Donnerstag 29. Oktober 2026

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Leere Schaukel im Sonnenuntergang
iStock/Andreas-P / Leere Schaukel im Sonnenuntergang
29.10.2026

Wenn Verlust das Leben verändert: Über Abschied, Hoffnung und das Weitergehen

Trauer beginnt oft lange vor dem eigentlichen Abschied und begleitet Menschen weit über ihn hinaus. Kinderärztin und Palliativmedizinerin Martina Kronberger-Vollnhofer spricht darüber, warum Hoffnung viele Gesichter hat, weshalb Trauer und Lebensfreude nebeneinander Platz haben dürfen und was Betroffene von ihrem Umfeld wirklich brauchen.

Wenn ein Kind schwer erkrankt, verändert sich das Leben einer Familie von einem Tag auf den anderen. Gewissheiten geraten ins Wanken, Zukunftspläne werden fraglich, und oft zieht eine große Unsicherheit ein. Wie geht man mit der Angst um? Wie spricht man über Sterben und Tod? Und ist es überhaupt erlaubt, glücklich zu sein, wenn gleichzeitig so viel Leid da ist?

 

Wir haben mit Martina Kronberger-Vollnhofer, Leiterin des Kinderpalliativteams MOMO gesprochen, für sie gehören diese Fragen zum Alltag. Sie begleitet Familien, deren Kinder an lebensverkürzenden Erkrankungen leiden. Dabei erlebt sie immer wieder, dass Trauer nicht erst nach einem Todesfall beginnt.

 

„Trauer ist nichts, das man abarbeitet und irgendwann erledigt hat“, sagt sie. Vielmehr müsse sie gelebt werden. Schon mit der Diagnose eines schwerkranken Kindes beginne oft ein Abschiedsprozess: von Vorstellungen, Erwartungen und Zukunftsbildern, die Eltern für ihr Kind und ihre Familie hatten. Gleichzeitig gelte es, mit einer Unsicherheit zu leben, die viele Familien als besonders belastend erleben. Der Verlauf schwerer Erkrankungen sei oft nicht vorhersehbar. Krisen und stabile Zeiten wechselten einander ab.

 

Wenn Angst und Hoffnung nebeneinander Platz haben

Angst vor dem Tod ist in solchen Situationen ein ständiger Begleiter. Dennoch plädiert Kronberger-Vollnhofer dafür, Sterben und Tod nicht zum Tabuthema zu machen. Offenheit sei wichtig, allerdings brauche es dafür Sensibilität, Vertrauen und den richtigen Zeitpunkt.

 

Dabei gehe es nicht darum, Hoffnung aufzugeben. Hoffnung könne viele Formen annehmen. Sie müsse nicht ausschließlich auf Heilung gerichtet sein. Hoffnung könne auch bedeuten, einen schmerzfreien Tag zu erleben, gemeinsam Zeit zu verbringen oder einen besonderen Moment miteinander zu teilen. „Hoffnung wirkt immer, selbst dann, wenn sie sich nicht erfüllt“, sagt Kronberger-Vollnhofer.

 

Trauer und Lebensfreude schließen einander nicht aus

Eine Erfahrung aus ihrer langjährigen Arbeit hat die Kinderärztin besonders geprägt: Schweres und Schönes können gleichzeitig existieren.

 

Als junge Ärztin habe sie es als ungerecht empfunden, wenn nach dem Tod eines Kindes draußen die Sonne schien und das Leben scheinbar unverändert weiterging. Heute sehe sie darin auch eine wichtige Ressource. Die Welt bleibe nicht stehen und genau das ermögliche Menschen, weiterzugehen und handlungsfähig zu bleiben.

 

Deshalb dürfe auch in Zeiten von Krankheit, Abschied und Trauer gelacht werden. Humor habe seinen Platz, nicht um Leid kleinzureden, sondern als Ausdruck von Leben. Das gelte für Kinder ebenso wie für Eltern und Geschwister.

 

Worte sind nicht immer notwendig

Gerade wenn Gefühle kaum in Worte zu fassen sind, finden Kinder oft andere Ausdrucksformen. Spielen, Malen oder Musik können helfen, Ängste, Sorgen und Traurigkeit sichtbar zu machen. Auch Erwachsene erleben immer wieder, dass Gespräche allein nicht ausreichen. Kreative Zugänge können Brücken zu den eigenen Gefühlen schlagen, wenn Sprache an ihre Grenzen kommt.

 

Kronberger-Vollnhofer betont zudem, dass Begleitung nicht mit dem Tod eines Menschen endet. Auch danach brauchen Eltern, Geschwister und Angehörige Menschen, die zuhören, mittragen und einfach da sind.

 

Da sein statt die richtigen Worte suchen

Viele Menschen fühlen sich hilflos, wenn in ihrem Umfeld ein Kind schwer erkrankt oder ein Todesfall eintritt. Aus Angst, etwas Falsches zu sagen, ziehen sie sich zurück. Doch genau diese Distanz kann für Betroffene besonders schmerzhaft sein.

 

Wichtiger als perfekte Worte sei echte Präsenz, sagt die Expertin. Zuhören, nachfragen, konkrete Hilfe anbieten oder einfach gemeinsam einen Teil des Alltags teilen, könne viel bewirken. Oft gehe es nicht darum, eine Situation zu lösen, sondern sie gemeinsam auszuhalten.

 

Gerade rund um Allerheiligen und Allerseelen, wenn viele Menschen ihrer Verstorbenen gedenken, werde sichtbar, dass Trauer ein Teil des Lebens bleibt. Sie verschwindet nicht einfach. Doch sie kann getragen werden: durch Beziehungen, Erinnerungen, Hoffnung und das Wissen, mit dem Schmerz nicht allein zu sein.

 

„Da sein – im Lachen und im Weinen“, so lautet das Leitmotiv von MOMO. Vielleicht fasst es auch zusammen, was Menschen in Zeiten von Verlust und Trauer am meisten brauchen.

 

Autorin: red/KS