jerusalems und des palästinischen Mönchtums. So entstand allmählich jene Verbindung von eucharistischem Gebet, Hymnendichtung, Prozessionen und monastischer Gebetsordnung, die wir heute als byzantinischen Ritus kennen.

 

Byzantinische Spuren in den westlichen Liturgien

 

Auch der lateinische Westen hat eine größere liturgische Vielfalt bewahrt, als der Blick auf den römischen Ritus allein vermuten lässt. Im "ambrosianischen" Eigenritus der Erzdiözese Mailand finden sich deutliche Spuren des Austauschs mit dem christlichen Osten, etwa in der Geschichte des antiphonalen Gesangs und der Hymnen. Der hispano-mozarabische Ritus, der besonders mit Toledo verbunden ist, weist ebenfalls bemerkenswerte Berührungen und Parallelen zu östlichen Liturgien auf. Allerdings lässt sich nicht jede Ähnlichkeit als unmittelbare Übernahme erklären. Manches gehört einfach zum gemeinsamen Erbe der alten Kirche. Gerade diese Verwandtschaften zeigen, wie eng die liturgischen Welten miteinander verbunden waren.

 

Fremdes erleben: Eigenes besser verstehen

 

Wer die Göttliche Liturgie auf diese Weise mitfeiert, kann durch sie auch die eigene liturgische Tradition neu entdecken. Die Ikonen machen die Gemeinschaft mit den Heiligen sichtbar, die wir in jedem Hochgebet bekennen. Der Weihrauch und die Verneigungen geben der Ehrfurcht leiblichen Ausdruck. Der Gesang trägt das gemeinsame Gebet, und die feierlichen Einzüge lenken den Blick auf das Kommen Christi zu seiner Gemeinde. Die Unterschiede sind bedeutungsvoll, sie lassen unterschiedliche geistliche Erfahrungen und geschichtliche Wege erkennen. Sie entfalten sich aber um dieselbe Mitte: Die Kirche hört auf ihren Herrn, dankt für sein Heil und wird in der Eucharistie mit ihm verbunden. Darin liegt die tiefe Verwandtschaft, die uns die Göttliche Liturgie als etwas zugleich Neues und Vertrautes erfahren lässt.